"Liebe und Frieden" als musikalische Botschaft
Kaz Hawkins setzt gesangliche Maßstäbe und begeistert mit ihrer französisch-belgischen Band. Ausnahmegitarrist Davy Knowles präsentiert Querschnitt seines musikalischen Schaffens und huldigt musikalischen Helden
Erster Tag:
Pünktlich um 20 Uhr schreitet Gerd Lorenzen zur legendären Ansage auf die Bühne: »Joldelunder Bioland Backspezialitäten, proudly presents, live as our guests in Gerd’s Juke Joint, Marquise Knox and Band!«.
Tosender Beifall und wie vom Biobäcker versprochen, schlägt die große Stunde des Chicago Blues. Der 35-jährige aus St. Louis Missouri trat in jungen Jahren bereits im Vorprogramm von B. B. King auf. Sein Gitarrenspiel löst ein warm wohliges Gefühl aus und ähnelt dem des King of Blues. Der Funke springt sofort über. Das Publikum tanzt und groovt enthusiastisch mit. Unter den deutsch-niederländischen Begleitmusikern zupft Nikolas Karolewicz fast im Stile eines Kontrabassisten, so nah schrammt der Gitarrenhals an seinem Gesicht vorbei. Dazu imponiert der groß gewachsene Bassist mit einem perfekt sitzenden Nadelstreifenanzug.
Im Mittelteil der Show verschwindet die Band plötzlich hinterm Vorhang. Marquise nimmt inmitten der Bühne Platz, streift sich eine dunkelrote Gibson über und taucht in die Tiefen des Delta Blues ein. Vier akustische Klassiker, u.a. "Come On In My Kitchen" gibt es auf die Ohren. Die Band kehrt zurück auf die Bühne. Auch der Tourmanager setzt sich in Szene und bläst zur Überraschung aller kräftig in die Harmonika. Die Zugabe preist Marquise Knox als seinen »Signature-Song« an: »I’m a Good Man, I’m a Poor Man, I’m a Blues Man, do you understand?«, singt er voller Inbrunst, nicht ins Mikro, sondern trägt seine Stimme auf dem musikalischsten nordfriesischen Dachboden spazieren. Die restlos begeisterte Zuhörerschaft interagiert leidenschaftlich mit dem Protagonisten. »Do You Understand?« »Yes, wir verstehen dich, Marquise, laut und deutlich!«
- Nicolas Karolewicz
- Marquise Knox sucht die Nähe zum Publikum
- Marquise Knox und Band
- Marquise Knox bläst die Harmonika
Nach dem umjubelten Auftritt von Marquise Knox und einer kleinen Umbaupause, erklimmt Kaz Hawkins im langen rotbraunen Kleid die Bühnenbretter des Jukejoints. Allein ihre Aura reicht aus, um die Zuhörerschaft anzuzünden. Nach dem ersten Song verkündet die gebürtige Nordirin: »My message is Peace and Love«. Diese Botschaft transportiert sie mit Leib und Seele in ihren Songs. Die mehrfach preisgekrönte Sängerin ist bislang selten in Deutschland aufgetreten. Auf der Bühne entfacht Kaz nicht nur ihr gewaltiges Stimmvolumen, sondern unterhält die Zuhörerschaft mit launigen Geschichten von 'durchnummerierten' Verflossenen. Im Refrain von Nina Simones "Feeling Good" haucht sie leise ins Mikrofon, um im nächsten Moment gesanglich zu explodieren.
Beim Solo scheinen die Finger von Tastenvirtuose Cedric Le Goff über die Klaviatur zu fliegen. "Because You Love Me" handelt vom Loslassen ihrer geliebten Tochter ins eigene selbstbestimmte Leben. Kaz' Gesang entfaltet dabei eine hypnotische Wirkung. Auch Stef Paglia tritt ins Rampenlicht. Im ersten Teil des Solos lässt der Belgier das Bottleneck zart über die Gitarrensaiten gleiten. Im zweiten Teil steigert er die Intensität seines Solo-Motivs und beschleunigt bis zum atemberaubenden Höhepunkt. Was für ein emotional fesselndes Solo! Die sichtlich bewegte Zuhörerschaft spendet stürmischen Applaus. Zum Ende der Zugabe "I Just Want To Make Love to You" verdrischt nicht nur Amaury Blanchard aufs eindrucksvollste seine Felle. Auch Kaz schnappt sich zwei Sticks und trommelt mit ihm ein gemeinsames Solo. Die Stimmung im Juke Joint hat den Siedepunkt längst erreicht.
- Stef Paglia lässt das "Röhrchen" zum Einsatz kommen
- Kaz Hawkins schultert die Akustische
- Gerds Einlage beim Song "Halleluja Happy People"
- Stef Paglia hebt zum Solo ab
- Kaz Hawkins und Band
- Kaz Hawkins und Band
- Kaz Hawkins und Band
- Kaz Hawkins und Amaury Blanchard
- Kaz Hawkins und Band lassen sich feiern
Zweiter Tag:
Der zweite Abend des Guitar Heroes Festival startet mit Elise Frank. Bis vor kurzem war sie als Frontfrau und Namensgeberin des Quartetts Frank hauptsächlich auf französischen Bühnen zu bestaunen. Anfang des Jahres berief Thomas Ruf die junge Französin in seinen Blues Caravan. Eine ausgedehnte Tour an der Seite von Laura Chavez und Matthew Curry folgte. Ihr brandaktuelles Album "I Didn’t Pay For It" steht im Mittelpunkt ihres heutigen Auftritts.
Die Newcomerin verzichtet dabei auf einen Leadgitarristen und bestreitet ihren Auftritt in der klassischen Triobesetzung. Auf ihrer Facebookseite kündigt sie konsequenterweise die "No Solo Tour" an. Trotzdem gelingt es der Französin, ihren Songs einen frischen Anstrich zu verpassen, indem sie geschickt das Tempo variiert und verschiedene Musikstile mischt. "She’s A Bird" fußt auf einem bluesigen Ansatz, ist aber mit einem ordentlichen Schuss Riffrock durchtränkt samt wilder Achterbahnfahrt zum Schluss des Stücks. 'Rory geht immer', denkt sich die Französin wohl und lässt als Zugabe den unverwüstlichen "Bullfrog Blues" vom Stapel. Von dieser jungen Band dürfen wir zukünftig noch einiges erwarten.
Davy Knowles ist auf der Isle of Man, inmitten der Irischen See, geboren. Deren Bewohner nennt man Manx, benannt nach der keltischen Sprache. In der Frühphase seines musikalischen Schaffens sorgte der damals 20-jährige Manx Blueser als treibende Kraft der Back Door Slam mit dem Debüt "Roll Away" im Jahre 2007 für Furore in der Bluesszene. Das Album besticht durch variables Songwriting im Kosmos des bluesorientierten Rock, geschickt angereichert mit keltischen Folkelementen. Im gleichen Jahr siedelte Davy nach Chicago über und feilte mit einer neu zusammengestellten Band am Nachfolger. 2009 erschien "Coming Up For Air", unter dem Namen Davy Knowles And Back Door Slam. Produziert wurde der Silberling von keinem geringeren als der Rocklegende Peter Frampton und kletterte bis auf Platz 2 der Billboard Blues Album Charts.
In Europa ist der sympathische Wahlamerikaner seither selten in Erscheinung getreten. 2017 hat er einen umjubelten Auftritt beim Moulin Blues Festival in Ospel hingelegt. 2024 tourte er an der Seite von Gerry McAvoy und Brandon O’Neill als Teil der Band Of Friends, die im Übrigen nicht ausschließlich das Liedgut von Rory Gallagher am Leben halten, sondern im letzten Jahr mit "MKO" ein vorzügliches Blues Rock-Album mit eigenen Songs an den Start gebracht haben.
- Flitzefinger Davy Knowles
- Davy Knowles
- Tod Bowers
- Davy Knowles soliert
Genug der Vorrede. Showtime. Gleich beim Opener "Running Out Of Moonlight" offenbart sich, dass das Powertrio traumwandlerisch eingespielt ist. Mike Hansen entfacht jede Menge Druck an der Schießbude. Bassist Tod Bowers ist der Ruhepol auf der Bühne. Das Titelstück des aktuellen Longplayers "The Invisible Man" fasziniert durch ein markantes Riff und ein ausgiebiges, atmosphärisch dichtes Gitarrensolo. Davy singt dazu kraftvoll und leidenschaftlich. Seine Stimme zeichnet einen hohen Wiedererkennungswert aus.
- Davy Knowles, Tod Bowers und Mike Hansen
- Davy Knowles und Band
Dann ist Cream-Time im Juke Joint. Mit "Outside Woman Blues" vom Debüt "Roll Away" gibt es das volle Brett, eingebettet in ein hochenergetisches Schlagzeugsolo von Mike Hansen, welches Ginger Baker zur Ehre gereicht hätte. Bei der 10-minutigen epische Ballade "Gotta Leave", ebenfalls von der ersten Back Door Slam, lässt Davy ein gefühlvolles Intro erklingen. Sein leidenschaftlicher Gesang trägt den Song über das Verlassen müssen und mündet zwangsläufig in ein spektakuläres Gitarrensolo. Der 38-jährige Chicagoer schlägt zunächst sanft die Saiten an und bewegt mit dem kleinen Finger gleichzeitig den Tonregler hin und her. Durch diesen Effekt entlockt er seiner schwarzen Telecaster wahrhaft anmutige Töne. Dann beschleunigt er langsam und steuert mit schnell gespielten Läufen und wuchtiger Dynamik auf den Höhepunkt zu, um diesen sogleich abrupt aufzulösen.
Das freudetrunkene Publikum darf nur kurz verschnaufen. Davy verpackt das nächste Highlight in eine Geschichte: »That’s why I play guitar«. Er blickt auf den Augenblick zurück, als er mit 11 Jahren "Sultans Of Swing" im Auto seines Vaters hörte. Gemeint ist Edelgitarrist Mark Knopfler und erfreulicherweise serviert Davy das Meisterwerk im Stil des 1984 erschienen Live-Albums "Alchemy". Das überwiegend in Würde ergraute Publikum fühlt sich prompt in die Zeit der eigenen Jugend versetzt und ist von der perfekten Darbietung sichtlich überwältigt, weil Davy die technischen Herausforderungen des Klassikers scheinbar mühelos meistert und mit typisch Knopflerscher Fingerstyle-Improvisation glänzt.
Auch der Chicagoer bedient sich als Rausschmeißer aus dem Oeuvre der irischen Gitarrenlegende und schmettert dem restlos begeisterten Publikum eine fulminante Version von "I Take What I Want" entgegen.
Geht da noch was drüber? Klar, Joe Bonamassa ist die Messlatte im Bluesrock. Aber trotz aller Klasse des Meisters wohnt dem bestuhlten Hallenkonzert doch eine gewisse Distanz inne. In Gerd’s urgemütlichem Juke Joint entsteht wie von Geisterhand diese einzigartige, heimelige Clubatmosphäre. Künstler und Fans begegnen sich hier auf Augenhöhe. Ob Selfies geschossen werden oder ein kleiner Plausch mit den Musikern gehalten wird. Beides ist ausdrücklich erwünscht.
- Davy Knowles und Tod Bowers
- Setlist Davy Knowles
- Davy Knowles
Und vom kleinen Joldelunder Dachboden können sogar große Botschaften in die Welt entsendet werden: "Peace and Love".
Bildnachweis für alle Bilder des Events: © 2026 | Henry Klompmaker | RockTimes
































Neueste Kommentare