Kulturpessimismus und Vollblut-Americana
Einen 'besseren' Zeitpunkt zum Schreiben der hier vorliegenden Zeilen kann es kaum geben … inhaltlich geht es um das letzte Live-Konzert, welches in der Heilbronner Musikkneipen-Institution 'Red River Saloon' jemals gespielt wurde – unfreiwillig, weil die Betreiber ursprünglich erst Ende Juni dieses Jahres aufhören wollten – und um das unfreiwillig letzte Konzert der europäischen Frühjahrstournee der US Rails, da kurz darauf der komplette Lockdown nicht nur den Betreibern des 'Red River Saloons' einen dicken Strich durch die Rechnung machte … rein formal dürfen diese Zeilen tatsächlich auch als Abgesang auf einen altehrwürdigen Teilbereich der Kulturbranche, der in den letzten Jahren immer stärker eher die reiferen Semester angesprochen hatte, verstanden werden.
Gemeint ist ganz allgemein die gute alte handgemachte (Rock)Musik in ihrer klassischen Ausprägung (Hard Rock, Blues, Folk, Soul, Country …), die sich längst aus den Stadien dieser Welt verabschiedet hat. Von solchen Steinzeit-Bastionen wie den – Nomen est omen – Rolling Stones, Bruce Springsteen oder AC/DC mal abgesehen, um stattdessen ihre Vitalität und Vielfältigkeit ohne Netz und doppelten Boden mehr und mehr in den kleinen Clubs und Kneipen dieser Welt auszuleben.
Leider ist an dieser Stelle zu konstatieren, dass dies eben nicht mehr möglich ist, auch über den erwähnten Frühjahrs-Lockdown hinaus, denn just am heutigen 02. November werden die kulturellen und gastronomischen Schotten abermals dicht gemacht … und das nicht nur hierzulande.
Die Betreiber des 'Red River Saloon' hatten sicherlich neben dem Alter auch noch die zunehmenden Schwierigkeiten im Blick, ein solches Etablissement bei völlig veränderten Rahmenbedingungen der Freizeitkultur … Stichwort Internet, allgemeines Überangebot, deutlich sinkender Bierkonsum (stärkeres Gesundheitsbewusstsein, Herabsetzung der Promillegrenze, Nichtraucherschutzgesetz), Zentrierung des Ausgehverhaltens aufs Wochenende … wirtschaftlich fortführen zu können. Sie sind jetzt dem Virus zuvorgekommen, viele andere werden wohl deutlich unfreiwilliger folgen, wobei sich dann zwangsläufig die Frage aufdrängt, womit die vielen passionierten MusikerInnen, die keine Millionen von Followern haben und mitnichten Millionen von Streaming-Klicks generieren können – in Zeiten, wo selbst die Stones, der Boss oder AC/DC kaum von den Tonträgerverkäufen vernünftig leben könnten – eigentlich ihr Geld verdienen sollen und können, wenn die Live-Auftritte komplett wegbrechen und in Zukunft sehr wahrscheinlich deutlich weniger Auftrittsmöglichkeiten vorhanden sein werden?
Immerhin lässt sich im Falle der US Rails, die mit ihrem gut abgehangenen Americana hervorragend in vorgenanntes Raster passen – sind sie doch hörbar eine 'One-Two-Three- Four'-Band mit 400(!) monatlichen HörerInnen bei einem sehr bekannten europäischen Streamingdienst mit großer Reichweite in Europa und Amerika und zudem der Jugend bereits (deutlich) entschlüpft – der Kulturpessimismus etwas herunterfahren, zog ihr ebenfalls in Heilbronn ansässiges (Europa-) Label den Verkaufsstart des im mehrfachen Sinne sehr passend betitelten Live-Doppeldeckers "Last Call At The Red River Saloon" wegen großer Nachfrage doch um zwei Wochen auf der eigenen Webseite vor.
Das Quartett startete vor gut zehn Jahren in Philadelphias Singer-/Songwriterszene als Zusammenschluss etablierter Einzelkünstler, damals allerdings noch als Quintett mit Joseph Parsons, und lotet nunmehr die Bündelung individueller Qualitäten im Band-Kontext bereits auf sechs Studioalben aus, wobei die jüngsten drei ohne Parsons auskommen müssen. Letzterer, Tom Gillam, Ben Arnold und Scott Bricklin veröffentlichen allesamt auch unter eigenem Namen auf dem deutschen Vorzeigelabel für Roots-Rock, Americana und Alternative Country oder, um beim Thema zu bleiben … »Finest brand in handmade music«.
Der vorliegende Doppeldecker ist nun ihr zweites Live-Dokument nach 2012 und ihm darf ob der geschilderten Umstände vom Start weg ein Mini-Legenden-Status zugeschrieben werden.
Es werden zwecks musikalischer Einordnung dieser 'Supergroup für Eingeweihte' gerne Referenzgrößen wie die Eagles oder CSN&Y herangezogen … aus Sicht des Rezensenten macht das aber keinen Sinn, weil einerseits diese Schuhe gleich mehrere Nummern zu groß sind, andererseits die Band mit der Summe ihrer jeweiligen Individualqualitäten als eigenständige Einheit überzeugen kann. Der kohärente, bruchlose und sehr harmonische Gesamteindruck erstaunt den Rezensenten durchaus, denn es gibt durchgehend keine Gemeinschaftskompositionen, sondern schön abwechselnd wirft jeder Protagonist sein Zeug in den Ring, performt seinen Beitrag höchstselbst am Mikro und wird dabei von den Kollegen sehr gerne unterstützt. Das ist alles ausgesprochen gefällig und erhält in erster Linie durch das hervorragende Slide-Spiel Tom Gillams und seiner vergleichsweise ruppig gespielten Les Paul eine angenehme Würze. Im Umkehrschluss lässt sich konstatieren, dass es zwar keinerlei qualitative Ausreißer nach unten gibt, leider aber auch zu wenige 'Bringer', die unmissverständlich aufhorchen lassen und das Röhrchen wird bevorzugt lediglich im strategisch wichtigen letzten Drittel übergestülpt.
Dafür ist dieses Dokument bemerkenswert naturbelassen … bis auf wenige Schnitte, die Pausen und eventuelle Ansagen wegrationalisieren, gibt es das Konzert im absoluten 1:1-Rohzustand, wie es auch tatsächlich gespielt wurde. Das ist dann im Ergebnis zwar weit weg von perfekt, dafür aber angenehm authentisch. Auch die leidige Kompression beim Mastering der Aufnahmen wurde hier in sehr erträglichen Grenzen gehalten.
Fazit:
Wer in Zeiten des unweigerlich lauernden Kulturpessimismus nochmals lauschen möchte, wie aufrechte und passionierte Vollblutmusiker im Stande waren, eine kleine Musikkneipe mit klassisch amerikanischer Rockmusik in der Schnittmenge von Rock’n’Roll, Country, Singer/Songwriter, Blues, Folk und Soul vor noch kleinerem, aber bestens aufgelegtem Publikum formidabel zu unterhalten, möge hier bitte mindestens ein Ohr riskieren … und anschließend das Beste hoffen!
Line-up US Rails:
Tom Gillam (lead vocals, background vocals, electric- & slide guitars)
Scott Bricklin (lead vocals, background vocals, bass)
Ben Arnold (lead vocals, background vocals, electric piano, acoustic guitar)
Matt Muir (lead vocals, background vocals, drums)
Tracklist "Last Call At The Red River Saloon":
- Eagle & Crow (4:15)
- Take You Home (4:01)
- He’s Still In Love With You (4:25)
- Heartbreak Superstar (3:44)
- Water In The Well (4:36)
- Rainwater (3:48)
- Drag Me Down (5:41)
- Colorado (5:40)
- Heaven Right Now (3:52)
- Declaration (4:02)
- Slow Dance (4:09)
- Follow The Lights (4:07)
- Hard Headed Woman (3:25)
- Don’t Take Me Now (3:50)
- Old Song On The Radio (6:25)
- You’re My Home (4:42)
- Fooling Around (4:09)
- Everywhere I Go (5:17)
- Trash Truck (3:37)
- Mile By Mile (5:11)
- Barbed Wire (4:52)
- Do What You Love (3:57)
Gesamtspielzeit: 48:13 (CD 1), 49:32 (CD 2), Erscheinungsjahr: 2020



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