Obwohl der amerikanische Gitarrist und Produzent Steve Cropper unter eigenem Namen, sprich mit seinen Soloalben nie den großen Erfolg verzeichnen konnte, galt er bereits in den sechziger Jahren und bis zu seinem Ableben in Musiker-Kreisen als Ikone. Er gehörte zur Studio-Band des heute legendären Labels Stax Records und war ganz nebenbei auch der Gitarrist von Booker T. & The M.G.’s, die direkt mit ihrem ersten Album ("Green Onions", 1962) auch ihren größten Hit ablieferten. Er spielte unzählige Studio-Sessions für alles was Rang und Namen hatte und war Co-Komponist von solchen Klassikern wie "Sittin' On The Dock Of The Bay" (Otis Redding), "In The Midnight Hour" (Wilson Pickett) oder "Knock On Wood" (Eddie Floyd), um nur mal ein paar wenige zu nennen. Ende der siebziger Jahre war er dann auch im Kino als Gitarrist der Band und des Films "Blues Brothers" zu sehen. Die Anzahl seiner Soloalben ist dagegen übersichtlich, aber in den 2020er Jahren erschienen dann gleich drei Platten, von denen mir die nach "Fire It Up" (2021) und "Friendlytown" (2024) letzte und nach seinem Tod im Dezember 2025 in diesem Herbst erschienene "Watching The Tide" jetzt vorliegt.
Cropper selbst spielt auf dieser Platte 'lediglich' Rhythmus-Gitarre, wird jedoch sehr tatkräftig von Jon Tiven unterstützt, der sowohl die Lead-Gitarren, den Bass sowie weitere Instrumente übernommen hat. Und namhafte Gäste waren ebenfalls mit dabei, aber dazu später mehr. Eröffnet wird die Scheibe von dem coolen Instrumental Tandoori Chicken", das neben den üblichen Band-Instrumenten wie Gitarre, Bass, Keyboards und Drums auch über ein dominantes Saxophon verfügt. Für deutlich rockigere "Ticket First" kommt dann auch der Lead-Sänger Roger C. Reale mit seiner kräftigen, sowohl bluesigen als auch souligen Stimme ins Spiel. Ein starker Track, bei dem obendrein Eric Clapton eines seiner guten Soli beifügt. Wenn wir nun schon bei den prominenten Gastbeiträgen sind, gehen wir direkt über zu dem Stück "My Angels Are Calling", zu dem Brian May einen großen Beitrag geleistet und neben den Gitarren- und zusätzlichen Bassspuren sogar noch die Lead Vocals übernommen hat.
Last but not least sei an dieser Stelle noch die starke Slide-Gitarre von Ronnie Wood zu dem Stück "Until Now" hervorgehoben. Und fast hätte ich Billy Gibbons (ZZ Top) vergessen, der als einziger Gast für "My Angels Are Calling" sowie "Stand Right Here" bei zwei Stücken mit am Start war. Die zwölf Tracks bewegen sich durchgehend in der Schnittstelle von Blues- und Roots Rock, verfügen allerdings auch über eine gesunde Dosis Soul. Die Background-Sängerin Ana Grosh teilt sich mit Reale die Lead Vocals für "Here & Gone" (einem der stärksten Song des Albums) wie auch für "Stand Right Here". Eine sehr coole und erfrischende Abwechslung, die die Platte noch besser macht, als sie sowieso schon ist. "House Of Cards" ist eine nach vorne treibende Nummer mit schöner Slide und dem erneut kräftigen wie fordernden Gesang Roger C. Reales. Beschwingt groovend kommt dagegen "Down & Out" und sorgt für weitere Abwechslung.
Jeden einzelnen Song genauer zu betrachten erspare ich mir an dieser Stelle zwar, festgestellt werden darf aber auch, dass unter den bisher unverwähnten Tracks wie beidspielsweise "Blood From A Stone", "Tipoff The Ripoff" oder "It’s Gonna Get Worse" kein Ausfall festzustellen ist. Beendet wird das durch und durch stimmige Album durch den zweiten Teil der Eröffnungsnummer "Tandoori Chicken". "Watching The Tide" ist zwar keine Scheibe, die die Welt einreißen oder verändern wird, dafür aber ein grundsolides und starkes Album, das Langzeitwirkung hat. Einfach aus dem Grund, weil man es immer wieder gerne auflegt. Starke Songs und Spitzen-Musiker, was will man mehr? Die Familie von Steve Cropper hat übrigens bereits verlauten lassen, dass es sich bei dieser Platte keinesfalls um die letzte Veröffentlichung des verstorbenen Gitarristen handelt, sondern noch sehr viel bisher unveröffentlichtes Material vorhanden ist. Und das soll den Freunden guter Musik in Zukunft ebenfalls zugänglich gemacht werden. Gut so.
Line-up Steve Cropper & The Midnight Hour:
Steve Cropper (rhythm guitars)
Roger C. Reale (lead vocals)
Jon Tiven (lead guitars, pedal steel, sitar, bass, keyboards, saxophone, harmonica, harmony vocals)
Eddie Gore (organ, percussion)
Nioshi Jackson (drums & percussion)
Ana Grosh (background vocals, lead vocals – #6,9)
With:
Eric Clapton (lead & rhythm guitars – #2)
Billy Gibbons (end guitar solo – #3, lead guitar – #9)
Brian May (guitars & additional bass & lead & background vocals – #3)
Ron Wood (slide guitar – #4)
Tracklist "Watching The Tide":
- Tandoori Chicken
- Ticket First
- My Angels Are Calling
- Until Now
- Blood From A Stone
- Here & Gone
- It’s Gonna Get Worse
- Down & Out
- Stand Right Here
- Tipoff To The Ripoff
- House Of Cards
- Tandoori Chicken Part 2
Gesamtspielzeit: 41:54, Erscheinungsjahr: 2026



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