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Kiev Stingl / Meine Sterne fallen – Digital Review

Kiev Stingl / Meine Sterne fallen – Digital Review

In meinem Rückblick auf das Jahr 2025 habe ich Kiev erwähnt. Vielmehr die beiden Bücher Mein Collier um deinen Hals & Briefe an Gabriella. Ja, wenngleich die Mehrzahl der Artikel des leider 2014 verstorbenen Künstlers Kiev Stingl  in RockTimes mit Musik zu tun haben, so war er auch literarisch und schauspielreich unterwegs. Vorliegend geht es aber wieder um Musik. Um das finale Album des 1943 im Sudetenland geborenen Gerd Stingl, so der bürgerliche Name des Mannes, um genau zu sein.

Gerne zitiere ich drei Quellen, denn dem, was diese schreiben, kann ich ohne Zögern zustimmen. Der Rolling Stone nannte ihn »den Hamburger Proto-Punk Superstar«, für die die Süddeutsche Zeitung war er »der kaputteste deutsche Sänger« und von laut.de stammt »das zu Unrecht vergessene Genie der letzten 50 Jahre GEMA«. Wenn man Musik und Literatur mag, die tief in das menschliche Wesen abtaucht, die Abgründe, Hoffnungslosigkeit und Seiten des Lebens zeigt, die man eigentlich nicht kennenlernen möchte, dann sollte man sich Kiev Stingl unbedingt geben.

Ihn kennenzulernen wurde einem nicht leicht gemacht, denn er war live selten zu sehen, tauchte nie im Rampenlicht auf, spärlich seine Veröffentlichungen. Er war kein einfacher Mensch, Kompromissen nicht zugeneigt, abgrundtief ehrlich. Von Achim Reichel, einem ehemaligen Begleiter und Produzent von Kiev stammt die berühmte und treffende Aussage: »mit Stingl kann man nur in seiner Abwesenheit wirklich gut zusammenarbeiten«. Kiev war also niemand, der sich verbiegen ließ und genau so ist sein künstlerisches Werk. Ein Lied von Kiev ersetzt 1000 Trallala-Songs und von daher sind die wenigen Platten des Musikers ausreichend, um sich lange, sehr lange damit zu befassen.

An dem eingangs als finales Album bezeichnete "Meine Sterne fallen" arbeitete Kiev mit dem Arrangeur und Produzenten Niklas David, den man sicher vom Artpop-Duo Audiac kennt. Genau zwei Jahre nach Stingls Tod, am 20. Februar 2026 wurde die Platte via Klangbad, dem Plattenlabel von Hans-Joachim Irmler (Gründungsmitglied der Krautrock-Band Faust) als Stingls Vermächtnis, als Schwanengesang, veröffentlicht. Die Aufnahmen entstanden über viele, viele Jahre; zum einen, weil gesundheitliche Gründe dem Protagonisten nicht allzu viel Spielraum zum Arbeiten ließen und zum anderen erinnere ich an das Zitat von Achim Reichel

Aufgenommen wurden die Lieder in den Jahren 2006 bis 2024. Niklas David hat arrangiert, gemischt und ist auch der Produzent der allesamt aus Kievs Feder stammenden Songs, die entdeckt werden wollen. Zuhören muss man, das hätte der Protagonist wohl auch gefordert, denn wenn er auch vielleicht öffentlichkeitsscheu war, so war er doch sehr überzeugt, auf der richtigen Seite des Lebens zu stehen und somit sicher daran interessiert, dass man ihm zuhört.

Die Stücke, man kann eigentlich kaum eines herauspicken und nach vorne stellen. Alle haben sie persönlichen Bezug; Ironie, Ernsthaftigkeit, ab und an fast morbiden Charakter, dann auch mal Helligkeit und melodiöse Züge. Auch dass er mal eine Zeitlang in einem Keller gelebt hat, wird behandelt, er beschreibt die Zeit in seiner Heimatstadt Hamburg, erwähnt auf seine Art die Schiffe im Hafen, die Matrosen. Auf Anhieb erscheint einem vieles etwas wirr und man muss sich Zeit nehmen in seine Gedankenwelt einzutauchen, was er einem nicht immer einfach macht, da er von A nach C springen kann und man sich selbst um das B bemühen muss. Aber gerade das macht es spannend. Für den Hörer jedenfalls. Für Niklas war es wohl etwas schwerer, denn der war ja bei der Arbeit mit Kiev nicht in des Hörers Lage, sich das eine oder andere schönzureden. Wobei es Schönrederei in den Texten nicht gibt.  Man muss oder sollte, so man sich für nicht angepasste und in Teilen eigenbrötlerische Künster erwärmen kann, das Gesamtwerk des Künstlers sehen. Musik und Literatur. Es ist ja überschaubar und jetzt hätte ich fast 'leider überschaubar' geschrieben.

Leider, weil man gerne mehr von dieser 'besonderen Art' Mensch gehört und gelesen hätte. Aber dann wäre er irgendwie massentauglich oder kommerziell interessiert gewesen und mitnichten der Kiev Stingel, um den es hier geht,

Da mir die Digitalausgabe vorliegt, kann ich nicht sagen, ob die Texte dem Booklet beiliegen, aber ich gehe mal davon aus, dass mindestens die Infos über die Tracks, die Niklas David in seinem Infoletter zum Album mitgegeben hat, vorhanden sind. Diese Informationen sind äußerst wertvoll, erzählen sie doch über die Entstehung der Nummern, über eventuelle Bearbeitung, über Hintergründe und auch viel über den Künstler selbst. Wie anders sollte man den Interna mitbekommen, dass das in "Mächte in der Nacht" enthaltene Nachtgebet aus einer alten Kassettenaufnahme von Kiev aus Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre stammt, die Niklas für Kiev digitalisiert hatte. Oder dass "Rosenblatt (Coda)" eine alternative Version des Mittelteils von "Rosenblatt", dem ein Ausschnitt aus einer alten Kassettenaufnahme aus den späten 70ern mit genau diesem Mittelteil vorangestellt wurde, der Text zum Song aber aus den 1990er stammt, ist.

Hält man diese Erläuterungen von Niklas in der Hand, kann man besser eintauchen. Eintauchen in eine musikalische bzw. lyrische Welt, die man nicht alle Tage künstlerisch geboten bekommt. Man wird Kievs Schwanengesang mit Sicherheit auch nicht oft auflegen. Aber genau das macht "Meine Sterne fallen" irgendwie besonders und nicht zum austauschbaren Trallala-Album.

Nachtrag vom 10. Juni 2026:

Nachdem mir das Album nun auch in physischer Form (Danke, Niklas David) vorliegt, kann ich bestätigen, dass die Texte im Booklet abgedruckt sind und somit beim Hören begleitend gelesen werden können.


Tracklist "Meine Sterne Fallen":

  1. House Of Drinks
  2. Rosenblatt
  3. Dein Hartes Gesicht
  4. Mächte in der Nacht
  5. Tränen in Kissen
  6. Rosenblatt (Coda)
  7. Toten der See
  8. Gypsy Queen
  9. Sei mein
  10. Unter Sternen

Gesamtspielzeit: 37:18, Erscheinungsjahr: 2026

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
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