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Marvin Dee Band / Changes – CD-Review

Marvin Dee Band / Changes

Aus welchem Universum mag diese CD namens "Changes" entstammen, die Ilka mir in mein Urlaubs- und Ruhestandsdomizil gesendet hat? Was ist das, Americana in nederlandse stijl?
Vielleicht ist es an der Zeit, an dieser Stelle einmal zu bekennen, dass ich von mütterlicher Seite Migrationshintergründe habe. Opa stammte aus einem alten Hugenotten-Clan und brachte französische Gene mit. Meine Oma aber, die meiner Mutter sicher am nächsten stand, hieß van der Meulen. Es braucht wenig Fantasie um zu erkennen, dass da ein holländischer Zweig aus unsere Familie sprießt. Darüber bin ich sehr glücklich und auch ein bisschen stolz. Und die Marvin Dee Band stammt aus Holland, welkom bij RockTimes.

Hoch emotionale Musik aus dem Spannungsfeld zwischen klassischem Songwriting und tief in der (amerikanischen) Rockmusik verwurzelten, folkorientierten Kompositionen, angereichert mit einem – sich vor Leidenschaft verzehrenden – Gesang ("Little Boy"). Es hat nicht sehr lange gedauert, da hat mich die Marvin Dee Band vollkommen erobert. Ehrlich, hier wird musiziert, als würde das Herz des Planeten sich ausschütten wollen mit aufgestauten Empfindungen, als wolle das Leben die Dramatik seiner selbst in passende musikalische Strukturen einbringen. Voller Melancholie, aber auch mit ungeheurer Spannung, denn hier arbeitet eine Band zwischen ganz ruhigen Momenten mit Gesang und akustischer Gitarre bis hin zu verstärkenden Bläser- oder Streichereinsätzen und einer auftrumpfenden elektrischen Gitarre, wenn es geboten scheint. Bruce Springsteen würde begeistert zuhören, doch der Duktus der Musik liegt irgendwo bei Marc Cohn oder den ruhigeren Nummern eines John Hiatt – und Joan Armatrading hat uns mit einem ähnlichen Ansatz schon im Rockpalast verzaubert, damals vor nunmehr fast schon 40 Jahren. Und Jackson Browne dürfte all die genannten durchaus mit beeinflusst haben.

Genau mit einem Feeling des Genannten startet das Album mit "Bolt Everything Down". Ein gefälliger Drive wird durch die E-Gitarre erzeugt, Bläser stützen den Refrain, der richtig Dampf in den Kessel treibt. Der Song gehört zu den offensivsten Nummern auf dem Album und strahlt sogar ein bisschen poppige Attitüden aus. Aber er macht schnell klar, dass es kein wildes Solo-Geschrammel geben wird, hier agiert wirklich jeder und zu jeder Zeit am Spannungsfeld des Konstrukts. Und das lebt in erster Linie vom charismatischen Gesang, in sofern sicher ein typisches Songwriter-Album. "DYWK" hält den Druck hoch und lebt von der Power elektrischer Gitarren. Hier dürfen sogar ein paar Riffs zwischendrin für Tempo sorgen, doch der sanfte Ausklang führt uns in eine Ballade von großer Schönheit. Eine spärliche akustische Gitarre und dieser tief einnehmende Gesang: »Little boy, don’t you worry about me, oh little boy, let me worry about you«, kann man das schöner sagen, frage ich mich, der keine Kinder hat, aber in diesem Augenblick jede Zeile versteht. Zarte Keyboards und eine federleichte E-Gitarre bereiten den Teppich für einen absoluten Höhepunkt auf dem Album, "Little Boy" ist auf jeden Fall mein Favorit.

Der Stimmungspegel fließt stimmig über in die wunderschöne Blues-Ballade "Step Back". Die Musik kulminiert für einen kurzen Augenblick, doch eine zarte Trompete setzt einen perfekten Kontrapunkt zum Ende. "Solid" kontert mit eingängigem Background-Gesang und einer vorwärts orientierten Ausrichtung mit kompakten Strukturen, die diesmal sehr stimmig mit einem zurückgenommenen Piano aufgefangen werden und die Ähnlichkeit der Stimme zu John Hiatt wird in dieser Nummer besonders deutlich. Hier darf die Gitarre zum Schluss auch noch einmal ein bisschen Betrieb machen.
Nur, um in einer wirklich mitreißenden Ballade voller Melancholie und Reflektion zu landen. "OK" beginnt wie ein Runrig-Song, aber Marvin Dee behält spielerisch seinen eigenen, zutiefst sensiblen Fluss. Musik, die aus der Reduktion auf das Wesentliche lebt. Ein bisschen muss ich an Jeff Buckley denken und seine Version von "Hallelujah". 'Kippenfell', wie der Holländer sagt.

"Proud" lässt es dann richtig krachen, wenngleich mit einem maximal mittleren Tempo. Hier darf die Harp sich mit dem restlichen Gebläse duellieren, der hymnische Refrain treibt mächtig nach vorn, ein Break schenkt uns eine meditativ, fast psychedelische Pause, steigert sich aber alsbald in ein schönes Gitarrensolo – so etwas wie der aggressivste Song auf dem Album. Fast würde es wundern, wenn nicht ein Stimmungswechsel anstünde. "Harder" ist eine eindringlich schöne, traurige Ballade, die mich an Mark Cohns und Dave Grusins Mitwirkung an dem Jugend-Drama "The Cure" erinnert, jenem traurigen Abenteuer-Film über einen kleinen Jungen (Joseph Mazzello aus Jurrasic Parc), der durch eine Bluttransfusion an HIV erkrankt und letztlich sterben muss, bis ans Ende begleitet von seinem besten Kumpel, gespielt von Brad Renfro, der im realen Leben nur 25 Jahren alt werden durfte. Toller Film, wer ihn nicht kennt. "Sweetlake City verstärkt irgendwie diese Erinnerung, aber auf eine viel optimistischere Weise, eine kurze Nummer, die nach dem eher zurückgenommenen "Hungry" noch einmal Dampf machen darf.

Dass man ein solches Album balladesk beenden muss, scheint mir geradezu als eine Verpflichtung und so kommt es auch. "Waking Up" lebt noch einmal von der einfühlsamen Stimme seines Protagonisten, der hier noch einmal alle Verstärker einsetzt, die das Gefühlsbarometer hochhalten. Sanftes Piano, zarte Streicher und stimmige Hintergrundgesänge. Touch Down, die Botschaft ist angekommen.

Ich weiß nicht so genau, wann mich zuletzt eine Scheibe mit ruhig besinnlicher Musik derart berührt hat wie dieses Album, ich bin ja meist auf eher wilderen Pfaden unterwegs. Die Marvin Dee Band nimmt mich mit durch ihre schonungslose Offenheit und die authentisch vorgetragenen Gefühle. Nein, Rockmusik muss nicht cool sein, wie einige Menschen in meinem Umfeld glauben – sie muss bei sich sein und in sich stimmig. "Changes" kommt direkt aus dem Leben. Genau darum darf ich dieses Album empfehlen an alle, die bereit sind, ihre Antennen für einen Folk Rock-orientierten und höchst gefühlvollen musikalischen Ansatz einzustellen. Americana funktioniert nicht nur in den Staaten, T.G. Copperfield beweist das ein ums andere mal. Und was in der Gegend von Regensburg geht, das klappt auch in Rotterdam. Doch keine Sorge, neben den wirklich hinreißend mitnehmenden langsamen Nummern ist immer wieder auch Zeit, auf einen guten Groove einzusteigen, denn die Intensität der Songs dreht immer wieder mal auf und reißt mit, ganz ohne Double Bass Drums oder heftige Riffs. Die tiefsten Steigerungsformen erreicht Musik eh, wenn sie subtil agiert und ganz behutsam den Druck aufbaut, der uns abfliegen lässt. Marvin Dee und seine Band schenken uns ein sensibles Werk mit vielen Schattierungen, Musik, die nicht spektakulär, sondern eindringlich sein will. Bei mir hat sie tiefe Spuren hinterlassen.


Line-up Marvin Dee Band:

Marvin Dee (vocals, guitar, grand piano)
Quintijn Kuypers (bass, backing vocals)
Bram Gorel (drums)
Cas Ronckers (organ, piano, mandolin, percussion, backing vocals)

Guests:
Age Kat (guitar)
Laura Kits (backing vocals – #1,2,3,4,5,6,7,8,10)
Sebas Notenboom (backing vocals – #2,5,6,7,10)
Jane Loois (backing vocals – #2,4,5,6,7,9,10)
Myrthe van de Weetering (violin – #3,5,7,8,9,11)
Saskia Frijns (violin – #3,5,7,8,9,11)
Bart Folkerts (viola – #3,5,7,8,9,11)
Ivan Nogueira (cello – #3,5,7,8,9,11)
Ben Rodenburg (sax – #1,2,4,5,7,9,10)
Quirijn Vos (trumpet – #1,2,4,5,7,10, flugelhorn # 9)
Efe Erdem (trombone – #1,2,4,5,7,9, 10)
Ahmad Abdulrahman (percussion – #2)

Tracklist "Changes":

  1. Bolt Everything Down
  2. DYWK
  3. Little Boy
  4. Step Back
  5. Solid
  6. Ok
  7. Proud
  8. Harder
  9. Hungry
  10. Sweetlake City
  11. Waking Up

Gesamtspielzeit: 43:19, Erscheinungsjahr: 2019

Über den Autor

Michael Breuer

Hauptgenres: Gov´t Mule bzw. Jam Rock, Stoner und Psychedelic, manchmal Prog, gerne Blues oder Fusion

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