Was waren das noch für Zeiten, als Platten-Cover wahre Kunstwerke waren? Ich erinnere nur beispielsweise an das Album "Sticky Fingers" von den Rolling Stones aus dem Jahre 1971, das von Andy Warhol kreiert war: Eine enge Männerhose mit einem echten, metallenen Reißverschluss, der sich öffnen ließ! Oder auch "School’s out" von Alice Cooper aus dem Folgejahr: Das Papp-Cover konnte zu einem alten Schüler-Pult umgebaut und wie ein solches geöffnet werden. Darin befand sich die in einen Slip verpackte LP; ein Gimmick, das heutzutage – und zu Recht – so nicht mehr vorstellbar wäre. Aber auch aus späteren Jahren, die durch die Reduzierung auf das CD-Format geprägt sind, gibt es positive 'Ausreißer'. Auch hier lediglich beispielhaft genannt: Das Album Missing Pieces von Henrik Freischlader aus dem Jahr 2020, bei dem man das Cover durch Austauschen von insgesamt 12 Bildern sehr abwechslungsreich gestalten kann.
Und heute? Da hauen die Prog/Post-Rocker von Crippled Black Phoenix mit "Sceaduhelm" aktuell ein Album raus, das musikalisch wie gestalterisch nur als ein Gesamtkunstwerk bezeichnet werden kann!
Wenn man sich als CD-Käufer nicht nur für die normale CD-Ausgabe, sondern für das sog. Ltd. Deluxe Digipak CD+2nd CD entscheidet, bekommt man nicht nur eine weitere CD (genauer gesagt eine EP mit nur drei Titeln) mit dem Titel "Horrific Honorifics Number Two Point Five (2.5)", die – wie schon zwei frühere Veröffentlichungen unter demselben Titel mit geringerer Ordnungszahl – Coverversionen anderer Künstler enthält. Man bekommt in erster Linie das Album in einem weiteren Papp-Schuber, der als Theater-Kulisse gestaltet ist. Auf drei beigefügten Papp-Tafeln sind überwiegend gruselige Gestalten abgebildet, die man ausschneiden kann/soll, sie mit weiteren Pappstreifen als Führungsarm verkleben und damit als eine Art 'Puppentheater' in der Theater-Kulisse verwenden kann!
Ob man das tatsächlich macht oder aber die Karten lieber unversehrt lässt, bleibt natürlich jedem Käufer selbst überlassen. Aber allein die Idee (und natürlich die Umsetzung) verdienen höchste Anerkennung. Und wenn man darüber hinaus bedenkt, dass die Verkaufszahlen von CBP auch nicht annähernd an diejenigen von Taylor Swift heranreichen, kann man zu so viel Mut und Engagement nurmehr gratulieren und dies durch den Kauf des Albums nur honorieren.
Als Vinyl-Käufer bekommt man diese Theater-Kulisse ebenfalls (und natürlich entsprechend größer), nicht aber die Bonus-Songs. Und als Käufer der ’normalen' CD oder gar als Streamer bekommt man davon überhaupt nichts mit – sehr bedauerlich!
Und die Musik selbst? Die ist auf zwei glänzend schwarze CDs gepresst – damit hat man mich ohnehin schon gewonnen! Es sind typische CBP-Songs, die in den letzten drei Jahren an verschiedenen Orten und mit wechselnder Besetzung eingespielt wurden und insbesondere durch den Einsatz von zwei verschiedenen männlichen Sängern sowie von Belinda Kordic als weiblicher Sängerin recht variantenreich klingen. So klingt der Doppel-Titel "No Epitaph/The Precipe", für dessen Lyrics und Gesang Ryan Patterson verantwortlich zeichnet, ein wenig nach Tom Waits, was ja kein schlechter Vergleich ist. Gleiches gilt für den 'Rausschmeißer' "Beautiful Destroyer", der gegenüber der Vorveröffentlichung im vergangenen Jahr nochmals um über zwei Minuten zugelegt und damit weiter gewonnen hat. Beide Songs sind jedenfalls mit jeweils über acht Minuten Spielzeit die Longplayer des Albums und aus meiner Sicht auch die Anspieltipps.
Wie ebenfalls CBP-typisch, begeistern die Songs allerdings nicht zwingend beim ersten Durchgang. Man sollte ihnen eine Chance geben; beim mehrfachen Hören erkennt man immer wieder neue Nuancen und Spannungsbögen.
Die Texte sind bedauerlicherweise aufgrund der oftmaligen 'Soundteppiche" nicht immer bestens verständlich; wer möchte, kann sie in dem ebenfalls aufwändig gestalteten Booklet mitlesen. Doch Vorsicht: Die Lyrics sind liebevoll mit der Hand niedergeschrieben vom Band-Mastermind Justin Greaves, was jedoch nicht immer eine eindeutige bzw. leichte Lesbarkeit ermöglicht.
Zusammenfassend kann ich nur sagen: Wo CBP draufsteht, ist CBP drin. Wer die Band und ihre Musik mag, wird von diesem Album begeistert sein. Und das nicht zuletzt wegen dessen liebevoller Gestaltung! Ein Dank geht daher auch an die Plattenfirma Season Of Mist, über die CBP bereits seit über 10 Jahren ihre physischen Musikproduktionen vertreiben, die ebenfalls den Mut für dieses Opus hatte.
Line-up Crippled Black Phoenix:
Justin Greaves (guitars, drums, samples, Melotron, synths, Kaosolator)
Belinda Kordic (vocals)
Wesley J. Wasley (bass)
Rene Misje (guitar)
Ryan Patterson (vocals)
Justin Storms (vocals
Robin Tow (percussion)
Andy Taylor (guitar)
Lucy Marshall (piano, synth, Hammond, Melotron)
Iver Sandøy (percussion)
Tracklist "Sceaduhelm:
- One Man Wall Of Death
- Ravenettes
- Things Start Falling Apart
- No Epitaph / The Precipice
- The Void
- Hollows End
- Dropout
- Vampire Grave
- Colder And Colder
- Under The Eye
- Tired To The Bone
- Beautiful Destroyer
- Manhattan Skyline
- That’s When I Reach For My Revolver
- Invisible People
Gesamtspielzeit: 67:16, Erscheinungsjahr: 2026






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