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Motörhead / The Manticore Tapes – CD-Review

Motörhead - "The Manticore Tapes" - CD-Review

Dieses alte Gespenst geht ja immer noch um: Das Veröffentlichen aller möglichen plötzlich wiedergefundenen Soundschnipsel, die nach dem Tod erfolgreicher Musiker wieder auftauchen. Logischerweise sollt man da auch immer mit einem wachen Auge bzw. Ohr dran gehen. Stellt das Internet einen Fluch sowie auch Segen dar, kann man diese Veröffentlichungen seit Jahren jedoch bereits wenige Tage nach dem Erscheinungstermin auf den bekannten Plattformen bereits antesten. Und grundsätzlich sieht es der Verfasser dieser Zeilen so, dass man – je nach Qualität – ja auch nicht alles kaufen muss und seine eigenen Entscheidungen treffen kann. Als die Scheibe "The Manticore Tapes" von Motörhead angekündigt wurde, stellten sich beim Rezensenten allerdings umgehend die Nackenhaare senkrecht. Dabei handelt es sich nämlich um die ersten Studioaufnahmen des legendären Trios Lemmy Kilmister, 'Fast' Eddie Clarke und Phil 'Animal' Taylor.

Das allererste Band-Line-up mit dem Gitarristen Larry Wallis sowie dem Drummer Lucas Fox hatte nicht mal ein volles Jahr lang gehalten, mit der von Herbst 1975 bis Februar 1976 über mehrere Termine aufgenommenen Scheibe "On Parole" jedoch immerhin ein Statement hinterlassen. Selbst wenn die Drum-Spuren von Lucas Fox gegen Ende der Aufnahmen – von einem Song abgesehen – von Phil Taylor neu eingespielt wurden. Zur damaligen Zeit ging für die Band außer ein paar Konzerten nichts nach vorne und nichts nach hinten. Die damalige Plattenfirma empfand "On Parole" als 'Nicht verkaufbar', stampfte die Platte ein und veröffentlichte sie erst 1979, als die Band mit ihren Alben "Overkill" und "Bomber" Erfolge feierte. Im August 1976 ergab sich für das neue Trio (Larry Wallis hatte irgendwann davor keine Lust mehr) dann die erste Möglichkeit zu Studioaufnahmen. Und die liegen jetzt in Form der "Manticore Tapes" vor. Das so beworbene »Verlorene Album« ist es zwar nicht, aber dazu später mehr.

Die große Hoffnung des Rezensenten, die frühen Songs hier in einer besseren Soundqualität als auf dem gleichnamigen Debütalbum vorzufinden, hat sich glücklicherweise bestätigt. Optimal ist zwar immer noch was Anderes, aber schließlich haben wir es hier ja auch nicht mit einem fertig produzierten Werk zu tun. Vielmehr kommen wir in den Genuss von live im Studio gespielten Tracks wie etwa "The Watcher", "Leavin' Here", "Vibrator", "Keep Us On The Road" und natürlich auch "Motörhead". Und das in aller Rohheit, ohne an der Performance nachträglich etwas zu beschönigen. Dennoch merkt man hier, welche Power diese Band hatte. Logischerweise ist das alles noch etwas zahmer als spätere Klassiker wie "Overkill" oder "Ace Of Spades", dennoch waren das starke Songs, die hier voller Inbrunst gebracht werden. Wie frisch die Zusammenarbeit der drei Musiker noch war, kann man auch daran feststellen, dass es mit "Instro" lediglich ein einziger von Kilmister/Clarke/Taylor geschriebener Song in die Aufnahme-Sessions geschafft hat.

Mit "Vibrator" ist noch ein Larry Wallis-Song im Set, wir bekommen eine Instrumental-Version der John Mayall-Nummer "Witch Doctor" auf die Ohren und neben den drei von Lemmy original für Hawkwind geschriebenen Tracks und dem weiteren Cover "Leavin' Here" sind auch noch die beiden Songs "Keep Us on The Road" sowie "Iron Horse/Born To Lose" am Start, die es beide auf das mit anderen Einspielungen ein Jahr später erschienen Debütalbum schafften. Dazu ein paar Alternative Takes sowie ein bisschen – eher unerheblicher – Studio Talk. Für den einen oder anderen vielleicht ebenfalls noch interessant: Selbst bei den Instrumentals "Witch Doctor" und "Iron Horse/Born To Lose" hört man Lemmys Gesang, allerdings ganz ganz weit in den Hintergrund gemischt bzw. im Mix begraben. Also eher als sogenannte Geister-Vocal Tracks. Einerseits schade, andererseits cool, diese beiden Stücke auch mal ohne Gesang zu hören.

Motörheadbanger, die die Band erst etwa ab dem neuen Jahrtausend kennen, sollten hier erstmal vorsichtig reinhören, da sich die Band in ihren ersten Jahren dann doch noch ganz anders anhörte. Für Fans der ersten Stunde bzw. der ganz frühen Alben sind die "Manticore Tapes" jedoch ein gefundenes Fressen und auch der Rezensent kann sich daran gar nicht satt hören. Eine sehr geile Ergänzung seiner umfangreichen Sammlung. Ach so, und was das sogenannte »Verlorene Album« angeht: Das ist es natürlich nicht, da es in erster Linie gar kein bzw. kein fertiges Album ist. Zum einen gibt es lediglich acht unterschiedliche Songs, die sich noch gar nicht in ihrer 'fertigen' Fassung befinden und manche sogar noch instrumental sind. Bei der Vinyl-Ausgabe ist noch eine zweite Platte, nämlich die "Blitzkrieg Over Birmingham 1977″-Live-Scheibe sowie eine 7"-Single mit zwei weiteren Live-Songs beigefügt. "Blitzkrieg…" gab es bereits vor Jahrzehnten auf CD und Vinyl. Der Sound ist leider nicht besonders toll und eher Hardcore-Fans zu empfehlen und die Single soll diesbezüglich auch nicht besser sein. Die Live-Sachen sind also in erster Linie 'For Fans only'. Davon abgesehen ein sehr feines Teil, das entdeckt werden will.


Line-up Motörhead:

Lemmy Kilmister (bass, vocals)
'Fast' Eddie Clarke (guitar)
Phil 'Philthy Animal' Taylor (drums)

Tracklist "The Manticore Tapes":

  1. Instro (instrumental)
  2. Leavin' Here
  3. Vibrator
  4. Help Keep Us On The Road
  5. The Watcher
  6. Motörhead
  7. Witch Doctor (instrumental)
  8. Iron Horse/Born To Lose (instrumental)
  9. Leavin' Here (alternate take)
  10. Vibrator (alternate take)
  11. The Watcher (alternate take)

Gesamtspielzeit: 43:19, Erscheinungsjahr: 2025 (1976)

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
Über mich
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Mail: markus(at)rocktimes.de

1 Kommentar

  1. COSSY60

    Lemmy’s Gesang auf der 1976 er Scheibe klingt noch sehr zahm, aber man hört zum Glück, dass er es ist!

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