Die Qualität einer Band wie Pearl Jam heraufzubeschwören käme ein wenig den berühmten Eulen nahe, die einst mal jemand nach Athen getragen hat. Die Meister des Grunge waren eine der großen Hoffnungen aus den Neunzigern und womöglich sind sie die einzigen, die diesen Ruf bis heute bestätigen können. Auch wenn aus den Revoluzzern aus Seattle längst eine gereifte Rockband geworden ist. Damals, vor 20 Jahren, da produzierten sie ihr viertes Album, erstmalig mit Jack Irons an den Drums. Es war zwei Jahre nach dem Ende von Nirvana und mit ihrem Album "No Code" sollten auch Pearl Jam die Pfade des Grunge verlassen. Ein Umstand, der ihnen bei alten Fans der Band damals gehörige Schelte eintrug.
"No Code" ist ein Gesamtkunstwerk in jeder Beziehung, man betrachte allein das aufwändig gestaltete Außen- und Innen-Cover, weshalb die Platte auf jeden Fall in der Vinyl-Version im Schrank stehen sollte. Gelegenheit bietet sich, denn das Werk ist nach 20 Jahren bei Sony Music neu aufgelegt worden und beinhaltet als Überraschung eine Sammlung von neun Großbild-Fotos, dem jeweils ein Song zugeordnet ist, dessen Text man auf der Rückseite findet. Neun Titel-Blätter bei dreizehn Songs, ein gewollter Gimmick, denn es gibt tatsächlich verschiedene Versionen bei der Ausstattung, wer will kann sammeln.
So bunt und patchworkartig das Cover wirkt, so vielseitig gestaltet sich die Ausprägung der Songs, die scheinbar gänzlich unzugehörig neben einander gesetzt wurden. Breaks, die dem Zuhörer ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Konzentration abverlangen. Aber dann erschließt sich irgendwann die Qualität des Gesamtprodukts.
Gleich im ersten Stück kommt uns Pearl Jam folkloristisch, balladesk daher. Man versteht sogleich, dass uns eine völlig unerwartete Reise bevorsteht – zumindest war das so, einst, im Jahre 1996. Darin finden wir auch das erste verbindende Element zum die erste Seite abschließenden "Off He Goes", etwas, was viele damals der Platte absprachen. In ähnlich entspannt folkiger Atmosphäre gleiten wir so Grunge untypisch wie nur eben möglich in den Seitenwechsel, so wie wie ganz verwundert eingedrungen sind. Nicht ohne eine verschmitzte Reminiszenz auf die Verwirrung der damaligen Enthusiasten, die sich in einem völlig falschen Kino wähnen mussten. Wein muss reifen, Bilder muss man verstehen lernen – "No Code" gehört in die gleiche Gefühlswelt.
Und der Titel "Who You Are" scheint tatsächlich als Wortspiel gemeint eine Hommage an The Who und ihr "Who Are You" darzustellen, alte Rebellenbrüder im Geiste. Eddie Vedders Gitarre ziert sogar ein The Who Symbol (zu sehen auf der DVD "Live At The Garden" von 2003), wobei der Song mit seiner umfangreichen polyrhythmischen Perkussion und dem mehrstimmigen Gesang eher an Peter Gabriels weltmusikalische Ausflüge erinnert.
So scheint "Smile" wiederum an Neil Young gekoppelt, mit einer charakteristischen Harp zu Beginn. Verwundern kann das nicht, waren Pearl Jam doch erst im Vorjahr mit dem großen Kanadier gemeinsam auf Welttournee.
Insgesamt kommen die sperrigen Gitarrenfeuerwerke nur sehr selten zum Einsatz, immerhin klingen "Hail, Hail" und "Lukin" ein wenig nach alten Tugenden und in "Red Mosquito" darf Mike McCready dem berühmtesten Sohn Seattles ein wenig folgen, da klingt es gelegentlich tatsächlich ein wenig nach Jimi. Nur aber, um in "I’m Open" beinahe esoterisch zu werden, fast ein wenig Wellness für die Seele. So etwas von Eddie Vedder? Für viele damals kaum zu fassen und dennoch ist es der charismatische Sänger, der ganz entscheidend dem Album seinen Stempel aufdrückt und mit seinen Stimmungen irgendwie auch die thematische Klammer zu setzen scheint.
In der Presse wurde "No Code" als 'der Abgesang des Grunge' (Rolling Stone Magazine, 2016) bezeichnet. Nun, dass auf "No Code" nicht allzu viel mehr übrig geblieben ist von den einstigen Sounds ist mir durchaus klar, aber ich bin nicht nahe genug an dieser Musik, um das hinreichend beurteilen zu können. Betrachtet man aber den Song "In My Tree" auf seinen Inhalt, lässt sich diese These tatsächlich ganz gut belegen:
Da ist Eddie Vedder, dieser großartige, so tief beeindruckende Künstler. Der verzweifelte Rebell, der sich mit MTV und nationalen Ticketverkäufern anlegte. Eigentlich jedem, der seine Begehren in die Welt des Mammon zu zerren versuchte. Er, der irgendwie den Eindruck hinterlassen hatte, als habe er für sich selbst eine Art selbst referentielles Messias-Dasein gewählt, so als ob er alle Qualen des modernen Lebens für uns erleiden müsse. Und Eddie konnte leiden, in den Songs und vor allem auf der Bühne. Seine emotionalen Ausbrüche dort gingen tief unter die Haut, für jeden Fan, vor allem für ihn selbst. Bei Kurt Cobain, zusammen mit Eddie Vedder das Gesicht des Grunge schlechthin, nahm es 1994 das bekannte Ende, mit einem selbst abgefeuerten Kopfschuss aus seinem Gewehr. Kann es ein krasseres Zeichen selbst zerstörerischer Kraft geben?
Angesichts eines solch dramatischen Fluchtwegs mögen wir alle gemeinsam glücklich sein, dass Eddie 1996 in dem vielsagend und sicher ein Stück weit sarkastischen "In My Tree" auf den Baum seiner eigenen Weisheit gestiegen ist, dort sich selbst und die Welt überdenkt und zu völlig neuen Lösungsansätzen kommt, während seine Freunde unten auf der Straße vorbei ziehen und er ihnen freundlich zuwinkt. Auch wenn die ihn wieder mal nicht wahrnehmen. Das ewige Schicksal des Grunge Mannes. Aber dort oben findet er seinen Platz, er findet seinen Frieden: » I’m so high, i hold just one breath here within my chest, just like innocence (eddie’s down in his home) (oh, the blue sky it’s his home)…i found my inner sense…«
Aber Eddie geht noch weiter und stellt eine inhaltliche Beziehung her zwischen seiner Baumkronen-Meditation und dem eindrücklichen "Present Tense" auf Seite zwei, wo er den Text aus "In My Tree" noch weiter treibt und in der Erkenntnis gipfelt: »Do you see the way that tree bends? Does it inspire? Leaning out to catch the sun’s rays, a lesson to be applied. Are you gettin' something out of this all encompassing trip? You can spend your time alone redigesting past regrets oh. Or you can come to terms and realize. You’re the only one who can forgive yourself oh yeah. Makes much more sense to live in the present tense…« Diese Phrase reimt sich sogar mit der aus "In My Tree" (»i found my inner sense«). Zufall? Wer glaubt denn daran?
»Du kannst Deine Zeit damit verbringen, die Stacheln der Vergangenheit zu bedauern, oder Du findest Dich endlich damit ab, wendest Dich der Gegenwart zu und erkennst, dass Du der einzige bist, der Dir selbst vergeben kann. Es ist besser in der Gegenwart zu leben.« Wer hat jemals solche philosophisch konstruktiven Gedanken gerade aus dem Grunge erwartet? Mir verpassen sie eine Gänsehaut und der Erfolg der Band zeigt, dass die Fans am Ende diese Message doch verstanden haben, egal unter welchem Etikett Pearl Jam in den nachfolgenden Jahren auch immer gehandelt wurde.
Wenn man also diese Zeilen sorgsam liest. könnte man wahrlich glauben, Eddie habe seine eigenen Erfahrungen erfolgreich reflektiert und so etwas wie Erleuchtung gefunden. Das hat etwas ungeheuer spirituelles, in "Present Tense"wunderschön durch Mikes meditative Gitarre untermalt.
Ist das also der inhaltliche Abschied vom Grunge, wenn der einstige Rebell eine neue Sichtweise und ganz neue Ausdrucksformen findet? Wenn ja, dann danken wir den Göttern des Rock ’n' Roll, dass Eddie und Pearl Jam diesen und keinen dramatischeren Weg gefunden haben. Letztlich bleibt es aber eine Frage der Definition. Wenn man die kommerzielle Verwurstung des Grunge während seiner Hochzeit betrachtet, dann mag die Auffassung begründet sein, dass die Musikindustrie ihren selbst erschaffenen Geist medienwirksam zu Grabe tragen mochte, als man seine Flaggschiffe verloren hatte. Pearl Jam, und allen voran Eddie Vedder hingegen haben sich stets gegen jede Art wirtschaftlicher Vereinnahmung verwehrt, sahen ihre Musik als eine Ausdrucksform des Underground – selbst als sie Millionen Alben verkauften. So gesehen sind Bezeichnungen und Schubladen eigentlich Schall und Rauch. Hauptsache, am Ende kommt gute Musik dabei heraus, und das ist Pearl Jam selten besser gelungen als auf "No Code". Gerade auch deshalb, weil dieses Album in überhaupt keine Schublade passt.
Line-up Pearl Jam:
Mike McCready (guitar)
Jeff Ament (bass)
Stone Gossard (guitar, vocals)
Jack Irons (drums)
Eddie Vedder (vocals, guitar)
Tracklist "No Code":
- Sometimes
- Hail, Hail
- Who You Are
- In My Tree
- Smile
- Off He Goes
- Habit
- Red Mosquito
- Lukin
- Present Tense
- Mankind
- I’m Open
- Arround The Bend
Gesamtspielzeit: 24:07 (Side 1), 25:31 (Side 2), Erscheinungsjahr: 2016 (1996)



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