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Bröselmaschine, Peter Bursch und ein indisches Kamel – Interview mit Peter Bursch, 1.Teil

peter bursch-titel

Es scheint endlich Sommer zu werden in Duisburg. Strahlend blauer Himmel über mir, die Bäume der nahen Allee präsentieren sich in vollem Grün und von überall her dringt Vogelgezwitscher an mein Ohr. Ich bin auf dem Weg zu Peter Bursch, Duisburgs Gitarren-Ikone und sicher berühmtester Rockmusiker meiner Heimatstadt. Wir wohnen nur gut zehn Minuten Fußweg auseinander und haben uns für elf Uhr verabredet. Pünktlich vor Ort begrüßt mich erst einmal der Hund. Ein kurzes Schnuppern und ich habe einen neuen Freund gefunden. Peter schlägt vor, dass wir uns im Garten unterhalten und führt mich durch eine paradiesische Grünanlage zu einem Pavillon. Ein kleines Abspielgerät hat er dabei, damit wir zwischendurch gemeinsam mal in die neue Platte Indian Camel rein hören können, um das, was wir besprechen, sogleich in der Praxis überprüfen zu können.

RockTimes: Peter, zunächst muss ich mal eine alte Jugendsünde gestehen. 1989 hast Du Dir dem Anschein nach in einem Plattenladen in Duissern (Anmerkung der Redaktion: Stadtteil von Duisburg) eine Scheibe zurücklegen lassen ("Ravi Shankar at Woodstock"). Am Ende hat sie ein anderer vor der Nase weg gekauft. Der Typ war ich. Sorry. Erinnerst Du Dich vielleicht noch daran?

Peter: Zeig mal die Platte. Nein, das weiß ich nicht mehr. Ich habe inzwischen aber eine ganze Menge Platten von Ravi Shankar im Schrank und übrigens, hast Du mitbekommen, dass genau dieser Plattenladen, das 33 1/3, inzwischen zu einer Art Kult-Laden aufgestiegen ist? Da treffe ich regelmäßig Alan Bangs vom Rockpalast und viele andere prominente Musik-Leute. Ein echter Szene-Treff in der heutigen Zeit!

RockTimes: Zugegeben, nein, das wusste ich echt nicht. Ravi Shankar ist aber dennoch ein guter Einstieg. Du warst damals unter anderem mit George Harrison einer der ersten, der eine Sitar in westliche Musik integrierte. Wie bist Du denn auf diesen östlichen Trip gekommen?

Peter: Nun, dieser Sound hat mir einfach gefallen. Damals, in den späten Sechzigern, hatte ich einen Freund, der einen Antiquitätenladen betrieb und oft auf Flohmärkten unterwegs war. Der plante eine Reise nach Indien und ich bat ihn, mir eine Sitar mitzubringen. Damals waren die noch erschwinglich, vielleicht ein paar hundert Mark.
Auf dieser Sitar hab ich geübt und fast alles falsch gemacht. Der Film von Ravi Shankars Konzert in Monterey lief in Duisburg im Kino, den habe ich mir angeschaut, um zu lernen, wie man die Sitar greift, wie man sie spielt. Faszinierend war jedoch etwas völlig anderes. Ich dachte immer, dass solche Musiker total verinnerlicht und ergriffen agieren, doch als die Kamera ihre Gesichter erfasste, da zeigte sie völlig fröhliche, tiefenentspannte Gestalten. So hatte ich mir das wahrlich nicht vorgestellt.

Damals habe ich an der Volkshochschule bereits Gitarrenkurse durchgeführt und kam so auf den Gedanken, mal einen indischen Abend zu gestalten. Ein indischer Sitarspieler von Radio Bombay war gerade in unserer Gegend unterwegs und wurde mir für diese Veranstaltung vermittelt. So haben wir ein gemeinsames Konzert spielen können, er auf der Sitar, ich auf der Gitarre und ich habe eine Menge gelernt. Am Ende schaffte es das Instrument auf die erste LP, obwohl es damals eine Mammutaufgabe war, Tonabnehmer für die Sitar zu finden. Pionierarbeit eben.

RockTimes: Auch auf dem neuen Album nimmt die Sitar eine zentrale Rolle ein, nämlich im herausragenden Titelstück "Indian Camel".

Peter: Genau. Das Stück ist auf der Sitar entstanden. Die Melodie dazu hatte ich eigentlich schon lange im Kopf. Die anderen kannten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, darum hab ich das Thema im Studio erst mal vorgespielt und erklärt, wie in etwa ich mir den Song vorstellen könnte. Dann haben wir einfach mal losgelegt, die Bandmaschine lief nebenbei mit und nach zwölf Minuten war uns klar, das Ding ist im Kasten. Wir hatten alle Gänsehaut und wussten, besser werden wir das nie wieder spielen können. Und genauso ist die Version dann aufs Album gekommen. So etwas kannst Du nur machen, wenn alle Beteiligten voll fokussiert sind. Ich weiß noch, während der Aufnahme hab ich mich zu den Kollegen umgeschaut. Keyboard, Gitarre, die waren alle sofort in ihrem Thema. Ein magischer Moment. Der Titel erklärt sich dabei ganz einfach. Zum einen durch den indischen Einfluss, zum anderen, weil das ganze Ding so einen Kamel-Rhythmus hat. Damit stand dann auch der Titel für das ganze Album.

Anmerkung RockTimes: An dieser Stelle haben wir eindringlich in den Song hineingehört. Das leidenschaftliche Intro und der meditativ vorwärts rollende Rhythmus, all das lassen wir auf uns einwirken, bevor wir weitersprechen.

Peter: Das Intro ist übrigens der einzige nicht live eingespielte Part dieser Nummer. Lulo Reinhardt, ein guter Freund von mir und Großneffe des legendären Django Reinhardt, hat diesen Part auf seiner Django-Reinhardt-Zigeuner-Gitarre eingespielt. Ein arabisches Thema, welches wir zuerst auf der Oud aufnehmen wollten, das klappte aber nicht und so griffen wir auf die klassische Gitarre zurück. Die Idee dazu war übrigens in Shanghai entstanden, wo Lulo und ich auf Einladung eines Sponsors gemeinsam auf der dortigen Musikmesse spielten.
Der Part war ursprünglich gar nicht geplant, aber er passt fantastisch in die Stimmung von "Indian Camel".

Lulo Reinhardt spielt übrigens bei unserem Gig am 22.06.2017 im Piano, Dortmund mit, das wird sein erster Auftritt mit der Bröselmaschine.

RockTimes: Mal ganz allgemein – "Indian Camel" ist Euer erstes Studioalbum seit 32 Jahren. War es besonders inspirierend, sich nach so langer Zeit wieder auf solch ein Abenteuer einzulassen?

Peter: Klar war das spannend, aber wir waren ja nun schon auch wieder eine ganz schön lange Zeit aktiv. Wir haben viel live gespielt und hatten einige tolle Tourneen. So richtig wiederbelebt wurde das Projekt durch einen Anruf des Rockpalasts etwa 2005. Damals war eine Krautrock-Veranstaltung geplant und wir sollten dabei mitwirken – alles live, versteht sich. Klar war ich Feuer und Flamme und habe erst einmal alle Bandmitglieder gefragt, selbstverständlich inklusive Helge Schneider, der ja eigentlich irgendwann bei uns ausgestiegen war, um sich seinen Jazz-Projekten widmen zu können.

Broeselmaschine-Rockpalast, Foto mit freundlicher Genehmigung von P. Bursch

Bröselmaschine im Rockpalast, Foto mit freundlicher Genehmigung von P. Bursch

Die Aktivierung der Kollegen gelang sofort und wir begannen, die alten Songs neu einzustudieren. Seitdem läuft die Bröselmaschine wieder richtig rund und wir konnten tolle Konzerte spielen – hatten sogar eine Tournee durch die USA. Du musst wissen, dass Krautrock dort sehr populär ist.

In all dieser Zeit haben wir natürlich auch viele neue Stücke geschrieben und so war es letztlich nur noch eine Frage der Zeit, wann diese Stücke auf neuem Material landen würden. Als letztlich der Plattenvertrag mit MIG Music zustande kam, war die Zeit für das Baby gekommen.

RockTimes: Nun habt Ihr eine Nummer mit Eurem alten Spezi Helge Schneider eingespielt und ihn auch für den einen oder anderen Live-Gig angekündigt. Wird es also ein paar Helge-Momente bei den Konzerten der Bröselmaschine geben?

Peter: Wir sind immer noch eng befreundet, Helge wollte halt damals sein eigenes Ding aufbauen. Nächstes Jahr aber feiert die Bröselmaschine ihr 50 jähriges Jubiläum und da wird auch Helge mit dabei sein, das werden sicher faszinierende Momente. Wenn man bedenkt, wie alles angefangen hat, als wir mit akustischen Instrumenten unser erstes Album einspielten und doch so viel lieber auf ein elektrisches Equipment zurückgegriffen hätten. Wir konnten uns die teure Ausstattung damals schlichtweg nicht leisten. So kam der folkige Gesamteindruck auf unserem Debutalbum nicht von ungefähr, wir selbst haben uns immer ganz klar als Rockband gesehen.
Ach ja, und immer, wenn wir in Mülheim spielen, dann ist Helge mit von der Partie.

RockTimes: "Indian Camel" ist insgesamt ungeheuer abwechslungsreich. Sanfte, jazzige Passagen wechseln mit knackiger Slide-Gitarre oder eben folkig transzendentalen Stilmitteln wie im Titelstück. Wolltet Ihr möglichst viele Seiten Eures Spektrums präsentieren?

Peter: Ja, sicher. Wir sind eine sehr vielseitige Band mit sehr vielen verschiedenen Einflüssen. Auch live bauen wir gerne einen Akustikteil ein, haben aber auch einen echten Heavy-Part an Bord, und manchmal spielen wir total verrückte Rhythmuswechsel, das ist dann eben typisch für die Bröselmaschine. Wir lieben es zu improvisieren, die Songs immer wieder neu zu definieren und unsere Sets ständig zu verändern. Rockmusik lebt!

Einwurf RockTimes: Hey Peter, das klingt ganz und gar verwandt mit Warren Haynes und Gov’t Mule.

Peter: Na klar. Die mag ich übrigens auch ganz besonders gern und höre sie mir immer wieder mal an. Mit denen würde ich auch gerne mal auf eine Tournee gehen, ich glaube, das würde sehr gut funktionieren und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jungs sich auch mit unserer Musik sehr wohl anfreunden würden.

RockTimes: Wie wichtig ist es da für Euch, die Stücke live einzuspielen?

Anmerkung der Redaktion: Peter aktiviert den zweiten Song auf der Platte, "Fall Into The Sky" und wir finden eine Menge Gesprächsmaterial zu diesem Themenkreis.

Peter: Das war ungeheuer wichtig, aber es ist auch eine anspruchsvolle Aufgabe, denn jeder muss bei der Aufnahme voll bei der Sache sein, was zum Glück für uns durch unsere vielen Live-Konzerte kein Problem ist. Aber dann entwickeln sich diese Dinge. Nimm den Song "Fall Into The Sky", mein absoluter Lieblingssong auf dem Album. Wir haben uns in einen Kreis gesetzt und ihn so lange gespielt, bis wir wussten, die Version ist es. Das fantastische Piano-Solo von Tom Plötzer beispielsweise ist auf diese Weise eben auch aus dem Bauch entstanden, sicher das schönste Solo auf der ganzen Platte. Sogar Helge war völlig begeistert. »Das hätte ich selbst nicht besser spielen können«, sagte er zu der Aufnahme.

RockTimes: Das Titelstück wirkt besonders durch die Sitar sehr spirituell. Ist Spiritualität für Peter Bursch ein wichtiges Thema?

Peter: Nun ja, ein bisschen vielleicht. Ich höre aber auch gern Metallica. Ich lasse mich ganz bewusst aus vielen Einflüssen inspirieren, das ist mir besonders wichtig. Sieh mal, Ravi Shankar ist ja nun leider tot, aber nun höre ich mit großer Begeisterung seiner Tochter Anoushka zu.

RockTimes: Um eine Frage komme ich aber nicht herum: Ihr habt 2015 beim Freak Valley Festival gespielt. Ich war bis 2013 selbst Mitglied im dortigen Organisations-Komitee und weiß, dass es dort (fast) nur um düsteren Stoner-Rock geht. Wie kam denn das zustande?

Peter: Freak Valley war eine tolle Erfahrung. Der Veranstalter kannte mich und wollte offensichtlich ein Experiment eingehen. So spielten wir an einem Samstag-Nachmittag, die stimmungsvollen Fans lagen entspannt auf dem weiten Grün der Anlage. Ich glaube, kaum einer von denen war älter als 25 und als ich auf der Sitar zu spielen begann, kamen sie aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Später dann, als wir unsere härtesten Passagen spielten, da flippten die Leute völlig aus, die sind unglaublich mitgegangen und nach dem Gig gab es eine riesige Schlange an unserem Merchandising-Stand. Selbst andere Bands zeigten sich begeistert und bekannten, mit unseren Platten aufgewachsen zu sein.
Das war ein tolles Erlebnis und in jeder Beziehung begeisternd. Dort würden wir gerne noch einmal spielen.

RockTimes: Aber eigentlich ist doch das Herzberg-Festival die Veranstaltung, die am besten zu Euch passt, oder?

Peter: Ja sicher, Herzberg ist fast schon so etwas wie unser Wohnzimmer. Da spielen wir immer besonders gerne und auch dort feiert man übrigens im nächsten Jahr das 50 jährige Jubiläum. Da wird sicher etwas besonderes abgehen, aber allein die alljährlichen Zeltlager und was dort während der Festivaltage stattfindet, ist für sich allein schon einen Besuch wert.

Broeselmaschine-1968, Foto mit freundlicher Genehmigung von P. Bursch

Bröselmaschine 1968, Foto mit freundlicher Genehmigung von P. Bursch

RockTimes: In den Gründertagen der Bröselmaschine habt Ihr in einer Kommune zusammengelebt? Wie war denn das?

Peter: Ja, wir sind damals alle zusammengezogen, weil wir von unserer Musik leben wollten. Das war ja in der Zeit Ende der Sechziger ein echter Trend. Wir in Duisburg, Amon Düül II in München oder Tangerine Dream in Berlin. Guru Guru machten das auch. Ich weiß noch, Holger Czukay, eigentlich ein Duisburger, kam aus Köln mit einer Platte seiner Band Can und sagte uns nur: »Hey, hört Euch das mal an«.
Keine Frage, genau das wollten wir auch.
Damals gab es übrigens eine enge Zusammenarbeit dieser Bands, man organisierte gemeinsame Konzerte und ging zusammen auf Tournee.
Eine wilde schöne Zeit.

RockTimes: Kannst Du Dir vorstellen, dass Ihr mit der Bröselmaschine gesellschaftspolitische Themen aufgreift für Eure Songs?

Peter: Das haben wir ein Stück weit getan. Auf unserem Studioalbum Mitte der Achtziger hatten wir so eine Nummer drauf, auch haben wir immer wieder für Amnesty International Konzerte gespielt und bei der Grünen Raupe in den Achtzigern waren wir auch gern dabei. Wir sind schon politisch, aber nicht mit dem Ziel, unsere Musik an politischen Themen grundsätzlich auszurichten.

An dieser Stelle des Gesprächs wechseln wir von der Bröselmaschine zu Peter Burschs persönlicher Karriere, diese Aspekte sollen im zweiten Teil des Interviews veröffentlicht werden.

"Peter Bursch – Na klar bin ich stolz darauf…"

Über den Autor

Michael Breuer

Hauptgenres: Gov´t Mule bzw. Jam Rock, Stoner und Psychedelic, manchmal Prog, gerne Blues oder Fusion

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