Mit Stefano Panunzi stellt sich ein italienischer Komponist, Keyboarder und Produzent aus Rom vor. Musikalisch anzusiedeln ist er im Umfeld des Prog Rock, ausgefüllt mit Elementen aus Ambient, Art Rock und breiten Klangflächen. Stets arbeitete er mit vielen bekannten Musikern der Szene zusammen, so seien beispielhaft Mick Karn, Richard Barbieri oder Jakko M.Jakszyk genannt.
Nach bisher vier Soloalben hat er nun sein aktuelles vorgelegt, genannt "Caravaggio". Wahrscheinlich nach dem italienischen Maler des Barock, Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) Dieser wurde vor allem für seinen fast fotorealistischen Malstil und die dramatische Verwendung des Chiaroscuro (die starke Gegenüberstellung von Licht und Schatten) bekannt. Und wie hat Panunzi es nun vermocht, seine eigenen Gemälde in Hinblick auf das Schaffen des Malers umzusetzen? Denn der soll ein recht bewegtes Leben geführt haben, mit sehr vielen extravaganten Tendenzen und voller Dramatik in vielerlei Hinsicht, mit Selbstzweifeln, ständiger Suche nach dem Ich und viel Leid.
Die erste CD wird mit dem Titelstück eingeleitet, man kann den Gitarristen David Torn hören, er spielt hier eine sehr arabisch klingende Gitarre. Es führt mich gedanklich nach Asien, vielleicht zu einer Karawane, die sich durch die Wüste schiebt. Dann scheint eine Violine zu erklingen, das ist jedoch im Line-up nicht vermerkt. Ist das auch Torn mit seiner speziellen Art, Gitarren zu modifizieren oder sind es die von Panunzi gespielten Keyboards? Auf jeden Fall ist dieser langsame Song voller schleppender Dramatik, ein in die Seele zielender Auftakt.
Bereits "I No Longer Know Who You Are" ist der erste rein instrumentale Track, hier geht es etwas druckvoller zur Sache, doch bleibt auch hier der gewisse verträumte Charakter im Vordergrund. Neben der Gitarre, hier von Nicola Lori ist es der Upright Bass von Fabio Trentini, der mit seiner elektrischen Verstärkung und dem verhallten Sound diese Stimmung untermalt.
Im Grunde genommen ist jeder der insgesamt vierundzwanzig(!) Songs geprägt von hoher Individualität, auch durch die Beteiligung so vieler unterschiedlicher Musiker*innen. So zum Beispiel ist es auf "Hidden Ties" Theo Travis von der Band Soft Machine mit seinem Einsatz von Flöte und Saxofon, der wesentliche Akzente setzt. Auch auf weiteren Songs, und hier ist es Tim Bowness, der für den Gesang sorgt. Gleichzeitig schwebt ein Sound durch den Raum, der mich auch ein wenig an Pink Floyd erinnert. Und auch hier trägt Gitarrist Nicola Lori wieder zur Soundgestaltung in wichtigem Umfang bei und das Mellotron rundet den Sound angenehm ab.
Oft habe ich den Eindruck und das damit verbundene Gefühl, abzudriften in eine Welt voller Illusionen, wie eine Art Wegtreten in eine Fantasiewelt, einer angenehmen Massage gleichkommend vielleicht. Insofern wirkt dieser Sound so wie mehrere Teile eines Fantasy-Films, mit so ganz verschieden dargestellten Stimmungen, die jedoch allesamt eine stets hoch emotional geprägte Atmosphäre schaffen, und da nimmt sich keiner der Songs aus. Hierbei gliedern sich die verschieden eingesetzten Sänger perfekt ein und erzeugen einen relativ gleichen Ausdruck. Zwischen die Herren mischt sich bei "Ink Scars" dann Elisabetta Todrani, die darüber hinaus Gitarre spielt. Hervorragende Arbeit wird letztlich von allen, jeweils beteiligten Gitarristen geleistet, in dem sie stets die jeweilige Dramatik mit teils schwebenden und sägend wirkenden Sounds bereichern.
Und noch einmal brillieren Flöte und Mellotron mit ihrem Einsatz bei "Every Drop Of Your Love – Reprise", und dann erhebt sich Gitarrist Jakko M.Jakszyk mit seinem Spiel kurz und belebt den fliegenden Sound mit einem kurzen Energieschub. Egal, ob er es ist, oder David Torn, Giacomo Anselmi oder Markus Reuter und die übrigen Gitarristen, sie alle haben einen maßgeblichen Anteil an der Außenwirkung der jeweiligen Songstrukturen. So, und ganz stimmungsvoll wird die erste CD beendet mit Cello und Keyboards, "In Those Our Words" kommt allerdings ohne "Words" aus, und mit einer sehr warmen und wunderschönen Stimmung durch das Cello von Donato Cedrone bekommt man fast schon eine Gänsehaut, so als würde man einem entsprechenden Film schauen.
Ähnlich harmonisch startet die zweite CD, hier spielt Theo Travis auf dem Duduk, einer armenischen Flöte. Dieser orientalische Sound vereint sich mit dem wattigen Keyboardsound zu einer weiteren imaginären Filmsequenz. Etwas ungewöhnlich im weitestgehend ruhigen und getragenem Rahmen erschallt "If It’s Not Love, What Is?" ein wenig in Richtung Jazz-Fusion, was durch die Trompete von Luca Calabrese noch unterstrichen wird. Und so setzt sich auf der zweiten CD genau das fort, was man bereits auf der ersten erleben durfte, einerseits die Abwechslung durch die diversen Musiker*innen und andererseits die dennoch hervorstechende Gemeinsamkeit und Einheit im Sound. Nuancen bieten dann immer wieder einzelne Beteiligte, wie erneut David Torn auf dem Instrumental "Stepping Out Of Your Dream". Dabei werden immer wieder Assoziationen wach, hin zu Bands wie King Crimson; oder bei "Simple Man" werde ich gedanklich irgendwie zu David Sylvian geleitet, das empfinde ich grundsätzlich mehrmals im Verlauf der beiden Scheiben.
Auch die beiden letzten Stücke sind auf ihre Art besonders. Ganz langsam und beschaulich vermag "Sea Of Madness" zu fesseln, Luca Calabrese spielt Flügelhorn und bringt eine verträumte Stimmung ein, dazu ist es Maria Peters, die mit 'Spoken Voice' einen geheimnisvoll wirkenden Anstrich hinzufügt, ach ja, und Torn schwebt wieder einmal durch den Raum mit seinem unverwechselbaren Sound, herrlich! "Gaza" verabschiedet uns auch ein wenig emotional geprägt aus einem Doppelalbum voller bewegender Musik – und – auf meine obige Frage einzugehen, denke ich, ist es Stefano Panunzi gelungen, mit diesen vierundzwanzig Songs das Schaffen von Michelangelo Merisi da Caravaggio inklusive der Gegenüberstellung von Licht und Schatten umzusetzen. Und das alles ist mit einem hervorragenden und großartigen Klang ausgestattet worden, ein echtes Kunstwerk der Klangeskunst.
Line-up Stefano Panunzi:
Stefano Panunzi (keyboards, programming)
Grice (vocals)
Peter Goddard (vocals)
Tim Bowness (vocals)
Alessandro Borgo Caratti (vocals, guitar)
Elisabetta Todrani (vocals, guitar)
05Ric (vocals, guitar, percussion, stick bass, solo guitar)
Jakko M. Jakszyk (guitars, vocals)
Nicola Lori (guitar)
David Torn (guitars)
Michael Bearpark (guitars)
Markus Reuter (guitars)
Saro Cosentini (guitar)
Giacomo Anselmi (guitars)
Fabio Trentini (upright bass, basses, synth bass)
Fabio Fraschini (schecter stiletto 5 strings bass, mayones patriot 5 strings bass, Rickenbacker 4001 bass)
Mick Karn (fretless bass)
Colin Edwin (bass)
Cristiano Roversi (Chapman stick)
Alessandro Inolti (drums)
Luca Fareri (drums)
Marco Fuliano (drums)
Theo Travis (flute, sax, duduk)
Nicola Alesini (sax)
Luca Calabrese (trumpet, fluegelhorn)
Mike Applebaum (trumpet)
Emanuele Bruno (harmonica)
Donato Cedrone (cello)
Maria Peters (spoken voice)
Tracklist "Caravaggio":
- Caravaggio (9:54)
- I No Longer Know Who You Are (6:25)
- Hidden Ties (6:53)
- On the Forgiveness Road (6:32)
- No More Wars (6:14)
- Every Drop Of Your Love – Reprise (5:18)
- Isolation (5:38)
- Hymn (7:24)
- Just Stop And Look Around (7:01)
- Don´’t Touch Me (5:24)
- Ink Scars (6:01)
- In Those Your Words (2:56)
- The Well (6:28)
- If It’s Not Love, What Is? (6:14)
- Endless (6:40)
- Stepping Out Of Your Dream (6:57)
- Simple Man (6:58)
- Tribal Innocence, Part 2 (4:19)
- I Cry For Love (5:58)
- Hold (8:58)
- Lost Inside the Wishing Well (5:12)
- Breathing The Thin Air (6:35)
- Sea Of Madness (8:17)
- Gaza (6:33)
Gesamtspielzeit: 75:49 (CD 1), 79:18 (CD 2), Erscheinungsjahr 2026



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