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Townes Van Zandt / Townes Van Zandt – CD-Review

CD-Review-Townes Van Zandt-Same

Es gibt Musiker, deren Bedeutung man (vor allem für sich selbst) nie wirklich vollständig in Worte fassen kann. Deren Lebenswerk eine (in diesem Fall meine) Person so stark und vielschichtig berührt hat, dass es bedeuten würde, sich über die Person des Musikers selbst zu erklären, was natürlich zu einer sehr komplizierten Angelegenheit werden würde. Townes Van Zandt bzw. seine Musik steht oft und weitläufig in dem Ruf, so schwermütig bis depressiv zu sein, wie es wohl auch ihr Schöpfer war. Und um ehrlich zu sein, ging es auch mir so, dass ich vor vielen, vielen Jahren beim Anhören meines ersten TVZ-Albums (das war so was wie eine 'Best of…') direkt im Herzen sowie am Gemüt gegriffen wurde und umgehend dachte: »Oh Mann, das kann ich mir nicht lange antun!« Diese Songs, der Sound, die Überlieferung der Musik und dieser Gesang packte mich umgehend am Kragen, warf einen ganz direkten sowie tiefen Blick in meine eigene Seele, rüttelte mich ganz ordentlich durch und ließ mich anschließend erstmal rat- und sprachlos auf meiner Couch zurück.

Der in Texas geborene und aufgewachsene Van Zandt war und hatte es nie leicht. Nach vielen jugendlichen (schon damals von starkem Alkoholkonsum beeinflussten) Eskapaden entschieden seine Eltern irgendwann, ihn in einer Anstalt durch Elektro- (manche Quellen sprechen auch von Insulin-) Schocks kurieren zu lassen. Damals als Wunderwaffe gepriesen, wissen wir heute glücklicherweise, was solche Behandlungen mit Menschen anrichten können. Aber wie dem auch sei, Townes hatte im Anschluss zwar so gut wie keine Kindheitserinnerungen mehr, dafür aber ernsthafte Ambitionen, ein gediegenes und sogenanntes ’normales' Leben zu beginnen. Er heiratete, begann zu studieren und schrieb in seiner Freizeit Songs. Er spielte am Wochenende – oder wann immer sich die Möglichkeit bot – in Bars und den damals so populären Coffee Houses vor Publikum. Hauptsächlich ausschlaggebend für seinen weiteren Lebensweg waren wohl zwei Situationen, die sich wie folgt abspielten: Als er sich für die Army registrieren wollte, wurde ihm von dem dortigen Psychiater eine »Komplette Untauglichkeit…« attestiert, da er »…ganz offensichtlich weder mit sich selbst noch mit dem Leben in der Gesellschaft auch nur im Ansatz klar kommt.« Die zweite entscheidende Begegnung fand damals Backstage mit dem – zumindest in der dortigen Szene schon großen Namen – Billy Joe Shaver statt, der ihm ans Herz legte, dass »…wenn du deinen Job als Musiker und Songwriter wirklich ernsthaft betreiben willst, dann musst du bereit sein, ALLES aufzugeben. Ehefrau, festen Wohnsitz, Sicherheit, Geld… vergiss es, du darfst nur noch für diese EINE Sache leben!« Wie ernst dieser Ratschlag (des damals selbst stark trinkenden) Shaver gemeint war, ist natürlich nicht mehr zu eruieren. Fakt ist aber, dass Townes sich die Worte des Freundes konsequent zu Herzen nahm.

Der Amerikaner schob anschließend alles andere radikal beiseite, spielte rastlose Auftritte und ergatterte schließlich einen Plattenvertrag. Sein Debütalbum "For The Sake Of The Song" von 1968 darf (trotz starker Songs) für alle Zeiten und guten Gewissens als 'Zugunglück' abgehakt werden. Die Produzenten hatten offensichtlich einen gewissen Sound im Sinn, der vielleicht dem damaligen Trend diente, die jeweiligen Tracks aber geradezu zerstörte und ihrer Wirkung gnadenlos beraubte. Im Folgejahr wurde dann jedoch das Zweitwerk "Our Mother The Mountain" aufgenommen, das – ungleich besser – unwahrscheinlich düster und schwermütig, aber schon sehr viele Stärken des Barden aufzeigend, daher kam.

Aber man darf sich Townes Van Zandt auch nicht als depressives, stets in der Ecke sitzendes Häufchen Elend vorstellen, denn der Mann hatte auch jede Menge Humor, was er unter anderem in den Songs "Fraternity Blues" sowie "Talking Thunderbird Blues" unter Beweis stellte. Im Frühherbst 1969 erschien dann sein drittes, gleichnamiges Studioalbum, das (selbstverständlich darf man diskutieren!) eines seiner drei besten, wenn nicht DAS beste bleiben sollte. Der Maestro war wohl mittlerweile selbst zu der Einsicht gelangt, dass sein Debüt alles andere als das präsentierte, wofür er stand. Ganz sicher ein Grund, warum man auf der hier zu besprechenden Scheibe gleich vier Songs in deutlich besserer Form findet, als diese bei seinem Erstling 'rausgeworfen' wurden.

Den Opener macht einer einer der großartigsten Van Zandt-Songs aller Zeiten, "For The Sake Of The Song". Textlich geht es um eine Frau, die der Komponist offensichtlich sehr schätzt (und mit der er sehr wahrscheinlich auch 'was hatte'), die aber deutlich mehr von ihm möchte, als er von ihr. Die ihn in genau die gesellschaftlichen Ketten (heiraten, Kinder bekommen, arbeiten und sterben) legen will, aus denen er gerade zu entfliehen versucht. Townes ’schlachtet' sein Gegenüber allerdings nicht, vielmehr singt er mit viel Hingabe und Zuneigung, ohne dabei zu vergessen, seinen eigenen Punkt klar zu machen. Die Trennung ist unabwendbar. Thematisch dazu passt der Track "Don’t Take It Too Bad" ('Nimm’s nicht zu schwer'), der aber jederzeit auch ganz für sich alleine stehen kann. Wer die Musik von Townes Van Zandt (und diesen Song) kennt und selbst mal mit allen Vieren von sich gestreckt am Boden war, weiß diesen musikalischen Trost von ganzem Herzen zu schätzen. Wunderschön hier die tolle Slide-Begleitung zu einer Akustischen.

Ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben jemals ein schöneres und menschlich wärmeres Liebeslied als "I’ll Be Here In The Morning" gehört habe, aber jedes verdammte Mal, wenn der Titel wieder läuft bin ich mir sicher, dass genau dieser meine absolute Nummer 1 ist.

Oh, lay your head back easy, love, and close your crying eyes
I’ll be laying here beside you when the sun comes on the rise
I’ll stay as long as the the Coo Coo wails and the lonesome Bluejay cries

Close your eyes, I’ll be here in the morning
close your eyes, I’ll be here for a while

Und der Komponist schafft es sogar, in dieselbe Nummer auch noch sein Fernweh bzw. Streben nach Freiheit unterzubringen:

There’s no stronger wind than the one that blows down a lonesome railroad line
no prettier sight than lookin' back on a town you’ve left behind…

There’s lots of things along the road I’d surely like to see
I’d like to lean into the wind and tell myself 'I’m free’…

Da läuft ein kompletter abendfüllender Film im Kopf des Hörers ab, der hier in einem nicht mal dreiminütigen Stück auf den Punkt gebracht wird. Nächstes Beispiel? "Waitin' Around To Die" erzählt innerhalb von 159 Sekunden die Geschichte eines jungen Mannes (wer weiß schon, wie alt er am Ende des Songs ist?) mit einer äußerst schwierigen Kindheit, der danach kriminell wird, im Knast und anschließend auf Drogen landet, mit denen er fest entschlossen den Rest seines Lebens verbringen will. Drogen… Zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen war Townes Van Zandt neben dem nach wie vor starken Alkoholkonsum auch beim Heroin angekommen, was eine (aufgrund einiger 'Unfälle' mit der Nadel) sicherlich nicht unerhebliche Inspiration für "Lungs" war. Wir betreten hier eine Ebene, die sich in einem Limbo zwischen Leben und Tod befindet. »Würdest du mir mal deine Lungen ausleihen, denn meine kollabieren gerade…« Definitiv eines der düstersten Lieder dieser Scheibe und auch aus dem Gesamtwerk des Texaners.

Der manisch-depressive Van Zandt war an guten Tagen allerdings alles andere als ein Mauerblümchen und konnte mit seinem scharfen Verstand sowie seiner spitzenmäßigen Rhetorik so ziemlich jeden auseinander nehmen, der sich mit großmäuligen Sprüchen wichtig machen wollte. Diese Seite seiner Persönlichkeit zeigte er beispielsweise bei "Fare Thee Well, Miss Carousel", dem schnellsten Track dieses Albums. Hier gibt er durchaus selbstkritisch (»Well, the drunken clown’s still hangin' 'round…«) einer Lady eine endgültige Abfuhr, die sich eindeutig nicht zwischen ihm und anderen Herzbuben entscheiden kann. Die Beziehung gleicht einer Achterbahnfahrt und der Protagonist hat schließlich genug davon. Mach’s gut, Fräulein Karussell!

Man muss nicht auf jeden einzelnen Albumtrack eingehen, wenn jeder einzelne genau genommen sogar ein eigenes Review verdient hätte. Auf dem gleichnamigen dritten Album von Townes Van Zandt ist jeder einzelne Titel eine Perle, jedes Wort eines jeden Textes passt wie ein perfektes Puzzleteil, keine Silbe wird verschwendet, ist unnütz oder fehl am Platz.

Wenn die Musik von Van Zandt anfangs auch so schwer verdaulich wie ein Schlag in den Magen erscheinen mag, so wirkt sie sehr schnell danach bereits wie der reinste Seelen-Balsam. Der Mann hat sich musikalisch bzw. vor allem textlich in Gegenden vorgewagt, wo sich sonst bisher kein (zumindest mir bekannter) Musiker hin getraut hat. Townes war bereits da und vermittelte mit seinen Songs, dass es durchaus passieren kann, sich mal ziemlich nahe an tiefen Abgründen zu befinden. Und dass es sich lohnt dafür zu kämpfen, wieder auf die richtige Seite der Gratwanderung zurück zu finden. Diese Musik macht den Hörer nicht depressiv, sie hat viel mehr heilende und tröstende Wirkung.

Townes Van Zandt hat das Leben geliebt, selbst wenn er seine Probleme damit hatte und auch das eher geheimnisvolle Coverfoto – je nach Interpretation – etwas anderes suggeriert. Und "Townes Van Zandt" sollte in keinem gutsortierten Plattenschrank fehlen, der mit Stolz verwaltet wird. Weitere Tipps wären "Delta Momma Blues" (1971), "High, Low And In Between" (1972), "Flyin' Shoes" (1978) oder das letzte Studioalbum "No Deeper Blue" (1994).

Der Amerikaner starb am 01. Januar 1997 im Alter von 52 Jahren an den Folgen einer Hüftoperation, die sein durch jahrzehntelange Exzesse geschwächter Körper nicht mehr verkraften konnte. Rest in peace, my friend!


Line-up Townes Van Zandt:

Townes Van Zandt (acoustic guitars, vocals)
James Burton (guitars, Dobro)
David Cohen (guitars)
Jack Clement (guitars)
Mike Deasy (guitars)
Charlie McCoy (guitars, bass, harmonica, organ, recorder)
Don Randi (keyboards)
Ben Bennay (harmonica)
Jules Jacob (flute)
Bergen White (string arrangements)
Chuck Domanico (bass)
Lyle Ritz (bass)
Harvey Newmark (bass)
John Clauder (drums)
Donald Frost (drums)

Tracklist "Townes Van Zandt":

  1. For The Sake Of The Song
  2. Columbine
  3. Waitin' Around To Die
  4. Don’t Take It Too Bad
  5. Colorado Girl
  6. Lungs
  7. I’ll Be Here In The Morning
  8. Fare Thee Well, Miss Carousel
  9. (Quicksilver Daydreams Of) Maria
  10. None But The Rain

Gesamtspielzeit: 35:10, Erscheinungsjahr: (1969)

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
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Mail: markus(at)rocktimes.de

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