Ich trage jetzt mal Eulen nach Athen …
Win Kowa ist ein alter Bekannter in unserem Magazin und an vielen Stellen erwähnt. Ebenso verhält sich das mit seiner leider im Juli des vergangenen Jahres verstorbenen Frau Jennifer.
Auch Marlon Klein ist in RockTimes an vielen Stellen vertreten und so ist es auch mit dem Bassisten Frank Itt, dem vierten Musiker des erst 2025 gegründeten Projekt Kowa + Klein.
Die Wurzeln der Projektband trieben 2023 aus, als Jenny und Win den Musiker und Produzenten Marlon in dessen Exil Studio kennenlernten und feststellten, dass sie im Periodensystem der musikalischen Vorlieben die gleiche Ordnungszahl haben. Marlon produzierte 2024 Jennifers Album Stay Strong und die drei beschlossen, fortan dieses Projekt zu pflegen und auszubauen.
Man muss über die Musiker auf "Summertime" – der Eulen wegen – eigentlich nichts mehr erzählen, denn Marlons Kleins Vita (u. a. Real Ax Band und vor allem die Dissidenten), Jennifers Vergangenheit als Gründungsmitglied von Octopus (die damals Kritiker zum Schwärmen und zur Aussage brachten, dass sie mit ihrer Stimme und Performance die wohl beste Prog Rock-Sängerin Deutschlands sei), Wins Historie (Straight Shooter, Streetmark, Octopus, The Radio und seine Pionierarbeiten mit Synthesizern) sprechen Bände.
Zu Frank Itt, dem Basser, Dozenten und – wie Marlon – Produzenten finden sich Treffer in den Jazz und dann – um mal nur die Eisbergspitzen zu nennen – seine Band The Touch (mit Terence Trent D’Arby), Arbeiten mit Jennifer Rush, Howard Carpendale, Al Bano & Romina Power, Michael Sagmeister Quartett, Jasper van’t Hof,Till Brönner, Matthias Reim, Lotto King Karl, Grooveminister, Jule Neigel Band, Marcus Deml’s Errorhead usw.
Die Protagonisten verstehe also ihr Handwerk und so war ich voller Vorfreude und gespannt auf das Album, wenngleich man leider konstatieren muss, dass die Sängerin das Ergebnis nicht mehr erleben durfte; ja, dass auf Aufnahmen von ihr zurückgegriffen wurde. Es wurde neu arrangiert, zusätzliche Gesangsparts kamen hinzu und es gibt auch unveröffentlichte Aufnahmen von ihr zu hören. Neue Stücke und welche, wie wir aus dem Backkatalog des Kowa-Œuvres kennen.
Nehmen wir zum Beispiel "About Us", eine Nummer unter dem Namen "About You" aus "Slow Down" bekannt. Die jazzige, laszive Note der 2020er Aufnahme ist anfangs kaum zu vernehmen, da auf "Summertime" das neue Arrangement einen komplett anderen Songbeginn aufweist. Weniger intim, moderner arrangiert und fast orchestral mit scharfem Gitarrenpart und einem neuen Vocalpart – erst einmal. Dann aber singt Jenny den bekannten Text und der typische Charakter der Nummer ist wieder da. Das zarte Streichen des Schlagzeugbesens ergibt mit der Stimme der Sängerin das typisch melancholische Gerüst, welche diese Art von Liedern so fest im Hirn verankert.
Das trifft auch ganz besonders auf "Beautiful Tears" zu. Ein Liebeslied, wie es packender kaum zelebriert werden könnte. Instrumental kongenial begleitet, fließ das Stück den Rücken runter und was die Stimme betrifft, so kommt mir das vor, als hätte Frau Kowa nie besser gesungen. Reif, sonor und mit gewaltigem Tiefgang. Das gibt den Lyrics eine weitere Dimension mit auf den Weg und ich kann den Kritikern, die weiland Jennifers Stimmbänder in den Himmel lobten, nur beipflichten. Beipflichten und den Hinweis geben, auch die ’spätere Jenny' einmal anzuhören.
Dass die The Radio-Stücke "Dance", "New York" und "Summertime" anders klingen als auf der Live In Haldern-Platte, ist klar. Das liegt nicht an Live vs. Studio – "Dance" sowie "Summertime" sind andere Kompositionen als die namentlichen Pendants auf der Radio-Scheibe. "New York" wurde zehn Jahre nach Haldern neu eingesungen und hat bereits diesen angenehm modernen Sound, der dem neuen Album innewohnt. Dieses besondere Flair macht sich gleich beim Einstieg in die Platte bemerkbar, denn "Imagination" schafft es, ein Art Horizont vor dem geistigen Auge zu erschaffen und dieses Auge wie mit einer guten Portion Fernweh gen Horizont blicken zu lassen.
»Inspiration, fascination, imagination …« – das will der Track erreichen, sich fallen und treiben lassen Dazu lässig cool der Rhythmus, unaufdringlich repetitiv die Vocals. Die Keys und die Gitarre sorgen für das passende Ambiente dieser Traumwelt. Und wenn am Ende des Liedes die Frage »Are you still with us?« kommt, dann ist das zu bejahen.
"Time Will Tell" präsentiert sich äußerst perkussiv und mit treibendem Bass.»… time ist he luxury I wanna spend with you …«. Wenn man um die tiefe Beziehung von Win und Jenny weiß, dann stellt sich erst einmal Gänsehaut ein und man muss aber auch den Hut ziehen, dass dieser 'Seeleneinblick' nicht mit musikalisch traurigem Touch, sondern äußerst vital und brodelnd rübergebracht wird.
Äußerst rhythmisch folgt "Dance" und stimmlich könnte man meinen, dass eine Amanda Lear um die Ecke schaut. Nur kurz, dann kocht der Rhythmus weiter und geile Gitarrenparts teilen sich die Szene mit alles aus dem Weg fegenden Drums und Basssaiten. Modern ist das alles, wie ich bereits erklärt habe und ein schönes Beispiel ist "Summertime", der einzige Coversong und Titelgeber des Albums, welches es übrigens auch in einer Vinyl-Version gibt. Ich finde diese Version zum Niederknien und bin sicher, auch die Gershwins gäben ihren Segen. Am Ende des Reviews gibt es das Video zu "Summertime" und ansonsten möchte ich das Album all denen ans Herzen legen, die diese Mischung aus anspruchsvollem und modernem Pop Rock mit hörbaren Spuren aus der musikalischen Vergangenheit der Vier im Regal haben wollen.
Wahrscheinlich sind die Konserven mit Jennys Stimme aufgebraucht, sodass Marlon und Win nach adäquaten anderen Vocals suchen müssen. Kein leichtes Unterfangen, aber in dieses Bandprojekt mit einzusteigen, dürfte den Einen oder die Andere sicherlich animieren die Stimmbänder anständig schwingen zu lassen.
Line-up Kowa + Klein:
Jennifer Kowa (vocals)
Marlon Klein (drums, keyboards, vocals)
Win Kowa (guitar, e-bow, keyboards)
Frank Itt (bass)
Tracklist "Summertime":
- Imagination (4:30)
- Time Will Tell (3:46)
- Dance (3:56)
- Summertime (4:38)
- On The Road (4:34)
- What The World Needs (4:25)
- Sometimes (4:22)
- New York (4:53)
- Beautiful Tears (3:29)
- About Us (5:16)
Gesamtspielzeit: 44:02, Erscheinungsjahr: 2025
"Summertime":



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