Veränderte Zeiten, vergraulter Mainstream, Reputationsgewinn und ein Jungbrunnen
Knapp dreißig Jahre ist es jetzt her. Da erschien ein weiteres Bluesgitarristenwunderkind auf der Bildfläche, in damaligen Zeiten ein gefühlt inflationäres Phänomen. Der erst achtzehnjährige Kenny Wayne Shepherd reüssierte mit seinem Debüt "Ledbetter Heights", von welchem Anfang 1996 bereits über 500.000 Einheiten verkauft werden konnten, aus heutiger Sicht leider vollkommen außerhalb jedweden Vorstellungsvermögens.
Der nur einen Monat ältere Joe Bonamassa machte ein Jahr zuvor mit Bloodline – einer Band mit gleich drei Söhnen von Musiklegenden (Berry Oakley–Allman Brothers Band, Robbie Krieger–Doors und Miles Davis) – erstmals auf bescheidenerem kommerziellen Niveau von sich reden.
Der Erfolg von "Ledbetter Heights", ein brennendes Manifest des Blues Rocks, spülte den jungen Mann gar in das Vorprogramm der Gruppe, die erst wieder miteinander musizieren wollte, wenn die Hölle zugefroren ist. Am 19.07.1996 wurde der Autor dieser Zeilen auf der Trabrennbahn Bahrenfeld in Hamburg Zeuge, dass einerseits nicht nur Politiker*innen das Geschwätz von gestern am Allerwertesten vorbei geht und andererseits die stürmende Jugend im Fahrwasser des damals noch allgegenwärtigen Stevie Ray Vaughans mit dem Gesäusel von Protagonisten eines der meistverkauften Alben der Musikgeschichte ("Their Greatest Hits 1971–1975"; 1976) für ein Massenpublikum nicht unter einen Hut zu bekommen ist. Jedenfalls spielte der gute Kenny Wayne Shepherd unbeirrt die große Fläche vor der Bühne leer und ermöglichte dem begeisterten Autoren freie Sicht auf das spektakuläre Geschehen, während sich alles um ihn herum die Ohren zuhielt.
Zarte acht Jahre ist es dagegen erst her, als ein 83jähriger für sein Album "Porcupine Meat" erstmals einen Grammy-Award (Best Traditional Blues Album) einheimste.
Bobby Rush kam als 20jähriger nach Chicago und wurde Teil der lokalen Bluesszene. Das hatte zur Folge, dass er mit Leuten wie Muddy Waters, Little Walter, Jimmy Reed, Etta James, Howlin' Wolf spielte und/oder befreundet war.
Dies mag verdeutlichen, dass Bobby Rush heutzutage als einer der letzten lebenden und aktiven Blueser der zweiten Generation – analog zu Buddy Guy (Jahrgang 1936) – als Ikone gelten darf und somit Begehrlichkeiten bei den nachwachsenden Generationen weckt.
Anfang der 1990er Jahre huldigte Eric Clapton mit Buddy Guy auffallend oft einem seiner Idole, welches wiederum für musikalische Projekte auch die wesentlich jüngeren David Grissom (Storyville) oder Scott Holt (aktuell Foghat) für sich gewann.
Kenny Wayne Shepherd wiederum verließ gut zehn Jahre nach seinem erfolgreichen Debüt seine 'Komfortzone' und arbeitete auf 10 Days Out (Blues From The Backroad) mit Altmeistern wie B.B. King, Clarence 'Gatemouth' Brown, Bryan Lee, Honeyboy Edwards oder Hubert Sumlin zusammen, was dem sich zunehmend im Mainstream-Rock verlierenden Blondschopf gute Kritiken und eine gehörige Portion Reputation einbrachte.
Neunzehn Jahre später ist es wieder soweit und diesmal bringt das Blues-Urgestein Bobby Rush mit dem Fender Statocaster Aficionado ein gemeinsames Album auf den Markt, welches ohne Chichi dem archaischen Blues huldigt. Dabei werden vier überarbeitete Rush-Originale, eine Weiterentwicklung des 1955 als B-Seite von "Manish Boy" herausgekommenen "Young Fashion Ways" (Muddy Waters, geschrieben von Willie Dixon) und fünf gemeinsame Kompositionen zu Gehör gebracht. Neben dem durchgehend am Mikro agierenden Altmeister, der auch seine charakteristische Mundharmonika gewinnbringend zum Einsatz kommen lässt, und dem 44 Jahre jüngeren Saitenderwisch glänzen mit Steve Potts am Schlagzeug und Charles Hodges an den Tasten zwei Sessionlegenden, die mit Al Green eine gemeinsame Vergangenheit haben und ansonsten zwischen Gregg Allman, der Rhytmusabteilung von 'Hi Records' und Tony Joe White wenig ausgelassen haben.
Der musikalische Duktus pendelt dabei zwischen solider Traditionalität und vorsichtiger Modernisierung, wobei letzteres definitive Hinhörer wie "Uncle Esau" – ein flotter Shuffle, der mit New Orleans-like Gebläse und einem nicht nur hier erstaunlich nahen Clapton-Ton im Saitenspiel auf eine Little Feat-Schiene gehievt wird – oder "Young Ways", die Muddy Waters-Bearbeitung mit amtlicher Stevie Ray Vaughan-Huldigung, generiert.
Aber auch der Opener "Who Was That" oder "Make Love To You" strotzen vor Quirligkeit und Vitalität und treten damit den Beweis an, dass mindestens die Bluesmusik völlig alterslos ist, ja, gar ein Jungbrunnen zu sein scheint.
Dabei brilliert 'Jungspund' Shepherd über das gesamte Album gesehen mit punktgenau gesetztem Saitenspiel, welches einer Symbiose aus Eric Clapton und Stevie Ray Vaughan entsprungen zu sein scheint, ergänzt mit Elmore James-Einlagen, die einem Jeremy Spencer (Fleetwod Mac der Peter Green-Ära) ein Lächeln ins Gesicht zaubern dürften. Der traditionellere Part des Albums präsentiert ihn eher als empathischen Begleiter auf der Akustischen, während wahlweise Schlachtrösser wie "Hoochie Coochie Man" (Muddy Waters, Willie Dixon) oder "Little Red Rooster" (Howlin' Wolf, Willie Dixon) durchschimmern. "Make Love To You" erinnert dagegen nicht nur vom Titel her an "I Just Want To Make Love To You" (nochmals Muddy Waters, Willie Dixon).
Fazit:
Bobby Rush präsentiert sich im hohen Alter als erstaunlich vitaler Bluestraditionalist, der allerdings rechts und links des Weges bunte Farbtupfer zu pflücken weiß, während Kenny Wayne Shepherd noch einmal in Erinnerung ruft, dass er wesentlich mehr kann als Höher-Schneller-Weiter. Begleitet von erlesenen Studiomusikern, gemastert von Adam Ayan – siebenfacher Latin Grammy Award Gewinner und Nachfolger des Mastering-'Gurus' Bob Ludwig (13 Grammys) – und von beiden Protagonisten selbstproduziert ergibt sich ein abgeklärtes Bluesalbum, das innerhalb der begrenzten Möglichkeiten des Genres verschiedene Facetten ausleuchtet, aber trotz Klangprominenz zeitgeistig stark komprimiert die dynamischen Möglichkeiten eines Tonträgers bei Weitem nicht auslotet.
Auch das war vor dreißig Jahren noch vollkommen anders.
Line-up Bobby Rush & Kenny Wayne Shepherd:
Bobby Rush (vocals, harmonica, rhythm guitar)
Kenny Wayne Shepherd (guitar, vocals)
Steve Potts (drums)
Charles Hodges (keyboards & B-3)
Darryl 'DJ' Pruitt (bass)
Doug Woolverton (trumpet)
Charlie Di Puma (saxophone)
Tracklist "Young Fashioned Ways":
- Who Was That (4:14)
- 40 Acres [How Long] (5:41)
- Hey Baby [What Are We Gonna Do] (3:59)
- Uncle Esau (4:44)
- Make Love To You (4:20)
- Long Way From Home (3:14)
- G String (5:31)
- You So Fine (3:46)
- Young Ways (6:43)
- What She Said (6:04)
Gesamtspielzeit: 48:17, Erscheinungsjahr 2025



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