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Krautfuzz / Live At The Church (feat. J Mascis) – Digital-Review

Krautfuzz / Live At The Church (feat. J Mascis) – Digital-Review

Klare Sache: Kein Schnickschnack, nicht mal bei den Tracknamen. Zwei Livetracks, aufgenommen am 15. Juni 2024 in der evangelischen Genezareth-Kirche in Berlin.

Klare Sache auch die Freude von Labelboss Dave Schmidt, das neue und fünfte Album des Ende 2022 gegründeten Trios präsentieren zu können.

Zum einen, weil die Band allein schon des Namens wegen zum Label passt und wenn man liest, was da an Info mitgeliefert wird: »… kantig-futuristischen Spannung, die von fuzzigem Neo-Psych-Rock, abstraktem, stark bearbeitetem Minimalismus bis hin zu reinem Noise reicht und an den Rändern offen is …«, dann ist klar, dass sich Band und Label auf Augenhöhe unterhalten können. Zum anderen, da mit J Mascis eine Hausnummer auf dem Album mitspielt, die man von der Alternative-Instanz Dinosaur Jr. kennen dürfte. Der Mann hatte weiland übrigens das Angebot, als Drummer bei Nirvana einzusteigen, abgelehnt.

Die Drummerin Imar und ihre beiden männlichen Mitmusiker Dirk sowie Derek sind quasi das Grundgerüst von Kraufuzz und versprechen eine interessante Mischung. Alle drei haben einen jahrelangen Background als Profis in verschiedenen Musikgenres. Sicher ist Dirk Dresselhaus dem einen oder anderen im Ohr, wenn man Namen wie Schneider TM, Günther Schickert oder Damo Suzuki ins Spiel bringt. Jazzfreunden dürfte auch Derek Shirley kein Unbekannter sein.

Dieses 'Grundgerüst', oder sagen wir besser, diese Kernmannschaft hat sich den Improvisationen verschrieben und wenn in oben erwähntem Zitat von stark bearbeitetem Minimalismus sowie offenen Rändern die Rede ist, ferner Begriffe wie zum Beispiel Stochastic Rock fallen, dann ist auch klar, dass keine leichte Kost aufs musikalische Tapet gebracht wird.

Der Begriff Stochastik war mir als musikalische Schublade bis dato unbekannt und da es dem einen oder anderen eventuell genau so geht, möchte ich kurz aus Wikipedia zitieren und dann das geschriebene Wort vergessen und die guten alten Ohren zu Rate ziehen:
» Stochastische Musik verwendet mathematische Wahrscheinlichkeitsmodelle, um Klangattribute zu organisieren … Die zufälligen Elemente, die durch diese Modelle erzeugt werden, können in der Musik zur Komposition eines festen Stücks oder während einer Aufführung verwendet werden … Es gibt verschiedene Arten der stochastischen Musik, darunter "freie stochastische Musik" und "Markovianische stochastische Musik …«.

Alles klar?

Klar, weil Fakt, ist, dass dieser improvisationelle Dreier bei seinen Liveshows meistens Überraschungsgäste einlädt, um die erwähnten offenen Ränder zu 'füllen'. Auf dem vorliegenden Mitschnitt ist das der genannte J Mascis. Ich will nicht verhehlen, dass die beiden Stücke, oder besser die beiden Improvisationen erst einmal schwer zu verdauen sind. Ja, man sollte bzw. muss sich die Zeit nehmen, zum Zuhören. Live mag das etwas einfacher sein, denn dort ist man nicht alleine und kann schauen, wie die anderen um einen herum damit umgehen. Zuhause ist es wohl eher so, dass man beim Hören alleingelassen wird …
Spaß beiseite, es wird gejammt und alles was an Geräuschen zu erzeugen ist, wird erzeugt; mit dem im Line-up angegebenen Instrumentarium. Gespannte Stahlsaiten, ganz egal ob dick oder dünn, schwirren und flirren nicht nur; sie sägen, sie zerren, sie beben und vibrieren und man sollte tunlichst vermeiden, sich auf die Suche nach Melodien, Hooks, Riffs oder roten Fäden zu begeben.

Wenn man durchhält und sich den Frequenzen so nähert, wie man es bei Gitarren- und Schlagzeug-Handwerkern normalerweise nicht tut, dann wird man in dem Fusionsnebel hier und da immer mehr an Struktur heraushören. Keine Durkadenzen, das ist klar. Und schon gar keine C-Dur/ D-Dur/A-Dur-Akkordfolgen. Eine besondere Atmosphäre entsteht, wenn Dirk Dresselhaus seinen 'Gesang' ins vernebelte Mikro gibt. Nach etwa 19 Minuten wird es schließlich doch etwas ruhiger, der Gesang etwas klarer und hey, ein fast melodiöser Part – als Maßstab dient das bisher Gehörte – schließt sich an. Track #2 präsentiert sich von Beginn an 'aufgeräumter' und das kann daran liegen, dass man die ersten zwanzig Minuten der Show nutzte, um Stahl und Kunststoff so zu formen, dass die Saiten und Felle nun ihre Betriebstemperatur haben. Immer mehr Strukturen kristallisieren sich aus der wilden Gemengelage und ab und an lugt gar ein Fitzelchen Melodie hervor – immer an den bereits erwähnten Maßstab denken, gelle?.

Es bleibt aber dabei, dass Krautfuzz nichts für Leute sind, die Sonntagausflüge machen, oder gar ein Sonntagsgewand im Schrank hängen haben. Und ich gestehe, dass ich mir die Band wohl eher live, als zu Hause als Konserve anhören würde.
In Anlehnung an einen bekannten Werbespruch möchte ich wie folgt schließen: Ist es dir zu schräg, dann bist du zu gerade … Oder so.

Erhältlich ist das Abum als LP auf schwarzem 180 Gramm Recycling Viny und lmitiert auf 500 Stück. Die CD ist auf 300 Exemplare CD limitiert. Des weiteren sind die LP-Spielzeiten wie folgt:

Side A: (24:54)
Side B: (25:18)


Line-up Krautfuzz:

Imari Kokubo /Schlagzeug)
Dirk Dresselhaus (Gitarre, Gesang)
Derek Shirley (Bass)

Gast:
J Mascis (Gitarre)

Tracklist "Live At The Church":

  1. Track 1 (23:11)
  2. Track 2 (39:37)

Gesamtspielzeit: 62:48, Erscheinungsjahr: 2025

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
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Mail: ulli(at)rocktimes.de

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