Deutschlands Folk hatte in den Siebzigern Hochkonjunktur in der Pop-Kultur. Hannes Wader besann sich früh solcher Musik und nutzte sie gerade in seinen frühen Jahren zu einer politischen Bühne, immer aber auch mit einem Auge auf das, was überliefert war. 1973 betraten Fidel Michel mit dem Wuppertaler Multi-Instrumentalisten Thomas Kagermann die Bühne, ein Jahr später nahmen Erich Schmeckenbecher und Thomas Friz als Zupfgeigenhansel den Handschuh auf und erfreuten die Szene unter anderem mit Liedern von Pfaffen und Bauern. Traditionelle Volksmusik hatte endgültig den Zugang zu Krautrock beeinflusster hiesiger Mucke gefunden, traditionell oder eingebunden in aktuelle Musik-Schemata – jeder wie er wollte. Längst war es schmissig, sich mit alten Weisen und womöglich System-konträren Texten zu identifizieren und neue Freunde zu entdecken.
Als 1978 Falckenstein in der Musikszene aufschlug, wollten sie, wie ich denke, keine politische Revolution heraufbeschwören, sondern traditionelle Weisen in einem neuen Gewand präsentieren. Thomas Kagermann, vormals von Fidel Michel, war der Kopf der neuen Formation. Sie hatten sich der deutschen Volksmusik erinnert und wollten diese einem modernen Publikum darbieten.
Die wundervolle Musik von Falckenstein basiert auf akustischen Instrumenten und klassischem Krautrock. Der elektrische Bass und das Schlagzeug halten sich dezent zurück und in der einmalig tonmalenden, elektrischen Gitarre keimt der Zeitgeist und eben auch ein wenig vom folkigen Rock auf. Die beiden Epen "Die junge Frau Schöne" sowie "Es fuhr ein Pfalzgraf über den Rhein" bilden das musikalische Fundament des Albums. Herrliche, sanfte Arrangements unter blutdürstenden Texten – ohne tote Helden geht es scheinbar nicht in der Zeit der Burgen und Fürsten.
Die Toten beim "Pfalzgraf" sollen im Original bereits im 18. Jahrhundert beschrieben worden sein. Doch die Musik von Falckenstein schert sich einen Teufel um die alte Zeit, entwickelt die Zeilen des Songs recht modern in einem gängigen Rhythmus, um am Ende wie schon zu Beginn in ein wirklich geiles tonales Mantra zu verfallen, was jenseits aller Zugehörigkeit zu den Zeiten erzählt, beschreibt und einfach nur schön ist. So als ob man ein altes Buch aufklappt, ein wenig liest und wieder zuklappt. Scheinbar unbeteiligt und ohne Wertung, von den blutrünstigen Aspekten des Songs keine Spur. Der Gesang dazwischen in den traditionellen Strophen klingt klar, schlicht und erzählend, fast ein wenig unbeteiligt und ein bisschen wie ein singender Sozialpädagoge der siebziger Jahre. Doch mittendrin gibt es schon ein herrliches Solo auf der Gitarre, erst recht aber zum Finale, wo wir uns in der Kultur der Rockmusik wiederfinden und verzückt feststellen, wie gut doch solch 'alte Schinken' in die Rockmusik passen. Die Virtuosität der gesamten Nummer nimmt gefangen, egal, ob es gerade akustisch oder elektrisch verstärkt zugeht. Der "Pfalzgraf" ist eine meiner Lieblingsnummern adaptierter Folkmusik.
"Die junge Frau Schöne" lebt übrigens von einem geradezu hypnotischen Drift akustischer Klänge und Rhythmen, appliziert mit knappen E-Gitarren-Sprenkeln. Und natürlich fließt wieder Blut. Frau Schöne düngt Mörder herbei, zu beseitigen ihren Gatten, sie reut die Tat, wenn sie vollbracht ist.
Die Kombi zwischen akustischer und elektrischer Gitarren über den klassischen Rhythmus-Instrumenten ist der Kick, wenn Fahrt aufgenommen wird. Poetischer kann man eine solche, eigentlich so düstere Geschichte nicht interpretieren. Das wunderschöne, nachdenklich reflektierende Solo auf der E-Guitar deutet schon den Stimmungswechsel an, den die gute, eigentlich so böse Frau Schöne gleich befallen wird: »Ach wär mein Mann noch hier.« Na das hätte sie sich wahrlich vorher überlegen können, bevor sie den Killer anheuerte.
Wer nur die Musik hört und den Text nicht versteht wird nicht glauben, was hier gerade geschieht.
"Der Deutsche Dudelsack" wird seinem Namen gerecht, zumindest was das tragende Instrument des Songs angeht. Mein Cousin hat den Dudelsack auch geblasen und mir erzählt, welch enorme Kraftanstrengung dies voraussetzt.
"Trotz alledem" war stets ein deutscher Protestsong, Hannes Wader hat ihn oft performed. Die Version von Falckenstein hat hingegen ihren eigenen Text – an der politischen Botschaft ändert das wenig.
Aber dann ersannen sie "Deutsche Einsamkeit". Dies ist die Hymne meiner späten Jugend, jeder kannte sie, jeder liebte sie. Die schlichte Melodie, die unser Leben beschrieb. Melancholisch und romantisch, damals, als man das andere Geschlecht und die große weite Welt entdeckte.
Es gibt "Die Fünfte" von Beethoven, es gibt Hymnen von Pink Floyd. Es gibt so viel Großes.
Und dann ein bisschen "Deutsche Einsamkeit".
Die Melodik des Songs und die sanfte Steigerung der unfassbar einnehmenden, elektrischen Gitarre ist eigentlich recht unaufgeregt – die Emotion, die dort erweckt wird, besitzt jedoch eine heimliche und sehr sanfte Emotion, die Dich mit einem Lächeln erfasst, aber niemals wieder los lässt. Eine Musik, die man als Botschaft unserer Spezies in das Weltenall schicken möchte. Reflektiert, melancholisch und irgendwie über alles erhaben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Thomas Kagermann damals auch nur annähernd hatte ahnen können, wie sehr und wie tief sich seine kleine Instrumentalnummer über das Alleinsein in diesem unserem Lande in die Speicher der nordrhein-westfälischen Musikfreunde einbrennen würde. Ich bin mir nicht mehr sicher, es war wohl fast ein ganzes Jahr lang, dass "Deutsche Einsamkeit" eine Hitliste beim WDR anführte – alle wollten diesen Song hören, wieder und wieder.
Dabei ist die Melodik schlicht aufgebaut, das Crescendo vorhersehbar und sanft.
Nein, es ist ein unfassbarer, zeitloser und überhaupt nicht planbarer Geistesblitz, der dieses eigentlich so einfache Stück hat entstehen lassen. Wagners "Walküren" mögen mit ihrer Wucht und Macht gegen die Schlichtheit der zarten "Deutschen Einsamkeit" halten. Aber genau das macht es aus.
Mein Gott, hab ich diesen Song geliebt – eine Liebe, die bis heute niemals erkaltet ist.
Wenigen ist ein solcher Schuss in die Sterne vergönnt und auch Falckenstein haben neben einer netten Prominenz beim WDR und in der deutschen Folk- und Krautszene dauerhaft nicht die kommerziellen Erträge einfahren können wie viele andere hiesige Projekte, die heute oftmals fälschlich bejubelt werden.
Ihre Musik war hinreißend, zeitgemäß und emphatisch. "Deutsche Einsamkeit" war und ist ein Juwel am Horizont deutscher Musik, egal, wie viele Beobachter das heute nach all den Jahren noch erkennen und empfinden mögen. Es bleibt so etwas wie die Hymne meines jungen Daseins und wenn ich einst dahin scheide, dann sollen sie diese Melodie spielen und alle werden wissen, wer und wie ich war. Am besten auf den Felsen der Loreley und im Sonnenuntergang. Walhalla, here I come…
Line–up Falckenstein:
Thomas Kagermann (violin, backpipes, acoustic guitar)
Mick Franke ( bouzouki, acoustik guitar)
Monika Marie Domin (dulcimer, vocals, guitar, saxophone)
Peter 'Plüff' Lowner (bass)
Wendelin Werner (electric guitar)
Joachim Luhrmann (drums, percussion)
Tracklist "Deutsche Einsamkeit":
Side 1
- Trotz alledem
- Die junge Frau Schöne
- Fünftehalbtour
Side 2
- Es fuhr ein Pfalzgraf über den Rhein
- Der Deutsche Dudelsack
- Die Stadt
- Deutsche Einsamkeit
Gesamtspielzeit: 41:17, Erscheinungsjahr: 1979



1 Kommentar
Greatful Dieter
30. Dezember 2021 um 10:19 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Vor 45 oder 50 Jahren wurde noch (Rock)Musik mit Verstand, Können und Ideen gemacht. Auch diese wundervolle LP zeugt davon.
Das ist alles so weit entfernt von dem seelenlosen Eintopf heutiger Musik.
Ich höre ja oft in Ausschnitte auf YT rein von aktuellen Platten, die hier manchmal groß angepriesen werden.
Wenn DAS dann " tolle" 'Rockmusik sein soll, dann ist Rock tot. Ideenloser geht es kaum noch.Langweiliger auch kaum noch.
Eine Freude, wenn hier wenigstens manchmal Platten aus der guten Zeit des Rock, Folk oder Funk zur Sprache kommen.
Angesichts des desolaten Zustandes heutiger (Rock)Musik sollten es viel mehr "Zeitreisen" werden.