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Wilfried / Nachts in der City – CD-Review

Wilfried / Titel: Nachts in der City – CD.-Review

Es gibt so vieles da draußen. Wir wissen das, und wissen auch, dass wir vieles da draußen nicht kennen. Oder nicht richtig kennen. Wilfried zum Beispiel.

Wilfried heißt bürgerlich Wilfried Scheutz. Das heißt, so hieß er, denn er ist 2017 leider verstorben. Wenn der Rezensent auch mit dem Namen Wilfried erst nichts anfangen konnte, so macht es spätestens dann klick, wenn die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) zur Spreche kommt. Auf "1. Allgemeine Verunsicherung", dem Debütalbum aus dem Jahr 1978, stand Wilfiried als Sänger am Mikro.

Selbstverständlich beginnen Musikerkarrieren nicht erst, dann wenn sie mit einer Band in Verbindung gebracht werden, die man auch im Mainstream Radio zu hören bekommt. Wobei das bei den ersten EAV-Sachen, auch eher nicht der Fall war. Bei Wilfried möchte ich, was seine Vergangenheit betrifft, gerne Hide & Seek erwähnen, eine Grazer Hard Rock-Truppe mit guter Psychedelic im Repertoire. Aber auch da war, wie bei der EAV sein Wirken von äußerst kurzer Dauer. Nicht unerwähnt darf auch bleiben, dass er als einer der ersten gilt, der den Weg für die sogenannte Neue Volksmusik ebnete. Spaßbremsen mögen bitte in den Kaller gehen, aber seine 'harte' Version des "Kufsteinliedes" geht so was von bei …

Musikalisch war es schon eine Art Tausendsassa, denn auch Blues, Jazz und Pop finden sich in seiner Vita.  Wie gesagt, meine Begegnung mit Wilfried fand erst im Rahmen des vorliegenden Albums statt, dessen Aufnahmen mit dem 31. Januar 1986 datiert sind und aus dem Wiener Metropol stammen. Stilistisch firmiert Wilfried am ehesten wohl unter dem Begriff Austropop. Allerdings mit einer anständigen Portion Liedermacher und einer, von mir sehr geschätzten, Portion Wiener Schmäh. Verwandtschaft zu Hubert von Goisern, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Rainhard Fendrich ist erkennbar. Stellenweise muss ich gar an meinen verehrten Ludwig Hirsch denken. Etwas mehr düsteren Touch und "Orange" und vor allem "Lauf Hase lauf" zum Beispiel, hätten dem Ludwig auch gut gestanden. Mit Hirsch verband ihn ansonsten auch die Schauspielerei. Saustark sind sie, die beiden eben erwähnten Stücke und wenn bei "Lauf Hase lauf" zur solierenden Gitarre gejodelt wird, dann möchte man im Beisl sitzen und was vom Fass zu sich nehmen,

Rockig mit unverkennbarem Foreigner-Duft dagegen das "Rockviech Rudi". Unverkennbar auch díe Spector-, Barry– und Greenwich-Nummer in "Nix hat Nagel / River Deep Mountain High". Auf der Schmunzelseite steht Lied Numero vier, bei dem wir erfahren, das der Rock’n’Roll nicht aus Amerika, sondern aus dem Radio kommt. Ganz anders und man möchte es so manchen ins Gesicht tapezieren, präsentiert sich "Erwachsen wie ein Kind". So folgt Nummer auf Nummer, mal stark rockig, mal nachdenklich und ruhig wie etwa "Daß sie dich lieben".

Ganz stark das emotionale und tiefwirkende "Masgumje", was die KI meiner Suchmaschine mir wie folgt erklärt: »In dem Song wird das Wort im Refrain als eine Art Fantasiebegriff oder lautmalerische Umschreibung verwendet, die oft mit dem Ausdruck "Mach’s gut, mein Kind" oder "Mach’s gut, mein Kleiner" in Verbindung gebracht wird«. Und wieder was gelernt.

Und da Wilfried am Anfang seines musikalischen Werdegangs auch dem Blues frönte, kommt nun ein Bluesmoster. Elf Minuten  "Adler Bluusz". Herrje, wie stark ist denn das? An dieser Stelle auch die Daumen hoch für die Band, die da seit 15 Songs nicht nur im Hintergrund agiert. Das ist herrlicher Blues mit deutschem, respektive österreichischem Gesang. Mischka Krausz' Basssolo kommt einem Tubasound sehr nahe und Freddy Tezzele beherrscht auf seiner Gitarre nicht nur die rockigen, sondern auch die bluesigen Läufe und Pickings. Kongenial im Dienst des Gesamten und auch mal im Vordergrund agiert der Teheraner Hossein Muhammad Rastegar an den Fellen und dass die Tasten von Gerhard Warmbrechtshammer stets perlig und auch schon mal im B3-Sound durch den Äther schwirren, verwundert nicht, denn dieser Fünfer ist eine feine Einheit.

Dass der Protagonist 1998 mit seinem Beitrag "Lisa Mona Lisa" beim Grand Prix Eurovision de la Chanson für Österreich antrat und 0 Punkte bekam ist eine andere Geschichte und soll nicht interessieren, zumal diese Veranstaltung in meine  Augen eh … aber lassen wir das.

Schauspielerei hatten wir bereits, auch ein Buch hat er geschrieben, wandte sich musikalisch später unter anderem auch dem Jazz zu, wurde Gastwirt und verstarb schließlich 2017 im Alter von nur 67 Jahren an Krebs. Posthum wurde Wilfried Scheutz ein Jahr später bei der  Amadeus-Verleihung 2018 für sein Lebenswerk geehrt. Zu Recht, wie ich finde. Und wem es nun geht wir mir, hat Glück, dass MIG Music sich diesem Künstler angenommen und vorliegende Live-Scheibe veröffentlicht hat,


Line-up Wilfried:

Wilfried Schutz (vocals)
Freddy Tezzele (guitars)
Hossein Muhammad Rastegar (drums)
Gerhard Warmbrechtshammer (keyboards)
Mischka Krausz (bass)

Tracklist Nachts in der City:

  1. A, B, C – X, Y, Z
  2. Rockviech Rudi
  3. Alles Leiwand
  4. Der Rock ’n' Roll kommt aus dem Radio
  5. Orange
  6. Nix hat Nagel / River Deep Mountain High
  7. Lauf Hase lauf
  8. Lass mi bei Dir sein
  9. Südwind
  10. Erwachsen wie ein Kind
  11. Dass sie Dich lieben
  12. Highdelbeeren
  13. Nachts in der City
  14. Masgumje
  15. Adler Bluusz

Gesamtspielzeit: 79:03, Erscheinungsjahr: 2026 (1986)

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
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