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Byron / Eternal Return – CD-Review

Byron / Eternal Return

Ich habe keine Ahnung, wie viele unserer Leser sich dem Progressive Rock verbunden fühlen. Ob diejenigen, auf die das zutrifft, sich der Tatsache bewusst sind, dass eine der ersten frühen Bands dieses Genres nicht aus England stammt, sondern aus Rumänien? Der transsylvanische Phoenix startete bereits in meinem Geburtsjahr 1962, damals noch unter einem anderen Namen in Timisoara. Eine hochinteressante Band um Nicu Covaci, über die ich schon vor Jahren mal ein Portrait schreiben wollte. Was nicht ist, kann ja noch werden. So oder so bewegen sich damit Byron, deren neues Werk "Eternal Return" hier betrachtet werden soll, in sehr guter und traditioneller Gesellschaft. Der Bandname generiert sich aus dem Namen des Bandleaders Dan Byron, der doch eigentlich Daniel Radu heißt und der schöne Titel des Albums verrät eine Menge über den Plot. Die 'Ewige Wiederkunft', die schon bei Friedrich Nietzsche elementare Bedeutung innehatte, weist auf ein Album mit zyklischen Themen hin. Und tatsächlich, die zwölf Songs sind an den zwölf Monaten eines Jahres orientiert.

Ein Wort zur faszinierenden Besetzung der Band sollte auch noch vorangestellt werden, denn daraus leitet sich die Chimäre des chamäleonischen Sounds ab, wie es die Band wohl selbst nennt. Die Musiker, die bei Byron mitwirken und -wirkten, stammen aus progressiven Wurzeln wie aus Metal oder Blues. Dass diese Zusammenstellung und die für Rockmusiker trotz allem immer noch leicht exotische Herkunft aus den wilden Wäldern des Grafen Dracula ein vielschichtiges Gebräu zustande bringen würde, liegt auf der Hand.

Selbstverständlich lebt die Musik auf "Eternal Return" auch von der Souveränität langjährig erfahrener instrumentaler Könner, aber der Gesang trägt eine führende Rolle im Konglomerat der Stimmungsbilder, faszinierend irgendwo zwischen Grobschnitts Willi Wildschwein (Stefan Danielak) und Roine Stolt.  Wenn das mal keine guten Adressen sind.

Das lange Intro im ersten Song, "Settling Down", ist eine absolute Meisterleistung. Ein fast gespenstisch getragenes, Cello-ähnlich basierendes Sounderlebnis weckt stimmungsmäßig Erinnerungen an David Lynchs geniales filmisches Werk "Mulholland Drive", bis die erquickende Gitarre so etwas wie erste Lebenszeichen in ein düsteres Nebelinferno sendet. Die Motive der Musik sind dabei mitunter gar nicht so weit von dem zitierten Meisterwerk des modernen Neo Noir Films entfernt.

Der Effekt der ewigen Wiederkunft ergibt sich am besten, wenn man das Album in der Endlosschleife anhört, es beginnt und endet mit ausgesprochen realistischem Hundegebell, bei dem ich in der ersten Hörerfahrung auf dem Balkon nachgesehen habe, wo in unserem Innenhof sich der Kläffer wohl verschanzt haben mag. Wie im alten BaLi (Bahnhofslichtspiele), wo man auch nie wusste, wann ein Film endet und neu beginnt. Ich verspreche aber hoch und heilig, dies ist die einzige Gemeinsamkeit zu den zitierten Werken eher schlüpfrigen Charakters.

Das durchgängige Thema der zwölf Monde wird gerne durch Verwendung bekannter Motive als Überblendung dargestellt. Abgesehen vom schon erwähnten Hund gibt es Zwischenspiele eingespielter Telefongespräche oder floydscher Uhrentöne. Dazwischen bewegen sich die Nummern weitgehend auf mittlerem Tempo, atmen entspannte Keyboards und kreiselnde Gitarren und variieren geschickt zwischen allen möglichen historischen Bezügen und modernen Assessoires, stets unaufdringlich, aber einfühlsam dirigiert von Dans charismatischen Gesang. Wie schön die Stilmixe passen, zeigt sich beeindruckend in "The Sea", wo ein Dialog zwischen modernem Neo Prog und altem Kraut mit klassischer Flöte entsteht. Das erzeugt eine dichte Atmosphäre und vermittelt beiden Epochen neue Denkanstöße.
Vermutlich ist dies überhaupt das herausragende Qualitätsmerkmal des Albums, derart unterschiedliche stilistische Ausprägungen zu einem harmonischen Flow zu führen.

Schon in "A Walking Piece Of Art" finden wir ein reflektiv dahin strömendes Thema mit modernen Samples unterlegt, das durch ein aggressiv, riffiges Break schaumig aufgemischt wird, jedoch immer wieder zurückfindet zu jenem fast ein wenig jazzig entspannten Pianobar-Drift. Sehr cool.
Meine Lieblingsnummer ist die Nummer neun, sozusagen der September des Albums, wenn man denn die Reihenfolge chronologisch angeht, wobei ich meine Zweifel ob der Richtigkeit habe. Eine sanfte akustische Gitarre und die Gänsehaut erzeugende Stimme, ein ganz besonders spärliches Tastenspiel. Sie elektrisieren schon jetzt mit eindringlicher Melancholie und einer unmissverständlichen Aussichtslosigkeit, bis Gastmusiker Mihai Sohoran weit im Hintergrund eine zarte Trompete einstreut und wie in einem absurden Echo die aufgebaute Stille zurückwirft. Eben wieder wie in "Mulholland Drive", in der Szene im Club Silencio. Ein einzigartig schwermütiges Feeling von Niedergeschlagenheit, die gleichzeitig durch die Reflektion der Band aufgefangen wird und irgendwie tröstet. So geil kenne ich das bislang nur von David Sylvian. Ein zutiefst trauriger Song und doch so ein großartiges kleines Stück Musik, das uns aufnimmt und umarmt. "Little By Little" ist die Ballade für alle Verlierer – und wer war nicht schon mal ein solcher. »Little by little, I learn I’m not the one…«. – »Da kannsse nix machen«, sagen sie bei uns im Pott.

"In Between" vermittelt mir ein wohliges Erinnern an eine Musik, die ich schon länger nicht mehr gehört habe. Der Song entwickelt sich mit der scheinbar heiter, melancholischen Beschwingtheit des Canterbury-Sounds, ich muss dringend mal wieder meine Caravan-Scheiben abstauben. Faszinierend, dass ausgerechnet der elfte Song bereits im Hintergrund mit den obligatorischen Sylvester-Raketen abschließt, doch im Text geht es um eine endende Beziehung und da passt der scheinbare Anachronismus im Monatsgefüge angesichts der kontrastierenden Stimmung anlässlich eines eigentlich sehr tragischen Ereignisses recht gut. Die Beziehung war nämlich am Ende keine mehr.

Und der Showdown in "Gone Fishing" bringt mit sarkastisch groovenden Riffs die Erklärung, wenn der Protagonist ganz unprätentiös das Elend seines Daseins zitiert: »I’m getting ugly, bald and fat. Sitting on this couch, watching the game… My universe has shrunk to this humble flat. Every day is quite the same.« Und später:»my woman doesn’t seem to care…I think I’m going fishing.«
Eher niederschmetternde Erfahrungen, umgesetzt in eine gefühlvoll ausufernde Lyrik und gedämpft dramatischen musikalischen Ausdruck.

Wow, ein Album mit hohem künstlerischen Wert. Und am Ende, wenn der (Anti-) Held ins Wasser gesprungen und im Eis dahinzuscheiden scheint, da spürt er plötzlich sein Herz:»Beat again, beat again…« Lassy bellt im Hintergrund und der Film beginnt von neuem.

Am Ende dieser Betrachtung weiß ich plötzlich nicht mehr, ob mich nun die ausgereifte musikalische Umsetzung oder doch das faszinierend düstere Songwriting und die künstlerische Verarbeitung des Ausgangsthemas vom "Eternal Return" mehr beeindruckt. Eine kleine geile Platte.

Die Band hat in der Vergangenheit viele spannende Experimente gewagt auf ihrem Weg, der Kulturwelt und vor allem der Rockmusik neue Erfahrungen zu schenken. Sowohl akustische Konzerte mit einer Unplugged Show in einer transsylvanischen Zitadelle als auch ein international beachteter Auftritt in einem Salzbergwerk, 100 Meter unter der rumänischen Erde, gehören zur Bandvita genauso wie zahlreiche Arbeiten fürs Fernsehen. Und am Theater in Bukarest hat man Shakespeares "Lustige Weiber von Windsor" musikalisch dargestellt. Irgendwie ganz aktuell, denn die lustige Lisbeth scheint sich allmählich auch in eine Art "Eternal Return" zu verwandeln, doch entgegen aller Mutmaßungen über ihr metusalemisches Alter: Zu Shakespeares Zeiten weilte sie noch nicht unter den Weibern!

Byron spielen eine ausgewogene und mit erfreulichem Understatement präsentierte, wunderschöne Musik voller mystischer Melodik und Melancholie, deren Themen und Leitmotive niemals platt oder trivial wirken, sondern vielmehr philosophische und doch zutiefst menschliche Themen berühren. Progressive Musik von handwerklich perfekten Künstlern, die hierzulande noch nicht sehr bekannt sind, aber längst schon über den Dingen stehen. Ein Album für den neugierigen Musikfreund unserer Zeit und jeden, der intelligente Konzepte in der Rockmusik mag.


Line-up Byron:

Dan Byron (vocals, guitar, flute, synths, programming)
Sergiu '6fingers' Mitrofan (keyboards, piano, hammond organ, guitar #5,6,7, balalaika #8)
Laszlo Demeter (bass)
Dan Georgescu (drums, percussion, synths, programming, glockenspiel #9)

guest:
Lu Cozma (phone call – #3)
Mihai Sorohan (trumpet – #9)

Tracklist "Eternal Return":

  1. Settling Down
  2. Most Inexplicable Plague
  3. A Walking Piece Of Art
  4. The Sea
  5. History As A Child
  6. Peace
  7. City On Fire
  8. Wall Of Shame
  9. Little By Little
  10. One Day A Year
  11. In Between
  12. Gone Fishing

Gesamtspielzeit: 51:07, Erscheinungsjahr 2019 (CD weißt Entstehung in 2015 aus)

Über den Autor

Michael Breuer

Hauptgenres: Gov´t Mule bzw. Jam Rock, Stoner und Psychedelic, manchmal Prog, gerne Blues oder Fusion

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