Wiederholungen müssen nicht schlecht sein. In vorliegendem Fall sind sie gar außergewöhnlich angenehm, denn gleich nach den ersten Tönen ist klar, da dreht sich eine Scheibe des Hunsrückers Klaus Michel im Player. Und es wiederholt sich, was bereits bei den Vorgängerwerken Stromboli (2024), The End (2022), Primavera (2020) und sowie seinem 2019er Debüt Of Lovers, Friends & Other Enemies der Fall war: handwerklich kompositorisch und musikalisch vom Allerfeinsten. Ein weiteres Merkmal im Spiel, Stil und in der musikalischen Marschrichtung ist immer wieder festzustellen: Klaus Michel klingt nach Klaus Michel, wie Keith Richards nach Keith Richards klingt. Und das meine ich ebenfalls mit den anfangs erwähnten Wiederholungen oder in diesem Fall eher dem Wiedererkennen. Man weiß sofort, woran man ist.
Einem Barolo Brunate vom Weingut Ceretto Aziende Vitivinicole gleich, ergießt sich Klaus' Musik voll und edel in des Hörers Gehör. Warum Barolo und kein Spätburgunder vom Hunsrücker Winzer Rudolf Fürst? Die Frage ist berechtigt und eigentlich gar nicht so schwer. Klaus findet man überwiegend in Italien, wo er sicherlich eher an einen Barolo, denn einen Roten von Fürst gelangt. Was seine Musik – und da vor allem sein Gitarrenspiel – angeht sind aber beide Tropfen adäquat vertreten.
Auch die Stücke des neuen Albums "Strange Future" haben diese gewisse Vielzahl, die man in der Pfalz auf dem Teller 'Quer durch den Garten' nennt.
Ich bin immer froh, wenn ich auf Michels Alben auch die Namen Kay Zingler und Tim Greiner lese, denn dann ist 'meine Hunsrücker Band' Red Hill komplett am Start und ich muss es auch in diesem Review erwähnen: das 2013er Album Funeral eben dieser Band. Mehr dazu, bitte selbst nachlesen. Auf jeden Fall ist damit gewährleistet, dass in der enormen Bandbreite, die Klaus musikalisch an den Tag legt, auch dieser typische Indie-Sound nicht zu kurz kommt. Das bringt mich wieder zum 'Quer durch den Garten'-Thema und auch zu den beiden Rebsorten. Dieses oft dystopisch anmutende Indie gibt es gleich beim Opener "Dreaming Of Los Angeles". Eine Spur Fernweh und da sind wir generell bei den Lyrics, die allesamt eher kein fröhliches Trallala, sondern doch tiefsinnige Botschaften enthalten. Sicher, es geht oft um Beziehungen und eigentlich in Wort und Ton um solche, die nachdenklich machen. Aber die sind in unterschiedlichen Genres gut untergebracht. So sind neben Indie, auch Singer/Songwriter und Americana mit am Start.
Mit am Start sind, wie im Line-up zu lesen, auch etliche weitere Musiker, die mit allerlei großartig eingesetztem Instrumentarium den Gesamtsound verfeinern und veredeln. Ob Pedal Steel, Banjo, usw. oder auch ’nur' der Synthie, der im ersten Track so klasse nach kratzendem Saxofon klingt. Stoisch dazu der Rhythmus und Klaus' Stimme, die wie gemacht ist für diese Art von Musik.
Variantenreich die Ausrichtung, wie bereits angemerkt und als Beweise hören wir in " Mother, Father, Forever" gar einem psychedelischen Touch, während "You" mit einer Reggae-Ahnung startet, die sich zu einem lasziven südamerikanischen Tanz-Rhythmus entwickelt. Wie weiland die Stranglers beim Kracher "Nice 'N' Sleazy" werden 'dreckige' Power Chords ins Geschehen geworfen und dann schwenkt der Meister in Richtung Desert Rock. Das ist typisch für das Gitarrenspiel und die Choreografie von Klaus Michel; er hält seine Zuhörer stets mit ausgefeilten Arrangements bei der Stange,
Die 'zarten' Sachen wie der Americana-Traum "Without You" oder das äußerst dichte, intime, packend zurückgenommene, von einem atmosphärischen Fast-Minimalismus lebende "Wherever You Were, Wherever You Are, Wherever You’ll Be" stehen den knarrenden Indie-Saiten auf Augenhöhe gegenüber und wenn man bisschen lobhudeln möchte, dann ist so ein hochmelodisches Stück wie "Okay" durchaus radiotauglich zu nennen, sofern dort der Computer-Algorithmus in der Lage ist, adäquate Begleitnummern auszuwählen und die Moderation neben Gebabbel auch noch etwas Musikverständnis an den Tag legen kann.
Auf jeden Fall ist "Strange Future" wieder mal eine Platte aus dem Hause Michel, die – ich wiederhole mich – aus allerbesten Zutaten besteht. Der Barolo Brunate – nun, der kommt aus Weinbergen, die zu den Texten, zu den Americana-Tunes und der leicht fragil und zart wirkenden Fraktion der Songs passen, während die Hunsrücker Weinhänge mit dem Spätburgunder vielleicht mehr zu der affenstarken Endzeit-Gitarrenarbeit passen. Zusammen ergibt das eine unschlagbare Kombination, im Weinkeller, wie auch im CD-Player.
Und noch eine Wiederholung kann ich vermelden: Dicker Tipp mal wieder.
Line-up Klaus Michel:
Klaus Michel (lead & backing vocals, guitars, Fender Rhodes, tambourine, vibraslap, keyboards, Hi Hat, drum machine, banjo, glockenspiel, effect vocals, triangle, mellotron, Hohner string melody, shaker, xylophone, slide guitar, Yamaha CP 70)
Kay Zingler (bass, synthesizer, backing vocals – #7,10)
Oliver Kölsch (drums & percussion)
Tim Greiner (Fender Rhodes – #1, synthesizer – #5, organ -#6, metallophon – #8, claves – #8)
Diane King (backing vocals – #1,6,7)
Peter Dümmer (guitar – #2)
Martin Huch (pedal steel guitar – #4,11, Weissenborn – #11, mandolin – #11)
Catherine Klier (backing vocals – #11)
Pablo Lachman (backing vocals – #11)
Christine Majdecki (tambourine – #11)
Tracklist "Strange Future":
- Dreaming Of Los Angeles
- Strange Future
- Hello
- Okay
- Mother, Father, Forever
- Hestitate
- Down To Earth
- You
- Wherever You Were, Wherever You Are, Wherever You’ll Be
- Bédoin
- Without You
- Decisions
Gesamtspielzeit: 48:45 , Erscheinungsjahr: 2025



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