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Kiev Stingl / Mein Collier um deinen Hals & Briefe an Gabriella – Bücher-Review

Kiev Stingl / Mein Collier um deinen Hals & Briefe an Gabriella – Bücher-Review

Ich muss gestehen, und habe das im Sommer 2017 in meinem Review zu Stingls Album Teuflisch auch geschrieben, von Kiev Stingl erst vor acht Jahren gehört zu haben. Das betrifft seine Musik und auch seine literarischen Arbeiten.

Nach "Teuflisch" aus dem Jahr 1975 durfte ich dank seinem Label Sireena auch die Nachfolgewerke rezensieren. Das waren Hart wie Mozart (1979) sowie das 1981er Album Ich wünsch den Deutschen alles Gute. Entgangen sind mir bis dato leider "Grausam das Gold und jubelnd die Pest" (1989) und "XRI Nuit" aus dem Jahr 2022.

Entgangen ist mir bzw. unserem Magazin leider auch die Tatsache, dass der 1943 im Sudetenland geborene, mit bürgerlichem Namen Gerd Stingl heißende Künstler am 20. Februar 2024 verstorben ist. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass der Mann nicht mehr so sehr im Rampenlicht stand, denn ansonsten bekommen wir in der Regel mit, wenn einer unserer Helden die Bühne für immer verlässt.

Bühnen waren nicht die einzigen Locations, mit denen Kiev zu tun hatte. In eingangs erwähnter Rezension schrieb ich u. a.: »Stingl war auch schauspielerisch unterwegs, und er schrieb. Demnächst wird es einen Film von Dirk Otten und M.A. Littler mit dem Titel "Kiev Stingl – No Erklärungen"  geben, seine Gedichtbände sollen veröffentlich werden und klar, Sireena wird weitere Alben nachlegen.«

Den Film gibt es und auch Sireena hat weitere Alben nachgelegt. Und was die erwähnten Gedichtbände betrifft, vom Flur Verlag liegen mir nun die beiden Bände "Mein Collier um deinen Hals" aus dem Jahr 2024 sowie "Briefe an Gabriella" aus 2025 vor. Musik, Poesie und Schauspielerei waren also die Betätigungsfelder des Protagonisten und im Zuge dieser Rezension bin ich auch über den Film "Gibbi Westgermany" gestoßen, in dem neben Stingl auch Eric Burdon eine Rolle hat.

Mein Collier um deinen Hals

Mein Collier um deinen Hals

Aber heute geht es um die beiden im Flur Verlag erschienenen Bücher und die sind schon unterschiedlich zu betrachten. "Mein Collier um deinen Hals" ist eine Sammlung von Aphorismen, kleinen Versen, kleinen Geschichten, Gedanken und Sprüchen; "Gedankensplitter", so scheinbar der Untertitel, abgedruckt am Buchanfang. Kiev hat den Texten oft das Entstehungsdatum und auch den -Ort hinzugefügt. Die Reihenfolge der Beiträge ist nicht chronologisch, sondern vom Künstler festgelegt. Was mich ebenfalls freut, ist der Verzicht auf die Anpassung an die neue Rechtschreibung. Das wäre in meinen Augen eine Verfälschung bereits bestehender Literatur.

Man kann die Texte entweder von vorn bis hinten lesen oder aber das Buch durchblättern und beim schnellen Abscannen nach Worten suchen, die einem gerade in die Stimmung passen. Und man wird bei beiden Lesarten fündig. Wie ich bereits in meinen Rezensionen zur Musik Stingls schrieb, sind es seine Worte, die neben der Musik gleichwertig bestehen. Und hier im Buch gibt es keine Musik und wisst ihr was? Die Worte bestehen auch ohne Töne. Und wie sie das tun, es ist eine wahre Schatztruhe an Weisheiten, die man so gut bei passenden Gelegenheiten zitieren kann. Ich möchte zwei Beispiele bringen und wenn man über die Worte nachdenkt, kann man erahnen, wie genial Kievs Gedankengänge waren:

»Solange er die Sonne für einen Gott hielt, respektierte er, was sie beschien«

»Früher wusste ich, was ich sagen mußte, um eine Frau zu beleidigen. Jetzt konnte es passieren, daß ich eine beleidigte, wenn ich ihr ein (s meiner typischen) Kompliment(e) machte« (1998)

Klasse, oder?

Briefe an Gabriella

Briefe an Gabriella

"Briefe an Gabriella" geht noch mehr an das Eingemachte. Wie der Verlag schreibt sind es »sehr poetische, bisher unveröffentlichte Jugendbriefe, in denen es u.a. um die engen Moralvorstellungen der 1960er Jahre geht«.

Es handelt sich um Liebesbriefe, die der damals junge noch Gerd genannte Mann nach seinem Abitur an Gabriella schrieb, die er 1963 während einer Zugfahrt kennenlernte. Gerd und die Schülerin in einem katholischen Internat verlieben sich ineinander und es beginnt ein drei Jahre dauernder Briefwechsel. Von Gabriella, wie er sie nennt, gibt es nur noch einen Briefentwurf, während Gerds Briefe und Postkarten komplett vorliegen. Leider, so muss man sagen, lässt das Buch den Schluss zu, dass es die vielen Briefe wohl nur deshalb gab, da sich die beiden jungen Menschen nur ein paar mal trafen.

So dürfen wir nun also an den Gedanken und Gefühlen teilhaben, die den jungen Stingl damals, in Zeiten von Internatsleben und strengen Moralrichtlinien, beschäftigten. Und um die Stimmung beim Briefschreiben zu erahnen, mag einer der ersten Briefe vom Herbst 1963 herhalten, in dem Gerd seine Freundin schreibt, dass er gerade ein Chanson hört, das schön zu seiner Stimmung und allem passt: Gilbert Bécauds "Mère douloureuse". Es ist fast, als sei man selbst dabei.
Und so gehen die Briefe weiter – sehr persönlich, liebevoll, ehrlich und ohne Blatt vor dem Mund. Er schreibt ihr nicht nur aus Hamburg, wo er lebt, sondern auch aus Paris, Korsika und Saint-Tropez.

Immer wieder sind alte Bilder sowie Abdrucke der Originalbriefe eingeflochten, was dem Leser eine besondere Tiefe, ja gar Verbundenheit zu den beiden beschert. Bis dann nach Gerds Briefen die Zeilen von Gabriele G., so der richtige Name Gabriellas zu lesen sind. Sie zweifelt und hat Angst vor einer tiefen Beziehung, so scheint es mir. Die Erziehung im Nonnenkloster, die Erzählungen über die 'bösen' Männer, die nur das eine wollen. Der Brief bricht ab, bleibt unvollständig und wird nicht abgeschickt.

Jahrzehnte später liest Gabriele auf einem Flyer im Supermarkt, dass ein Kiev Stingl verstorben ist. Sie überlegt und findet schließlich heraus, dass es sich um 'ihren' Stingl handelt. Sie sucht in seinem Umfeld nach Kontakten, findet sie und erfährt so langsam von der Wandlung Gerds zu Kiev. Und sie bedauert, den späteren Gerd als Autor und Musiker nicht gekannt zu haben.
Und da ihr den Rest und auch alle Briefe selbst lesen sollt, beende ich meine Rezension an dieser Stelle. Denn dieses Buch, wie auch das Aphorismen-Buch wollen und sollen von den Lesern selbst entdeckt und interpretiert werden.

Für kleines Geld zwei großartige und bewegende Bücher. Zuschlagen, Leute.


Mein Collier um deinen Hals (2024)

  • Flur Verlag
  • Lektorat: Lisette Buchholz
  • Umschlaggestaltung: skdesign, Köln
  • Satz: buch4U Bernhard Heun
  • Druck und Bindung: Beltz Grafische betriebe, Bad Langensalza
  • Paperback
  • 13,5×16 cm
  • ISBN 978-3-98965-200-2
  • 12,00 € (D)
  • 12,40 € /A)
  • 64 Seiten

Briefe an Gabriella (2025)

  • Flur Verlag
  • Umschlaggestaltung: skdesign, Köln
  • Satz: buch4U Bernhard Heun
  • Druck und Bindung: Beltz Grafische betriebe, Bad Langensalza
  • Paperback
  • 13,5×16 cm
  • ISBN 978-3-98965-202-6
  • 14,00 € (D)
  • 14,40 € /A)
  • 72 Seiten

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
Über mich
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Mail: ulli(at)rocktimes.de

1 Kommentar

  1. Flur Verlag

    Oh wie schön, danke für die ausführliche und positive Besprechung beider Bücher!

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