Wie im richtigen Leben auch, haben Kinder eine Vorgeschichte: ihre Eltern nämlich. Und im Fall der mittelfränkischen Band sind das Jonah & The Whales und die Empire State Band. Beide aus Nürnberg und somit Ihre Kinder ebenso.
Auf den ersten Blick erscheint ein Album bestehend aus den Singles einer Band als eine Art Kompilation, die der Fan eher nicht braucht, da er zum einen die Alben komplett besitzt und zum anderen Single-Auskopplungen nicht zwangsläufig die musikalisch beste Wahl eines Werkes sein müssen. Im Falle vorliegender Scheibe sind wir aber weit davon entfernt, Singles als Chartgaranten in Betracht zu ziehen, denn das war nie das Ziel der Band bei der Wahl, was auf die kleinen Vinyl-Rundlinge gepresst werden sollte.
Die Band wollte die Rundfunkanstalten anfüttern, was ihnen auch gelang. Dass Ihre Kinder die erste Rockband war, die deutsche Texte für ihre Lieder verwendete, schrieb ich bereits vor zehn Jahren im Review zum 1971er Werk Werdohl. Und von diesem Album wurde "Die graue Stadt" als A-Seite auf Single gepresst. Dem rhythmisch rockigen Stück stellte man mit "Komm zu Dir" eine ebenfalls flotte, aber mehr folkige Nummer zur B- Seite. Und da haben wir mein eingangs erwähnten Statement, dass es so eine Sache ist, was denn nun ausgekoppelt und auf welche Seite kommen soll, denn ich hätte "Komm zu Dir" eher 'Vorne' gesehen. Aber in vorliegendem Fall musste ja ein Song aus "Werdohl" auf die Minischeibe und da "Komm zu Dir" aus dem 1970er Vorgängeralbum "2375004" stammt, war die Platzierung quasi vorgegeben.
Passend dagegen "Hilf mir" (A) und "Würfelspiel" (B). Unterschiedlicher könnten zwei Nummern kaum sein, denn "Hilf mir" ist für mich DAS Stück der Band. Wie auch das Mutteralbum "Leere Hände". "Hilf mir" soll auch herhalten, wenn ich kurz erwähne, dass Ihre Kinder textlich mehr als interessant und oftmals nachdenklich daherkamen. Gottlob in deutscher Sprache, denn der krautigen Ausrichtung kommt das enorm zugute. Georgie Meyes Flöten- und Geigenspiel zu herrlichen Orgel- und Gitarren-Tunes sind für mich Brandmarks, respektive Markenzeichen der Band.
"Würfelspiel" dagegen ist anders, schneller, rockiger, anders eben. Das macht das Stück natürlich zu einem echten Gegenpol der A-Seite. Ernst Schulz meint dazu, dass "Würfelspiel" für ihn »aus heutiger Sicht die erste Punk Nummer war«. Nun ja, zum Glück sehe ich das anders, denn das Stück gefällt mir, was ich, mit ein paar Ausnahmen, von Punk eher weniger behaupten kann. Ich weiß aber, was Ernst meint, denn im Vergleich zum Gros der Bandkompositionen ist das schon ein rauerer Ritt.
"Spinne im Netz" und "Stunden" sind meines Wissens nur auf Single erschienen. Zumindest im Originaljahr 1972. Auf das aus diesem Jahr erschienene Album "Anfang ohne Ende" haben die beiden Tracks vielleicht nicht mehr gepasst und für eine Doppelscheibe gab es nicht genug Material. Ich weiß es nicht. Aber auf dem 1997er Reissue der Platte sind die beiden Stück als Bonus gepackt. Ausgekoppelt aus "Anfang ohne Ende" wurden dagegen das "Fließbandlied" sowie "Ein Lied für Dich". Zwei schöne Nummern – die erste besonders nett zu hören, wenn man bereits in Rente ist und auf sein Arbeitsleben mit Abstand blicken darf. "Ein Lied für Dich" ist ebenfalls textlich geeignet, das Nachdenken anzuregen und darüber hinaus bluesig mit Tiefgang.
Zeitsprünge sind logisch, wenn man ein Album bestehend aus Singles vor sich liegen hat, denn nach der 'Kuckuck-Zeit' und 14 Jahren erschien im Jahr 1984 "Heute" via Virgin Daraus stammt die Single "Kalenderblatt" mit der Rückseite "Aussteiger-Blues". Beim "Kalenderblatt" ist die NDW spürbar, aber auf nicht unangenehme Weise, wobei das Kraut scheinbar bereits aufgeraucht ist. Instrumental mach es aber Spaß, besonders dem angefunkten Gitarrenspiel zu lauschen. Dass Teile der Lyrics ein Originalzitat der VAG Nürnberg (Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg) sind, war mir nicht bekannt und daher erwähne ich gerne, dass über den zitierten Satz »Wenn Sie aussteigen wollen, drücken Sie den Knopf am Haltegriff« das Beiblatt des Labels zur CD informiert.
Ihre Kinder hatten einige Songs auch in englischer Sprache aufgenommen, weil sie davon ausgingen, damit mehr Erfolg zu haben. Ging nicht auf – zum Glück, wie ich meine. Denn auf eine Split-Single mit einer anderen Band hören wir "The Dice" – sprich, die Nummer "Würfelspiel" auf Englisch. Netter Versuch, aber meiner Meinung nach ist das keine Aufwertung des Stückes.
Apropos andere Band: Ab Track Nummer zwölf gibt es Lieder zu hören, die zwar von Musikern der Band, aber abseits des Bandgefüges stammen. "Pik As" ist aus dem Soloalbum "Tränengas" aus dem Jahr 1979 von Sonny Henning. Zu diesem Zeitpunkt lag die Auflösung der Band Ihre Kinder, die sich im ersten Drittel der 1980er reformierte, bereits sechs Jahre zurück. Sonnys Album kenne ich nicht, aber der ausgekoppelte Song ist astreiner Deutschrock mit Krautwurzeln und trägt durchaus DNA von Ihre Kinder. Auch zeitlich näher an den Kindertagen ist Ernst Schultz' "Kirchenlied" aus seinem 1971er Werk "Paranoia Picknick". Ruhiger als Sonnys Beitrag, aber ansonsten textlich wie auch musikalisch ebenfalls mit der richtigen Blutgruppe gesegnet.
Auch von Ernst Schultz sind die aus seinem Album "Glückliche Verlierer" (1981) als Single ausgekoppelten Nummern "Gorilla, du Desperado", "Lass mich weiter schlafen", "Du willst gehen" und der "Summertime Blues". Letzteres Stück dürfte bekannt sein; wenn nicht von Cochran, dann von den Who. Und die Schultz-Version liegt irgendwo in der Mitte der beiden eigentlich ungleichen Versionen. "Gorilla, du Desperado" heißt im Original "Gorilla, You’re A Desperado" und ist auf Warren Zevons "Bad Luck Streak In Dancing School". Dort auf Englisch und bei Ernst in deutscher Sprache.
Die ältesten beiden Stücke auf dieser Singles-Sammlung datieren auf das Jahr 1965 und somit auf die eingangs erwähnten Eltern der Band. Konkret auf Jonah & The Whales, gegründet 1963 von Sonny und Ernst. Wenngleich die Band finanziell von Jonas Porst, dem Sohn des Photo Porst-Gründers unterstützt wurde, bin ich eher der Meinung, dass der Bandname etwas mit der Bibelgeschichte über Jona und dem Wal zu tun hat. Wie auch immer, diese Geschichte wie auch Photo Porst erinnern mich stark an jahrzehntealte Vergangenheit.
An vergangene Tage erinnern auch die Single-Seite "It’s Great", ein Coversong der britischen Monotones aus dem Jahr 1964 sowie Dylans aus dem gleichen Jahr stammendes "It AInt’t Me Babe". Während "It’s Great" hart am Original schrammt, vielleicht eine kleine Spur härter daherkommt, ohne aber nicht beatmäßig zu klingen, ist "It AInt’t Me Babe" erst näher an gutem poppigen Beat, bis der Refrain dann an Mr. Zimmermann gemahnt.
Sirenna ist mit dieser Zusammenstellung nicht nur eine interessante und zeitgeschichtlich lohnende Kompilation gelungen, sondern hat mit den beiden Jonah & The Whales-Liedern auch deren einzige Veröffentlichung im Portfolio. Somit beweits das Label mal wieder, wie gut man darin ist, Musikliebhabern immer wieder Perlen zu präsentieren. Ein weiterer Guter soll nicht unerwähnt werden. Den Ergrauten, Kahlen und Gefärbten wird der Name etwas sagen: Frank Laufenberg. Laut Ernst Schulz, war der SWR-Mann der erste Radiomensch, der Ihre Kinder entdeckte und sie im Radio spielte.
Und nun können wir "Alle Singles A- und B-Seiten" spielen.
Line-up Ihre Kinder;
Sonny Henning (Gesang, Keyboards)
Ernst Schultz (Gesang, Gitarre)
Georgie Meyer (Geige, Flöte, Gesang)
Olders Frenzel (Schlagzeug)
Muck Groh (Gitarre)
Tommi Röder (Bass, Saxophon)
Tracklist "Alle Singles A- und B-Seiten":
- Hilf mir
- Würfelspiel
- Die graue Stadt
- Komm zu Dir
- Spinne im Netz
- Stunden
- Fließbandlied
- Ein Lied für Dich
- Kalenderblatt
- Aussteiger-Blues
- The Dice
- Pik As
- Kirchenlied
- Gorilla, du Desperado
- Lass mich weiter schlafen
- Du willst gehen
- Summertime Blues
- It’s Great
- It AInt’t Me Babe
- 1-11: Ihre Kinder
- 12,13: Sonny Henning/Ernst Schultz:
- 14-17: Ernst Schulz
- 18,19:Jonah & The Whales:
Gesamtspielzeit: 68:49, Erscheinungsjahr: 2026 (1970-1984)



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