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Black Country Communion / Konzertbericht, 10.06.2025, Stadtpark Open Air, Hamburg

Black Country Communion / Konzertbericht, 10.06.2025, Stadtpark Open Air, Hamburg

Bemerkenswertes, ohrenärztliches Goutierungsniveau, Tonlagen wider des Alters und marodierende Bahngleise

Erinnert sich noch jemand, wie vor nunmehr 59 Jahren der Begriff 'Supergroup' seinen Einzug in den Kanon der Musikpublizistik hielt?
Ginger Baker, Jack Bruce und Eric Clapton taten sich als Sahne-Topping der musikalischen Feinkost zu Cream zusammen – allesamt mit besten Meriten in der britischen Katalysatorexplosion der rockmusikalischen Entwicklung – um kurze 2 ½ Jahre lang Dynamit zu zünden. Hernach wurde der Terminus 'Supergroup' arg überstrapaziert und leierte aus wie die Gleise der Deutschen Bahn.

Letztere sorgen bei der Anfahrt zum Stadtpark Open Air Hamburg, wie bei jeder Zugfahrt auf den bundesdeutschen Schienen, für glänzenden Angstschweiß auf der Stirn, obwohl die Außentemperatur der anrollenden Hitze den Stinkefinger zeigt.

Glücklich angekommen soll sich alsbald erweisen, dass der vergleichsweisen Kälte und dem drohenden Nass von oben doch so einige zu trotzen nicht gewillt sind. Dabei hat sich in der zweitgrößten Stadt der Republik eine … ganz genau … 'Supergroup' angekündigt. Und zwar eine, die dieser Etikettierung tatsächlich zur Ehre gereicht.
Vor 15 ½ Jahren gründeten Joe Bonamassa und Glenn Hughes Black Country Communion und holten dafür Jason Bonham und Derek Sherinian an Bord. Alle vier haben bereits signifikante Spuren in die rockmusikalische Enzyklopädie gegraben … so vertrat Jason Bonham am 10.12.2007 beim letzten Konzert von Led Zeppelin seinen verstorbenen Vater John, Derek Sherinian ließ an den Tasten u.a. bei Kiss, Alice Cooper, Dream Theater und Billy Idol aufhorchen, während Glenn Hughes als Bassist und Sänger der Mark III- und IV- Besetzung von Deep Purple angehörte und Joe Bonamassa sich am 23.06.2005 dem Verfasser zum Interview stellte, um fortan derart durchzustarten, dass er unter seinem Namen die größten Konzertsäle füllen kann.
Letztes Jahr veröffentlichten sie nach sieben Jahren mit V ein neues Album und werden damit nun im schönen Rund der Stadtpark Open Air Bühne vorstellig.

AfroDiziac in der Totalen

AfroDiziac in der Totalen

Zuvor will aber AfroDiziac mit seinen zwei Begleitern beweisen, dass ein Konglomerat aus psychedelischem Hendrix, tiefergelegtem Grunge-Grummeln und alternativem Classic Rock prima zusammenpasst und stellt beherzt Auszüge seines vor kurzem veröffentlichten Debütalbums "Vanity Affair" vor. Der stilsicher frisierte Frontmann, aus New York nach London übergesiedelt und derzeit in Berlin gelandet, weiß dabei mit eruptiven Attacken an seiner Gibson Les Paul und amtlichem Marshall-Sound durchaus zu überzeugen.
Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Auflagen der Stadt Hamburg dafür sorgen, den Schallpegel für die Zuhörenden auf ohrenärztliches Goutierungsniveau zu nivellieren.

Dem fallen etwas später auch Black Country Communion zum Opfer, da nützt es nichts dem Hardrock-Genre zugeschrieben zu werden, da selbst die einstmals lauteste Band der Welt, speziell für Glenn Hughes keine Unbekannten, an gleicher Stelle schon als sanfter Bettvorleger landete.

Glenn Hughes macht den Einheizer

Glenn Hughes macht den Einheizer

Der verfrühte Start macht klar, dass die Band einiges vor hat, immerhin begrenzen die Auflagen ein Ende des Gigs auf 22:00 Uhr. Und es wird alsbald unmissverständlich klar, dass das hier eine Glenn Hughes Show ist. Der zierlich wirkende Mann entfaltet umgehend auf der verhältnismäßig großen Bühne eine sagenhafte Bühnenpräsenz und lässt mit seiner Vokalakrobatik komplett vergessen, dass er die 70 bereits überschritten hat. Ohne hörbare Anzeichen von stimmlichen Ermüdungserscheinungen degradiert der umtriebige 4-Saiten-Artist seine Bandkollegen, bei allem Respekt, zu besseren Statisten und hat das Zepter in der Hand. Ja, auch der kommerziell für die Masse einzig relevante Bluesrock-Star Joe Bonamassa ordnet sich unter, spielt gewohnt perfekt auf diversen Gitarrenmodellen, kreiert punktuell fantastische Soli, die eindrucksvoll  seine rockige Seite betonen und kommt beim Paradestück "Song Of Yesterday" das einzige Mal als Leadsänger zum Einsatz.
Während Derek Sherinian als Herr der Tasten irgendwie nur eine Nebenrolle zukommt, gemahnt 'Schlagzeugtier' Jason Bonham mit Verve durchgehend an seinen legendären Erzeuger und sorgt implizit dafür, dass der grundsätzliche Duktus des Vortrags deutlich eher an Led Zeppelin denn Deep Purple erinnert, obwohl als krönender Abschluss das unverwüstliche "Mistreated" vom 1974er Purple-Album "Burn" zum Einsatz kommt.

Die Setlist wird von vier Stücken des 15 Jahre alten Debütalbums angeführt, gefolgt von jeweils drei Songs vom Nachfolger (Black Country Communion 2, 2011) und dem vierten Longplayer "BCCIV" (2017), während das aktuelle Werk, welches insbesondere in den USA und im UK die kommerziellen Erwartungen nicht erfüllt haben dürfte, lediglich mit zwei Kostproben vertreten ist.
Dabei treffen Glenn Hughes und Joe Bonamassa immer wieder am Bühnenrand zusammen und scheinen miteinander zu tuscheln. Während Erstgenannter latent die Hartgesottenen im Hamburger Schauerwetter bei Laune hält, widmet sich Zweitgenannter konzentriert seinen Arbeitsgeräten und tritt nur sehr selten in den Mittelpunkt. Das ist tatsächlich ob seines 'Marktwertes' bemerkenswert.

Nach 95 Minuten endet ein ausgesprochen solides Konzert, welches qualitativ hochwertig eine Lanze für den klassischen Hardrock mit bluesigen Einfärbungen und progressiven Spurenelementen bricht und zu der bemerkenswerten Erkenntnis führt, dass ein 73jähriger Vollblutmusiker mit signifikanter Drogenmissbrauchsvergangenheit die hohen Töne immer noch in Vollendung treffen kann, auch wenn das mitunter etwas enervierend ist.
Ebenfalls bemerkenswert sind die fotografischen Rahmenbedingungen seitens des 'Black Country Communion Tour Managements' und die vollständige Abstinenz eines Merchandise-Standes, was insbesondere für den Newcomer AfroDiziac sehr bedauerlich ist, der in Zeiten der Streamingausbeutung garantiert gerne sein Debütalbum offeriert hätte.

 

Ganz am Ende können zwei Schlussfolgerungen getroffen werden:
Bei aller Klasse wird sich in 59 Jahren vermutlich niemand mehr einer 'Supergroup' namens Black Country Communion erinnern und die bundesdeutschen Schienen marodieren nicht nur in den Kommentarspalten der (un)sozialen Netzwerke, sondern auch in der harten Realität. Zwei Konzertmitstreiter auf dem Rückweg nach Oldenburg können jetzt ein Lied davon singen, welchem selbst ein Glenn Hughes keine positiven Vibes mehr einhauchen könnte!

Unser Dank gilt Babak Khajehcoolacky von der PR & Social Media Abteilung der Karsten Jahnke Konzertdirektion GmbH für die freundliche und engagierte Foto- und Presseakkreditierung.

Bildnachweis für alle Bilder des Events (außer dem Auftrittsflyer): © 2025 | Olaf 'Olli' Oetken | RockTimes

Über den Autor

Olaf 'Olli' Oetken

Beiträge im Archiv
Hauptgenres (Hard Rock, Southern Rock, Country Rock, AOR, Progressive Rock)

1 Kommentar

  1. Edward Grosser

    Ich kann dem Konzertbericht überwiegend zustimmen. Trotzdem ein paar Anmerkungen meinerseits. Einen verfrühten Start konnte man das nicht wirklich nennen – eher das Gegenteil war der Fall. Das Konzert bzw Veranstaltungsbeginn war kurzfristig auf 19:30 Uhr nach hinten verlegt worden. Da der Zapfenstreich im Stadtpark schon länger sehr streng genommen wird, hatte ich schon eine böse Vorahnung – und zwar deshalb, weil es eine Vorgruppe geben sollte. Und das bewahrheitete sich. Also zockten AfroDiziac eine halbe Stunde, wobei ihnen schon vor dem letzten Stück vom Bühnenrand aus angezeigt wurde, dass sie zum Schluss kommen sollten. Also musste die Umbauphase recht zügig und diszipliniert vonstattengehen. Gegen 20:20 Uhr begann dann das Konzert von BCC. Auf der Setlist steht im Zugabenteil Sister Jane, welcher aber nicht gespielt wurde, sodass Mistreated die einzige Zugabe blieb. Nun kenne ich nicht die Begründung dafür, warum das Konzert kurzfristig nach hinten verschoben wurde, aber es ist schon merkwürdig, dass die Setlist der Openair-Konzerte grundsätzlich um 1-2 Songs gekürzt ist. Crossfire und Sister Jane waren nur zusätzlich für die Hallenkonzerte bestimmt. Ein Konzert nach hinten zu verlegen und zugleich ein paar Songs wegzulassen, ist bei den heutigen Ticketpreisen nicht gerade fanfreundlich und "Value by Money"…

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