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Bywater Call, 25.06.2025 und Handsome Jack, 26.08.2025 im Blues-Club Meisenfrei, Bremen

Bywater Call, 25.06.2025 und Handsome Jack, 26.08.2025 im Blues-Club Meisenfrei, Bremen

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Im Februar 2020, kurz vor der unsäglichen Corona-Epidemie und ihren mannigfaltigen Folgen, beehrte ein siebenköpfiges Kollektiv aus Toronto erstmals den besten Live-Schuppen der Stadt und spielte unwissentlich ein famoses Ständchen zum 50sten eines Gastes, der diese damals selbst in absoluten Nerd-Kreisen vollkommen unbekannte Band in der Form protegierte, dass er gleich mehrere musikalisch Gleichgesinnte zur Feier des Tages zum Konzert einlud.

Das Frontduo des Kollektivs

Das Frontduo des Kollektivs

Sein untrüglicher Riecher für musikalisch hochwertige Kost im Spannungsfeld von (Classic-)Rock/Blues/Roots/Americana/Soul/Jam sollte sich nicht geirrt haben und die leider viel zu wenigen Gäste erlebten eine formidable Band im musikalischen Fahrwasser der Tedeschi Trucks Band, was hernach zu regelmäßigen Abstechern auf den europäischen Kontinent führte und dem 'Meisenfrei' verlässlich einmal im Jahr ein Highlight bescherte.

Inzwischen stehen drei Studioalben, eine EP und ein Livealbum zu Buche, letzteres wurde diesen Sommer promotet. So auch am 25.06.25 in der 'Meise', quasi als musikalischer Höhepunkt einer dort an Live-Darbietungen tollen ersten Jahreshälfte.
Das ist kein Euphemismus … Bywater Call haben sich die vergangenen fünf Jahre von einer formidablen Band zu einer der besten Live-Acts entwickelt, die zeitgenössisch auf den Bühnen dieser Welt zu erleben sind. Dass dies immer noch in einem vergleichsweisen sehr kleinen Rahmen stattfindet, passt leider zum Gesamtzustand unserer Gegenwart.

Soul Diva der Extraklasse

Soul Diva der Extraklasse

Immerhin hat sich das damalige 'Geburtstagspublikum' um einiges vervielfacht und sorgt für ausgelassene Stimmung, während Bywater Call durchweg atemberaubende Qualität beisteuern. Sie haben sich vom 'Korsett' der Tedeschi Trucks Band gelöst. Meghan Parnell dürfte inzwischen trotz vergleichsweise kleiner Körpergröße zu den größten Stimmen des Souls ohne Auto-Tune gehören, Dave Barnes versucht nicht mehr wie Derek Trucks zu klingen , sondern hat seine eigene und durchaus begeisternde Handschrift gefunden, die Call-and-Response Dialoge mit den Blechbläsern Julian Nalli und insbesondere Stephen Dyte sind das größte Geheimnis einer zelebrierten Weltklasse-Musikalität, während die Rhythmus-Abteilung aus Bruce McCarthy und Mike Meusel den jederzeit passenden roten Teppich auslegt. Die einzige personelle Umbesetzung gab es an der Taste, allerdings brilliert John Kervin ganz zum Schluss bei der Zugabe "Colours" eher unerwartet vor allem am Banjo.

Soul Diva der Extraklasse

Soul Diva der Extraklasse

Vorher bringt die Band schwerpunktmäßig die neue Live-Rille "Sunshine" und das letztjährige Studiojuwel "Shepherd" zu Gehör, ergänzt durch gleich vier Songs, die gänzlich brandneu sind und wohl erst nächstes Jahr auf einem Album oder einer EP veröffentlicht werden. "Hold Me Down" ist immerhin bereits als digitale Single zu streamen.
Als herausragende Kirsche auf der Torte entpuppt sich dagegen ausgerechnet eine Coverversion. Stephen Stills' "Love The One You’re With" (1970) haben sich derzeit schon die britischen KollegInnen der Connolly Hayes Band in beeindruckender Manier zu eigen gemacht, aber was Bywater Call aus dieser Nummer zaubern ist, nicht von dieser Welt. Ein Jam-Soul-Rock Hybrid der Extraklasse mit einer interpretatorischen Meisterleistung, die den kleinen Rahmen der Veranstaltung ein Stück weit ad absurdum führt … die Band gehört eigentlich auf die größten Bühnen dieser Welt!

Ja, Meghan Parnell und die Band möchten zurecht hoch hinaus

Ja, Meghan Parnell und die Band möchten zurecht hoch hinaus

Der letzte Satz mag auch als Fazit gelten und der Rezensent ist außerordentlich gespannt, ob dieser Band, die by the way mitnichten aus Jungspunden besteht, noch die Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihr dringend zusteht.

Die Außenfassade des Blues-Clubs und die benachbarte Kneipe

Die Außenfassade des Blues-Clubs und die benachbarte Kneipe

Das führt automatisch zum zweiten Teil der in der Überschrift angedeuteten Dialektik.
Zum Start der Live-Darbietungen internationaler KünstlerInnen in der zweiten Jahreshälfte stellt sich am 26.08. das Trio Handsome Jack aus Buffalo vor, ganz zufällig gleich an der kanadischen Grenze gelegen. Sie waren vor zwei Jahren erstmals zu Gast im besten Live-Club der Hansestadt, hatten immerhin fünf Langeisen im virtuellen Gepäck, aber trotzdem vom Status her fast noch nerdiger unterwegs als ihre KollegInnen aus Toronto. Dessen ungeachtet waren die wenigen KennerInnen der Materie – aka Publikum – überaus begeistert, bekamen sie doch originäre Songs im Stile von Creedence Clearwater Revival goes Soulrock geboten, gepaart mit unüberhörbaren Vibes einer Band, die sich einstmals The Band nannte und, oh Wunder, kanadische Wurzeln hatte.

Bei einem Trio wirkt die Bühne gleich viel größer

Bei einem Trio wirkt die Bühne gleich viel größer

Eine spannende Melange, die anno 2025 ein deutlich zahlreicheres Auditorium verdient hätte.
Aber leider ist es abseits von Cover-Bands und vereinzelten Legenden vom Schlage eines Mitch Ryder, der seit Jahren das 'Meisenfrei' rund um seinen Geburtstag herum besucht, außerordentlich schwierig, die Leute mit 'No-Names' in kleine Live-Musikclubs zu locken, zumindest wenn es sich um Musik handelt, die einem Publikum gefallen soll, welches vor dem Siegeszug der sozialen Medien sozialisiert wurde.

Bennie Hayes brilliert variabel

Bennie Hayes brilliert variabel

Und so sieht sich das Trio von Handsome Jack wiederholt der anspruchsvollen Challenge ausgesetzt, einem rudimentären Kenner-Publikum ihre Fähigkeiten zu demonstrieren, was die Protagonisten auf der Bühne aber prompt nutzen, um ein Konzert der Extraklasse abzuliefern. Erinnern die drei auf Tonkonserve überwiegend an die legendären Creedence Clearwater Revival auf einem Trip zwischen den bereits genannten Koordinaten, könnte jetzt noch eine Geheimkoryphäe wie Dan Baird genannt werden, was wiederum schnell dazu führt, warum jemand wie Rich Robinson von den Black Crowes zu den Fans der Band gehört.

Völlig unbekanntes Gitarrenmodell II

Völlig unbekanntes Gitarrenmodell II

Jamison Passuite am Mikro und den sechs Saiten entpuppt sich als charismatischer Frontmann mit passgenauer Kleidung, adäquatem Gesangsvortrag und solider Saitenarbeit, gerne auch mit Bottleneck an einem Gitarrenmodell ausgeführt, welches dem Rezensenten gänzlich unbekannt ist. Joey Verdonselli begleitet das Ganze kongenial mit seinen dicken Saiten, unterstützt vom variabel agierenden Schlagwerker Bennie Hayes, wobei beide auch veritabel ins Mikro pusten und punktuell zu einem sehr angenehmen dreistimmigen Gesang beitragen.
An dieser Stelle wird die Komfortzone CCR verlassen und in anderen Momenten geschieht dies ebenfalls, indem das Trio erstklassigen Soul-Rock signifikant zu Gehör bringt.

Jamison Passuite macht Druck

Jamison Passuite macht Druck

Dabei outen sich Handsome Jack auch dahingehend als sehr mutige Band, als dass sie ohne Coversongs auskommen. Überraschenderweise sind lediglich zwei Stücke von der aktuellen Langrille "A Good Thing" (2024) dabei – ihre insgesamt sechste – während beispielsweise sechs Songs vom 2018er Album "Everything’s Gonna Be Alright" und vier vom 2014er Do What Comes Naturally stammen.

Der Auftritt ist ausgesprochen stimmig, kernig und in Teilen mitreißend vorgetragen, insgesamt mit einem überraschend hohen Soul-Anteil versehen, was dem Gesamtvortrag aber sehr gut tut. Es wäre absolut zu wünschen, wenn dieser genialen kleinen Band analog zu einer anderen kleinen Band aus Texas zukünftig zahlreicheres Publikum beschieden wäre, und damit sitzen sie schlussendlich im gleichen Boot wie Bywater Call.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Peter und dem Team des Meisenfreis für die Plätze auf der Gästeliste.

Jamison Passuite lässt sich ebenfalls nicht lumpen

Jamison Passuite lässt sich ebenfalls nicht lumpen

Bildnachweis für alle Bilder des Events: © 2025 | Olaf 'Olli' Oetken | RockTimes

Über den Autor

Olaf 'Olli' Oetken

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Hauptgenres (Hard Rock, Southern Rock, Country Rock, AOR, Progressive Rock)

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