In Insiderkreisen natürlich allerbestens bekannt, ging die 1979 in Dortmund gegründete Band Cochise für die breite Öffentlichkeit – da von der Presse zumeist ignoriert – doch eher als Randnotiz in die Annalen der Geschichte ein. Die von Haupt-Songwriter Pit Budde angeführte Combo brachte noch im Gründungsjahr ihr erstes Werk "Rauchzeichen" unters Volk und ließ in den Folgejahren mit "Wir werden leben" (1980) sowie "Unter Geiern" (1981) zwei weitere Scheiben folgen, während die Musiker speziell Anfang der Achtziger unermüdlich auf den Bühnen unterwegs waren. Cochise waren im wahren Leben sowie auch musikalisch mit ihren Texten sehr politisch unterwegs und seinerzeit auf so ziemlich jeder Gegenveranstaltung zu Themen wie Atomkraftwerke, Startbahn West oder auf Veranstaltungen der Friedensbewegung zu Gast. Im Jahr 1981 spielte das Quintett um Pit Budde und Klara Brandi auf dem Open Ohr Festival in Mainz und brachte ein Programm, das sich nahezu komplett aus den Songs der ersten beiden Alben zusammensetzte.
Zu jener Zeit neben unter anderem Ton Steine Scherben zu den wichtigsten politischen Protestbands gehörend, orientierte sich die Musik der Dortmunder jedoch weniger am Rock oder Blues, sondern war deutlich mehr vom Folk geprägt. Dies zog die Aufmerksamkeit zwar automatisch mehr auf den Gesang und die Texte, hatte aber musikalisch dadurch nicht die mitreißende Kraft, wie das beispielsweise bei den Scherben der Fall war. Ein weiterer Unterschied in der Ausstrahlungskraft der beiden verglichenen Bands ist dann natürlich auch der Gesang. War diesbezüglich bzw. des emotionalen Ausdrucks ein Rio Reiser kaum bis gar nicht zu toppen, so kommen die Vocals von Pit Budde doch eher ’normal' bzw. ohne diese zusätzlich aufwühlende Spannung erzeugende Dramatik rüber. Was aber nicht wertend, sondern eher als Beschreibung/Vergleich an dieser Stelle erwähnt ist.
So kommen dann einige Tracks trotz ihrer explosiven Texte durch den Gesang und die Melodieführung fast wie Wanderlieder rüber. Musikalisch konnten die Westfalen, wenn sie denn wollten, aber durchaus auch rocken. Was unter anderem bei Tracks wie etwa "Resolution", dem kräftig nach vorne gehenden "Jetzt oder nie, Anarchie" oder "Is das nich gemein" deutlich wird. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise das A-Capella von Budde und Brandi gebrachte "Platanen statt Autobahnen", der Pseudo-Reggae mit Calypso-Einschlag "Was kann schöner sein" oder das mit schöner Flöte und fast schon poetische "Jeder Traum". Willkommene Variabilität im Sound erreichte die Band durch den Einsatz der besagten, von Klara Brandi gespielten, Flöte, aber auch durch das Saxofon von Martin Buschmann.
Klar, dass damals speziell die plakativen "Jetzt oder nie, Anarchie" oder auch das nicht ganz ohne Sarkasmus gebrachte "Das Anarchistenschwein" durch die Szene wirbelten und der Band einen hohen Bekanntheitsgrad brachten. Letzten Endes ist "Live Open Ohr Festival 1981" von Cochise ein cooles Zeitdokument und das Vermächtnis einer Band, die sich 1988 nach einer letzten Tour und nur neun Jahren musikalischen Schaffens schon wieder in die 'Ewigen Jagdgründe' verabschiedete. Mehrere Reunionen erwiesen sich als kurzfristig. Nachdem die vor Jahren – ebenfalls von Sireena – veröfffentlichte Compilation Rolltreppe Rückwärts schon lange wieder vergriffen ist, ist mit dieser Live-Platte nun wieder ein Ton-Dokument dieser einst bedeutenden Band erhältlich.
Line-up Cochise:
Pit Budde (Gitarre, Lead-Gesang)
Klara Brandi (Flöte, Bass, Effekte, Gesang)
Günter Holtmann (Gitarre, Bass, Gesang)
Martin Buschmann (Keyboard, Saxofon, steel drum, Gesang)
Tom Kühn (Schlagzeug)
Tracklist "Live Open Ohr Festival 1981":
- Rolltreppe abwärts
- Kannst du das mit ansehn
- Jeder Traum
- Das Haus
- Platanen statt Autobahnen
- Resolution
- Is das nich gemein
- Was kann schöner sein
- Jetzt oder nie, Anarchie
- Wir werden leben
- Das Anarchistenschwein
Gesamtspielzeit: 46:39, Erscheinungsjahr: 2025 (1981)



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