Long Distance Calling gibt es bereits eine lange Zeit, anders ausgedrückt, die Gründung ist eine lange zeitliche Entfernung her – sie fand nämlich 2006 statt. Die vier Musiker waren zuvor schon in anderen Bands aktiv, teilweise im Metal-Bereich. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass die stilistische Ausrichtung der Münsteraner mit der Zeit sich von Post Rock mehr Richtung Post Metal verschoben hat, wie auch Kollege Markus bei der Live At Lichtburg feststellte, er hatte die Band aus ihrer frühen Zeit anders in Erinnerung.
Die Metallisierung ist ein Anlass, mich mit Long Distance Calling intensiver zu beschäftigen, was ich schon lange machen wollte, aber irgendwie nie getan habe. Vielleicht lag es daran, dass ich die Musik als 'Stummfilm' in Erinnerung hatte. Stummfilm ist meine Bezeichnung für Instrumentalscheiben; interessanterweise hat die Band ihr Live-Album von 2019 so genannt. Wobei es bei Long Distance Calling teilweise in geringem Umfang Gesang gibt.
Dies trifft auch auf das neueste Werk "The Phantom Void" zu. Dieses beginnt zunächst mit postmetallischen Sounds bevor nach etwa zweieinhalb Minuten eine tiefe, verzerrt wirkende Stimme einsetzt, die schließlich einen Countdown runterzählt – womit der einleitende Song "Mare" beendet ist.
Anscheinend beginnt nun die eigentliche musikalische Reise, das Klangbild wird härter und kantiger. Schon beim ersten Hören empfand ich den Sound dann auf gewisse Weise unangenehm, worüber ich mich zunächst etwas gewundert habe. Dies soll keineswegs heißen, dass es schlecht klingt, nein, die Produktion ist sehr klar und differenziert, unterstreicht dabei die Details der Musik, die geschickt und gezielt gesetzt wurden. Dennoch: Auch nach mehrmaligem Hören verspüre ich eine Art Unwohlsein, ein Gefühl von ausgeliefert sein wie nackt und schutzlos im kalten künstlichen Licht zu stehen.
Wenn bei "A Secret Place" wieder kurz eine Sprechstimme eingesetzt wird, ändert sich daran nichts, zumal gleich wieder der unbarmherzig wirkende Instrumentalsound mit heftigen Gitarren und hartem Schlagzeug vorherrscht. Wobei es auch mal einen melodischeren Moment gibt, der wie eine kurze Erholung erscheint. Das Ende des Tracks ist dann fast schon ruhig zu nennen. Doch schon mit "Nocturnal" geht es weiter in die Welt des Albtraums.
Die Absicht hinter dem Klangbild wurde mir bewusst, als ich das Video zur Veröffentlichung gesehen habe. Dabei werden in knapp einer halben Stunde die drei Songs, die es zuvor als Singles gab, nämlich "A Secret Place", "The Spiral" und "Sinister Companion" visualisiert.
Auch hier werden eher unangenehme Emotionen inszeniert, scheinbar sinnlose Handlungen und Räume, die bedeutungslos und isoliert erscheinende Existenz des Protagonisten in distanzierten Orten (Gebäude, Tiefgarage). Es geschieht nur wenig, in einer Schleife von Bildern, die ein Gefühl von Kälte und Unwohlsein hinterlassen.
Selbst wenn es gegen Ende des Werkes bzw. im letzten Song wieder harmonischere, angenehmere Momente gibt, neben der bereits bekannten Stimme, ist dies nur wenig Erleichterung.
Genau dies ist offenbar genauso von Long Distance Calling gewollt, ohne dass dies näher erklärt wird. Im Booklet der CD befinden sich keine Texte, keine erläuternden Hinweise, sondern mehrere Szenenbilder – die spiralförmige Treppe, die maskierte Schattengestalt, die möglicherweise das böse Spiegelbild des Protagonisten ist. Die Bedeutung wird anscheinend der eigenen Interpretation überlassen.
"The Phantom Void" ist damit mehr als nur Musik, es ist eine Kombination aus Klängen und visuellen Eindrücken (womit wir dann wieder bei dem weiter oben erwähnten cineastischem Thema sind) – und irgendwie noch mehr, was dann beim Hören entsteht (sofern man sich darauf einlassen kann oder will).
Rückblickend wird klar: Die Scheibe will nicht schön sein, soll sich nicht 'gut' anfühlen, sondern eher 'ungut', wie das gleichfalls bei einigen Filmen von Regisseuren wie beispielsweise David Lynch der Fall ist, davon hat die Band sicher schon manches gesehen.
"The Phantom Void" hat also bewusst etwas (unterschwellig) ’sinistres' als Grundkonzept, das durch die gekonnt geschriebene und gespielte Musik hindurch wirkt. Damit wurde eine Art von 'Kunstwerk' geschaffen, aus vielen kleinen Einzelbausteinen (Tönen) zusammengesetzt und durch die Optik (Cover, Booklet, Video) ergänzt.
Wobei es Ansichtssache bleibt, ob dies nun als ansprechend empfunden wird oder eher abschreckend – eine intensive Erfahrung ist es auf jeden Fall.
Line-up Long Distance Calling
Florian Füntmann (Gitarre)
David Jordan (Gitarre, Synth)
Arne Neurand (Bass)
Janosch Rathmer (Schlagzeug, Synth)
Gast: Johannes Bruhn (Piano)
Tracklist "The Phantom Void":
- Mare (3:52)
- The Spiral (6:13)
- A Secret Place (6:49)
- Nocturnal (6:36)
- Phantom Void (7:53)
- Shattered (6:07)
- Sinister Companion (8:17)
Gesamtspielzeit: 45:48, Erscheinungsjahr: 2026



Neueste Kommentare