Als sich die Londoner Underground-Band The Deviants Ende der sechziger Jahre nach drei Alben aufgrund von »…ein paar Missverständnissen…« während einer US-Tour von ihrem Sänger Mick Farren trennte (genauer gesagt wurde er gefeuert), waren die verbliebenen drei Mitglieder erstmal dort gestrandet, bevor sie die Kohle wieder zusammen hatten, um den Rückflug anzutreten. Zurück in London wurden sie von dem Schlagzeuger Twink überzeugt, sich seiner Band Pink Fairies anzuschließen, nachdem er sich von allen bisherigen Mitgliedern (inkl. Mick Farren) getrennt hatte. Neben Twink gingen nun also die ehemaligen Deviants-Musiker Paul Rudolph (guitars, vocals), Duncan 'Sandy' Sanderson (bass) sowie Russell Hunter (wie der Bandgründer ebenfalls drums) ins Studio und nahmen "Never Never Land" (1971) auf. Twink verließ seine eigene Band darauf, die als Trio "What A Bunch Of Sweeties" (1972) auf den Markt brachte, bevor auch Paul Rudolph (der drei Jahre später den von Hawkwind gefeuerten Lemmy Kilmister ersetzen sollte) das Handtuch warf. Der Posten an der Gitarre wurde mit Larry Wallis neu besetzt, mit dem die Scheibe "Kings Of Oblivion" (1973) entstand, bevor es erst in der zweiten Hälfte der Achtziger zu einer weiteren Studioplatte kommen sollte.
Für "Kill 'em And Eat 'em" (1987) waren Hunter, Sanderson, Twink, Larry Wallis und erstmals Andy Colquhoun an der zweiten Gitarre am Start, der danach intensiv mit Mick Farren und den sporadisch immer mal wiederbelebten The Deviants sowie Pink Fairies arbeitete. In den Neunzigern gab es noch zwei Scheiben ("Pleasure Island" von 1996 sowie "No Picture" aus dem Jahr 1997), an denen von den Original- bzw. bisher aufgeführten Mitgliedern aber ’nur' Twink und Paul Rudolph beteiligt waren, bevor es um 2010 tatsächlich zu einer Reunion von Mick Farren (der für vorherige Alben aber immer wieder Texte beigesteuert hatte), Russell Hunter, 'Sandy' Sanderson und Andy Colquhoun kam, die sich zusätzlich mit Jaki Windmill (keyboards, percussion, vocals) und dem zweiten Drummer George Butler verstärkten. Bis Farren während eines Gigs in London am 27. Juli 2013 einen Herzinfarkt erlitt und noch in derselben Nacht verstarb. Es waren jedoch bereits einige Songs für ein neues Album vorbereitet worden, ein Album, das nun mit dem Namen "Naked Radio" endlich vorliegt.
Und rocken können die Engländer immer noch! Selbst wenn der für die Band so typische Psychedelic-Einschlag der frühen Siebziger heute nicht mehr zugegen ist, sind diese vierzehn neuen Tracks mehr als respektabel ausgefallen. Innovationen oder Soundtüfteleien jeglicher Art wird man auf "Naked Radio" zwar nicht finden, dafür rocken die Stücke erdig, mit viel Dreck unter den Fingernägeln und trotzdem sehr melodisch durchs Ziel. Der Schwachpunkt der Scheibe ist leider der Gesang, der – je nach Song von unterschiedlichen Bandmitgliedern übernommen – nicht immer überzeugt. Sehr schade, da man sich als waschechter Rocker ansonsten sehr schnell mit dieser Scheibe anfreundet. Die beste Vertretung für den guten Mick Farren macht hier sehr wahrscheinlich Duncan 'Sandy' Sanderson (was leider nicht dabei steht, aber Russell Hunter hört sich bei seinem Song ganz anders an, ebenso wie Colquhoun) bei "Runnin' Outa Road", das den alten Geist der wilden Siebziger wieder lebendig rüttelt. Und dem ehemaligen Frontmann wird mit "Mick" sogar noch ein musikalisches Denkmal gesetzt.
Gleich acht der vierzehn Tracks stammen aus der Feder von Andy Colquhoun, immerhin noch drei von Mick Farren bei einem von Russell Hunter und zwei Co-Kompositionen verschiedener Bandmitglieder. Colquhoun ist ein deutlich besserer Gitarrist als Sänger, aber mit seinen sechs Saiten lässt er es dafür ordentlich krachen. Dass mit zwei Schlagzeugern ordentlich Druck von hinten kommt ist klar, aber auch der Bass liefert seinen Anteil am Gelingen der Platte ab. Die Keyboards von Jaki Windmill (dem ersten weiblichen Mitglied der Bandgeschichte) bleiben dezent im Hintergrund und unterstützen den Gesamtsound, während sie immer wieder mal durch ihr Percussion-Spiel und Background Vocals auffällt.
Beigefügt ist dem Package eine DVD, die die Fairies bei Proben zeigt, ein paar (neue) Videoclips hinterher schießt, dann kurze Interviews mit ein paar Bandmitgliedern bringt und die Combo schließlich auf der Bühne des Londoner 100 Club in Action zeigt. Ein toller und sehr gerne mitgenommener Bonus eines sowieso schon coolen Albums dieser Underground-Legende. Und auch wenn bzw. gerade weil "Naked Radio" eine Scheibe ist, deren Qualität sich erst nach einer Handvoll Durchläufen voll entfaltet, sollte man der Scheibe diese eine echte Chance geben, die sie unbedingt verdient hat. Sehr cool!
Line-up Pink Fairies:
Russell Hunter (drums, vocals)
Duncan 'Sandy' Sanderson (bass)
Andy Colquhoun (guitars, lead vocals)
Jaki Windmill (keyboards, percussion, background vocals)
George Butler (drums & percussion)
Tracklist "Naked Radio":
- Golden Bud
- The Hills Are Burnin'
- Runnin' Outa Luck
- When The Movie’s All Thru'
- I Walk Away
- You Lied To Me
- Midnite Crisis
- Stopped At The Border
- Spellbound
- Down To The Wire
- Skeleton Army
- Mick
- Naked Radio
- Deal Deal
- Brighton Electric Rehearsals
- Video Clips From Sessions
- Band Interviews
- Live From The 100 Club
Gesamtspielzeit: 56:32 (CD), 60:00 (DVD), Erscheinungsjahr: 2017



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