Manchmal staunt man, wieviel Talent in einer einzelnen Band steckt bzw. mit welchen späteren Blüten die einst noch so jungen Triebe die Welt verzaubert haben. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die englische, bereits 1968 aufgelöste Combo The Yardbirds. Aus dieser entstanden anschließend in Form von Jeff Beck, Eric Clapton, Led Zeppelin (Jimmy Page) und auch Renaissance (Keith Relf und Jim McCarty) gleich vier Ausläufer, die bis heute ihren hohen bis sehr hohen Stellenwert in der Musik-Historie haben. Legen wir das Augenwerk heute auf die Band Renaissance, die nach dem frühen Aussteigen nach zwei Alben 1972 sowie dem viel zu frühen Tod von Keith Relf im Jahr 1976 erstmal vor neuen Aufgaben stand. Als wahrer Glücksgriff stellte sich die neue Sängerin Annie Haslam heraus, die ab der Platte "Prologue" das neue Gesicht (und Stimme) war. Nach Prog Rock-Platten in den Siebzigern und den größten Erfolgen zu Ende jenen Jahrzehnts wurde die Musik in den Achtzigern jedoch immer poppiger, was zu schwindenden Verkaufszahlen und schließlich zur Auflösung der Band führte.
Ab Ende der neunziger Jahre kam jedoch wieder Bewegung in die Sache und seit etwa 2010 ist die Band auch wieder durchgehend aktiv. Dem Rezensenten liegt nun eine Doppel-CD mit Live-Aufnahmen der 2022er 'Legacy Tour', auf der mit insgesamt zwölf Tracks noch einmal auf das Schaffen der Band zurückgeblickt wird. Passend, denn die dazugehörige Tour wurde auch dafür verwendet, um Annie Haslams 75. Geburtstag zu feiern. Und Hut ab: Man kann nur staunen, wie grandios die Stimme dieser Lady auch in hohem Alter noch funktioniert und klingt. Sagenhaft. Songmäßig wird hier natürlich in die Vollen gegangen, angefangen mit dem starken "Carpet Of The Sun" und es findet sich auch Musik aus dem Solo-Schaffen der Sängerin. Die Musik von Renaissance hatte eigentlich immer schon die Züge, dass sie zwar proggig, aber nie über die Maßen verkopft bzw. kompliziert war. Was vielleicht auch den Sprung in die poppigeren Gefilde der Achtziger erleichterte, wenn dies bei den Fans damals auch auf wenig Gegenliebe stieß.
Unterstützt wurde Renaissance auf dieser Tour übrigens zusätzlich von dem Renaissance Chamber Orchestra mit Streichern und weiteren Instrumenten. Der Sound kommt warm rüber, sehr melodisch ist das alles, geht gut ins Ohr, wirkt auf den Rezensenten jedoch manchmal fast schon zu glatt und süßlich. Zugeschnitten sind die Arrangements ganz klar auf die Frontlady, auf der nicht nur beim Publikum, sondern auch bei der Produktion das Augenmerk zu liegen schien. Macht ja auch überhaupt nichts, speziell wenn man ein Fan oder Liebhaber der – unbestritten großartigen – Stimmbänder von Miss Haslam ist. Wie gewohnt kommen in der Musik auch immer klassische Ansätze zum Tragen, ohne jedoch jemals die Überhand zu gewinnen.
Somit ist "The Legacy Tour 2022" von Renaissance einerseits ein Geschenk für die Fans der Band, kann aber durchaus auch als Einstiegs-Album für interessierte fungieren. Klar, hier ist kein Progressive Rock im Stile der frühen Emerson, Lake & Palmer oder gar tiefvertracktes Material der Marke Gentle Giant am Start, sondern sehr melodische Stücke, die auch viele neue Fans für sich gewinnen können. Schöne Sache!
Line-up Renaissance:
Annie Haslam (lead vocals)
Rave Tesar (keyboards)
Mark Lambert (guitars, background vocals)
Leo Traversa (bass)
Geoffrey Langley (keyboards, background vocals)
Frank Pagano (drums & percussion, background vocals)
With:
The Renaissance Chamber Orchestra
Tracklist "The Legacy Tour 2022":
- Carpet Of The Sun
- Black Flame
- The Sisters
- Ananda
- The Captive Heart
- Symphony Of Light
- Blessing In Disguise
- Celestine
- Reaching Out
- The Angels Cry
- Day Of The Dreamer
- Running Hard
Gesamtspielzeit: 39:21 (CD 1), 37:26 (CD 2), Erscheinungsjahr: 2023



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