«

»

Dream Theater "The Distance Over Time" – Konzertbericht, 20.07.2019, Zitadelle, Mainz

Zitadelle Mainz

Die Fans der US-amerikanischen Band Dream Theater sind es gewohnt, dass die Silberlinge ihrer Idole ein Maximum an Musik enthalten. Scherzhaft heißt es sogar, bei 77 Minuten Spielzeit müsse man ganz und gar auf den Kopierschutz verzichten, weil dafür kein Platz mehr ist.
Gewöhnlich legt das Quintett live noch eine Schippe drauf, womit schon mal locker drei Stunden Konzertdauer zusammenkommen können.

Darauf vertrauten die Fans auch auf der aktuellen The Distance Over Time-Tour und wurden in diesem Punkt bitter enttäuscht: Nach etwas mehr als 80 Minuten nahmen Gitarrist John Petrucci & Co. schon ihren Hut und verabschiedeten sich von ihren treuen Anhängern, die in großer Schar am Bühnenrand standen und zumindest noch ein Erinnerungsfoto ergattern konnten, als sich die Musiker brav vor ihrem Publikum verneigten.

Dabei standen die Vorzeichen gut: Mit dem Album The Distance Over Time meldeten sich Dream Theater im Februar zurück und erreichten damit sogar zum ersten Mal in der 34-jährigen Bandgeschichte Platz eins der deutschen Charts. Veröffentlich wurde der Longplayer beim deutschen Label InsideOut Music, das sich auf Progressive Rock und Progressive Metal spezialisiert hat.

James LaBrie (vocals)

James LaBrie (vocals)

Hinzu kam, dass mit Beginn des Kartenvorverkaufs Ende des vergangenen Jahres immer wieder von Plänen zu lesen war, die Band könnte anlässlich des 20-jährigen Jubiläum ihres Klassikers Metropolis Pt. 2: Scenes From Memory das Werk in voller Länge spielen. Was für ein Gedanke!
Was damit auch den stolzen dreistelligen Eintrittspreis in der ersten Sitzplatzkategorie in der Mainzer Zitadelle gerechtfertigt hätte.

Doch so kam alles anders …

Aber nur fast: denn während der gesamten Spielzeit der zehn Titel, darunter eine Zugabe, erlebten die Zuhörer ein großartiges Konzert, das in puncto Soundqualität keine Wünsche offen ließ, womit auch die Besucher im hinteren Teil des Geländes keine Schwierigkeiten hatten, den Darbietungen zu folgen. Die Band agierte gewohnt unspektakulär, was heißen soll, die volle Konzentration galt dem Instrument und nicht der Show. Das Licht wirkte dezent, kam aber angesichts der frühen Spielzeit gut zur Geltung.

Fünf Perfektionisten unter dem Mainzer Abendhimmel, immer wieder am Firmament begleitet von aufsteigenden Flugzeugen, die von Frankfurt entlang der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt flogen. Apropos Frischluft: Noch am Tag zuvor waren 70 Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit und Unwettergefahr durch Gewitter für Mainz prognostiziert worden. Entgegen der Vorhersagen blieb es jedoch am gesamten Wochenende trocken. Beste Voraussetzungen für eine ausgelassene Party in lauschiger Sommernacht, die aber schon 21:25 Uhr enden sollte.

John Petrucci (guitars)

John Petrucci (guitars)

Noch härter traf es den Sänger Tarq Bowens, der im Vorprogramm auf der Slide-Gitarre Blues und Soul spielte. Nun mag die Mischung nicht unmittelbar zum Repertoire von Dream Theater passen, doch schlug sich der Brite achtbar und wurde reichlich mit Beifall vom Publikum bedacht. Doch nach 20 Minuten war schon Schluss für ihn.

Pünktlich um 20 Uhr enterten die Hauptprotagonisten des Abends die Bühne. Mit dem Opener "Untethered Angel" aus "Distance Over Time" setzten sie ein deutliches Zeichen und gaben eindeutig die Richtung für die kommenden 80 Minuten vor: 'Hard und Heavy satt' war das Motto. Es sollten später noch drei weitere Songs aus dem aktuellen Album geboten werden ("Fall Into the Light", "Barstool Warrior" und "Pale Blue Dot").

Als zweiter Titel folgte mit "A Nightmare To Remember" das mit 16 Minuten längste Brett. Das Stück stammt aus dem Album Black Clouds & Silver Linings (2009). Am Songwriting waren übrigens John Petrucci, Mike Portnoy (Ex-Schlagzeuger), John Myung und Jordan Rudess beteiligt. Eine Demonstration des Teamworks innerhalb der Band und typisch für das US-amerikanische Quintett.
Das daran anschließende "Fall Into The Light" brachte das Eis unter den Besuchern endgültig zum Schmelzen und es war, dem Applaus nach zu urteilen, unüberhörbar auch der erste Höhepunkt. Die verschiedenen Stimmungen innerhalb des Liedes, vor allem beim Gitarrenspiel von John Petrucci, setzten beim Publikum Emotionen frei, die den weiteren Konzertteil unter freiem Himmel begleiten sollten.
Mit "Peruvian Skies" aus dem 1997er Album "Falling Into Infinity" ging die Zeitreise schon einmal 22 Jahre zurück! Ein noch älteres Stück sollte folgen, bevor "Barstool Warrior" nahtlos in der Gefühlslage an "Fall Into the Light" anknüpfte.

Mike Mangini (drums)

Mike Mangini (drums)

Konzept und Richtung stimmten und dem schloss sich auch das geniale "In The Precence Of Enemies, Part I"  von der 2007er Scheibe Systematic Chaos an.
Mit "The Dance Of Eternity" erklang zumindest eine "Scene" aus dem Meisterwerk "Metropolis Pt. 2: Scenes From Memory". Eine Sternstunde für Fans und Musiker.
"Lie" (Album: "Awake", 1994) und "Pale Blue Dot" (2019) spielte die Band daran anschließend, ehe die einzige Zugabe ("As I Am", aus "Train Of Thought" von 2003) den Auftritt des 'Traumtheaters' für diesen, von den Fans lang herbeigesehnten, Tag beendete.

An der Songauswahl der Stücke aus 25 Jahren gab es keine Zweifel. Der 'Hit-Mix' aus der Zeit von 1994 bis 2019, um einmal einen Begriff aus der Sprachwelt von Iron Maiden zu benutzen, passte hervorragend.
Spielfreude und Sound waren makellos, das Ensemble versetze den Fan in Entzücken. Wobei man gar nicht sagen kann, ob Kreativkopf John Petrucci oder Bassist John Myung 'Chef' auf der Bühne waren, was die Beliebtheit des Publikums betraf. Beide agierten derart souverän, dass es eine Freude war, ihnen zuzusehen. Unentschieden auch bei der Zahl der Saiten, denn der Bassist spielt ebenfalls ein sechssaitiges Instrument. Lediglich bei der Anzahl der eingesetzten Instrumente hatte Petrucci klar die Nase vor.
Einen vergleichsweise ruhigen Abend verbrachte Sänger James LaBrie, was an den langen Instrumentalpassagen lag. Er meisterte seinen Part ebenfalls souverän, wie auch Keyboarder und 'Hammond-Mann' Jordan Rudess und Schlagzeuger Mike Mangini. Somit war es ein rundum solides Konzert. Wäre da am Ende nicht so viel Zeit geblieben, um über den viel zu kurz geratenen Abend nachzudenken.

John Myung (bass)

John Myung (bass)

Versöhnliche Töne gab es dennoch, als der Mann im Metropolis-Tour-Shirt meinte, Dream Theater hätten doch wenigstens einen Titel aus dem 1999er Album gespielt. Er sagte zugleich, dass bei Festivals die Setliste nun einmal nicht länger sei.
Apropos: Das Gastspiel der Band fand im Rahmen des Festivals 'Summer In The City 2019' in Mainz statt. Dabei ist die Zitadelle zumeist Ort des Geschehens. Auf dem Heimweg sprach mich dann noch ein holländisches Ehepaar an, das eigens für das Konzert angereist war und den Auftritt ebenfalls als »viel zu kurz« empfand.
Zeit heilt bekanntlich Wunden und so wird man sehen, inwieweit die zum Teil stark frustrierten Fans ihre Idole in Zukunft begleiten werden – oder nicht.

Ich hatte Dream Theater nach drei früheren Konzerten (1995 in Leipzig, 2000 in Offenbach, 2002 in München), sage und schreibe 17 Jahre nicht mehr live gesehen. Für mich war das Wiedersehen und –hören ein denkwürdiger Moment. Die Verunsicherung nach dem frühen Ende hatte auch mich erreicht. Allerdings werde ich der Band weiterhin die Treue halten.

Unser Dank geht an Peter Klapproth von Head of PR für die Fotoakkreditierung.

Copyright für Fotos: Mario Keim


Line-up Dream Theater:

James LaBrie (vocals)
John Petrucci (guitars)
John Myung (bass)
Jordan Rudess (keys)
Mike Mangini (drums)

Setlist:

  1. Untethered Angel
  2. A Nightmare to Remember
  3. Fall Into the Light
  4. Peruvian Skies
  5. Barstool Warrior
  6. In The Precence of Enemies, Part I
  7. The Dance of Eternity
  8. Lie
  9. Pale Blue Dot
  10. Zugabe:
  11. As I Am

 

Über den Autor

Mario Keim

Musikstile: Heavy Rock, Rock, Deutschrock, Hard Rock
Marios Beiträge im RockTimes-Archiv

4 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

  1. Paul

    Ich war in Oberhausen. Einlass war 17:00 Uhr und ich habe bis 21:00 Uhr gewartet und bis da von mir unbekannte Musiker gesehen. Von einem Festival war zuvor nie die Rede. Ich habe dann zum ersten Mal ein Konzert noch bevor es anfing verlassen und nachdem ich die kurze Setlist sah auch nicht bereut die getan zu haben. Teure Karte fürs Klo

  2. Lutz 2.0

    Dem Konzertbericht ist eigentlich nichts hinzuzufügen, ein fantastisches aber viel zu kurzes Konzert. Als die Band die Bühne verließ dachte ich zuerst an eine Pause, dann wurde ich aber schnell eines Besseren belehrt. Bei aller Begeisterung für die Band, aber die Konzertdauer in Relation zu den Eintrittspreisen war eine absolute Unverschämtheit!

  3. Mario Keim

    Im eingeblockten Foto im Konzertbericht ist Mike Mangin doch in Aktion zu sehen.

    Liebe Grüße Mario

  4. Peter Blinne

    Kein Bild vom Drummer? Schade!

Schreibe einen Kommentar zu Peter Blinne Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>