So konnte ich lesen, dass die Band namens Tovte »direkt von der Straße weg zu einer jüdischen Hochzeit in die Synagoge in Köln eingeladen wurde, um zu spielen. Dies war die Geburtsstunde der Band und die Initialzündung für eine Reise in die Welt des Klezmer«. Ursprünglich hatte man sich im Sommer 2012 zusammengefunden als Straßenmusik-Kapelle, mit Tobias Gubesch (Klarinette) und Leonhard Spies (Gitarre).
Doch musikalisch geht es recht breit gestreut zu. Neben Klezmer wurden Elemente aus Ethno-Pop, Jazz-Manouche, Folklore des Balkans und Klassik in den Sound integriert. Dieses wird auch recht umfassend und eindrucksvoll demonstriert auf dem aktuellen Album "Cumulus". Wir hören dreizehn Instrumental-Songs, die sich entweder an einen speziellen Stil mehr oder wenig anlehnen als auch Mischformen, und oft ganz viel Improvisation.
Bereits ungewöhnlich startet es mit "Nuvole", hier klingt es ein wenig in Richtung Tango, dann setzt eine swingende Phase ein, und nun wird damit schon signalisiert, worauf man sich im Laufe der Songs einlassen muss: auf eine sich ständig verändernde Struktur mit unterschiedlichen Komponenten, die zum Beispiel bei "Mistral" auch ein wenig enthält, was mich an Flamenco denken lässt. Klassische Musik ist auch nicht außen vor, auch solchen Elementen kann man immer wieder begegnen, ständige Überraschungen sind es eigentlich, die diese Musik dermaßen lebendig gestalten, dass sie verlangt, sich ihr konzentriert zu widmen.
Aber nein, wer es dann doch nicht so ernst nehmen möchte, hat die Möglichkeit, sich einfach hinzugeben und der Gemeinsamkeit der Musiker*innen innezuwohnen und Bestandteil ihrer Musik zu werden. Und schon wieder werde ich überrascht, hier ist es "Paquito" mit seinem plötzlich auftauchenden jazzigen Basslauf, bevor es dann auch schon wieder rasch im Bereich des Klezmer landet. Hier hat man wohl eine Hommage an den kubanischen Musiker Paquito D’Rivera geschaffen. So kann man gut nachvollziehen, dass sich die Band offensichtlich nicht in bestimmte Muster oder Schemata einzwängen lassen will, und diese offerierte Freiheit ist es, die das so ganz Besondere ihres Vortrags gestaltet.
Da werden Streichinstrumente nicht nur gestrichen, sondern auch gezupft und mit diesen diversen Gestaltungsmöglichkeiten schafft man dadurch ganz individuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Und stets werden mir als Zuhörer die Möglichkeiten von freier Assoziation gegeben, denn fast immer könnte ich spontan entstehende Beispiele nennen, mit denen ich nicht nur ganze Songs, sondern eben auch lediglich Bestandteile davon damit in Verbindung brächte. "Cumulus", so der Albumtitel, ja, mit Cumulus-Wolken verhält es sich so, dass sie sich verändern können je nach Stabilität der Atmosphäre und Stärke der Thermik. Insofern ist dieser Albumtitel sehr treffend gewählt.
Das "Wetterleuchten" wird um einen Musiker erweitert, um den italienischen Komponisten und Musiker Francesco Imbriaco, der hier Piano spielt und dem Leuchten noch ein wenig mehr Farbe zuteil kommen lässt mit seinem sehr romantischen und sehr schön klingendem Einsatz. Nicht minder romantisch klingt "Blaue Stunde", ein wenig spüre ich etwas von alter Musik, von Mittelalter vielleicht, schade, es ist aber nur ein ganz kurzes Zwischenspiel, bevor das "Stroboskop" diese Platte mit sehr unterhaltsamer Musik beendet. Und auch hier wieder hat man es verstanden, den Begriff des Songtitels geschickt umzusetzen! Das Stroboskop als optisches Gerät, dass Lichtblitze in regelmäßigen zeitlichen Abständen abgibt, wird auch hier durch eine Regelmäßigkeit in der Gestaltung des Songs widergespiegelt und im Gegensatz zu fast allen vorherigen Stücken hat sich hier eine durchgehende Struktur vorgestellt.
Line-up Tovte:
Tobias Gubesch (Klarinette)
Leonhard Spies (Gitarre)
Nathalie Litzner (Bratsche)
Anna Neubert (Violine)
Silas Eifler (Kontrabass)
Tracklist "Cumulus":
- Nuvole
- Mistral
- Paquito
- Nebulae
- Passate
- Cirrus
- Cumulus
- Brücke bei Nacht
- Wetterleuchten (feat. Francesco Imbriaco)
- Notos
- Aiolos
- Blaue Stunde
- Stroboskop
Gesamtzeit: 45:37 Erscheinungsjahr: 2026



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