Den 1930 geborenen und 2000 verstorbenen österreichischen Pianisten und Komponisten Friedrich Gulda wird man in der Regel mit klassischer Musik in Verbindung bringen. Im Alter von sieben Jahren startete er mit dem Klavierspiel und bereits 1942 nahm er eine musikalische Ausbildung an der Wiener Musikakademie auf. Bekannt wurde er vor Allem für seine besonderen werkgetreuen Interpretationen von den Komponisten Mozart und Beethoven. Natürlich umfasste sein Repertoire auch weitere wichtige Werke von Künstlern der klassischen Musik, seien es Bach, Schubert, Chopin, Debussy oder Ravel.
Doch darüber hinaus interpretierte er nicht nur, sondern tat sich ebenfalls als Komponist hervor, und im Rahmen dessen zeigte er ebenfalls Interesse für den Jazz, besonders ab dann, als er 1951 den österreichischen Jazz-Musiker Joe Zawinul (später Weather Report) kennen lernte. So bemühte er sich um die Aufhebung der Trennung zwischen E- und U-Musik und war weltweit einer der wenigen Musiker, die sich neben der Leistung als klassische Pianisten mit den Jazzgrößen ihrer Zeit auf gleichem pianistischem und improvisatorischem Niveau einbringen konnte. Er pries den Jazz als »das wirklich Fortschrittliche«.
Experimentelle Betätigung fand er im Trio Anima mit Limpe und Paul Fuchs, und später spielte er auch im Duett mit der Sängerin und Perkussionistin Ursula Anders. Und somit kommen wir zu dieser vorliegenden Doppel-CD, denn die Genannte war Teil der Band und seine damalige Lebensgefährtin, mit der diese Einspielungen für "Nachricht vom Lande" entstanden, live aufgenommen im Sommer 1976 auf Schloss Moosham im Lungau, Salzburg, auf zwei CDs. CD #2 enthält darüber hinaus auch Elemente von Donner, Wind und Regen als Hintergrundgeräusche eines Gewitters.
Die Einspielungen entstanden gemeinsam mit Barre Philips, Cecil Taylor, John Surman, Albert Mangelsdorff und Ursula Anders, allesamt Garanten für die Gestaltung von Free Jazz. Das war im Sommer 1976 auf Schloss Moosham im Salzburger Land, und diese Aufnahmen zu "Nachricht vom Lande" erschienen bereits 1976 als Doppel-LP auf dem Brain-Label. Wir hören Free Jazz erster Güte, sicher, die Ausrichtung ist stets 'europäischer' als jener von Kollegen*innen aus den USA, nun, insofern wird sich auch die Ausrichtung von Gulda in Hinblick auf klassische Musik ein wenig ausgewirkt haben. Dabei ist gleich beim Auftaktsong, "Einsamkeiten", auffällig, wie sehr sich Gulda doch entfernt vom Klang des klassischen Pianos, setzt er hier doch bereits Elektronik ein, so dass meiner Meinung nach auch das Genre Avantgarde kräftig bedient wird. Insofern fehlen sicher die 'Seele' und die enormen Gefühlsaufwallungen amerikanischer, speziell der afro-amerikanischen Ausrichtung mit ihrer Kraft. Hier wirkt es in der Tat europäischer, ’sachlicher' und kühler und weniger mitreißend hinsichtlich der Energie.
Die Titel auf der zweiten CD, die im Übrigen klanglich klar im Vorteil ist, stammen auch von dem Festival im Schloß Moosham in der Region von Salzburg. "Das Gewitter" im ersten Track fand sogar Einzug in den Song, quasi unbeabsichtigt trägt es zu dieser entsprechenden Besonderheit bei und kommt ganz besonders im expressiven Endteil des Songs imposant mitwirkend zur Geltung! Im Übrigen halte ich diese drei Stücke auch für gefühlvoller und weniger kühl, weil sich hier doch mehr Jazz durchsetzt und weniger mit avantgardistischen Mustern gearbeitet wird, außer, dass es auch hier wieder elektronische Verfremdungen gibt, sowie von Gulda selbst als auch besonders durch John Surman mit dem Synthesizer. Dennoch empfangen wir Free Jazz in Reinkultur, aber halt eben mit dieser mehr ausgeprägten europäischen Ausrichtung. Dafür sorgen natürlich die hervorragenden Jazzmusiker, die sich allesamt zum Zeitpunkt der Aufnahmen 'einen Namen gemacht hatten'.
Line-up Friedrich Gulda:
Friedrich Gulda (el. clavichord, bass recorder, piano, bongos)
Barre Phillips (bass)
Cecil Taylor (piano)
John Surman (soprano and baritone saxophone, synthesizer)
Albert Mangelsdorf (trombone)
Ursula Anders (drums)
Stu Martin (drums)
Tracklist "Nachricht vom Lande":
CD 1:
- Einsamkeiten (18:17)
- Begegnung auf Moosham (5:35)
- Wechselnde Begegnungen auf Moosham (27:21)
CD 2:
- Mooshamer Begegnungen (Das Gewitter) (19:42)
- Mooshamer Begegnungen (Nach Dem Gewitter) (7:36)
- Nachklänge – Rückkehr – Zweisamkeit (13:34)
Gesamtspielzeit: CD 1 : 51:11, CD 2: 40:50, Erscheinungsjahr: 2025 (1976, Brain)



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