»Wahnsinn, unfassbar!«
Vor genau einem Jahr krönte der britische Gitarrist, Sänger, Songwriter und Tausendsassa Krissy Matthews sein ambitioniertes Album-Projekt Krissy Matthews & Friends mit einer Releaseparty auf dem musikalischsten Dachboden dieser Republik, der einige Protagonist*innen der Einspielung auf der Bühne beiwohnten und für ein gewaltiges Energie- und Freudenfest sorgten.
Aber der umtriebige Netzwerker mit norwegischen Wurzeln und privater Bindung zu Deutschland weiß eine uralte Binse dieses Landes zu berherzigen: Wer rastet, der rostet.
Dementsprechend ist der junge Mann nicht nur unermüdlich unter eigener Regie, mit Layla Zoe oder der Institution Hamburg Blues Band unterwegs, sondern lässt sich dieses Jahr gleich zwei opulente Besonderheiten einfallen: "Krissy Matthews and the Women of the Blues" und "Krissy Matthews presents GUITARGASM"!
Im Vergleich zum letzten Jahr nicht minder aufwändig, erinnert erstere konzeptionell eben an jenes, während zweitere den Schwerpunkt genau auf das legt, was 'Gerds Juke Joint' in Joldelund thematisch seit geraumer Zeit verlässlich mit einem riesigen Ausrufezeichen versieht – die Guitar Heroes.
Da Krissy Matthews im Business gefühlt die halbe Welt kennt, darf es nicht verwundern, dass auf den Plakaten zu den insgesamt vier Events Saitenkoryphäen wie Jimmy Bowskill (The Sheepdogs, Blue Rodeo), Pablo van de Poel (DeWolff), Jason Barwick (The Brew), Zac Schulze (Zac Schulze Gang), Nicolas Meier (u.a. Jeff Beck), Stephan Graf (Gerry McAvoys Band Of Friends) und Rory Evans prangen, also ein klar europäischer Saiten-Schwerpunkt.
An diesem Freitagabend sind allerdings nicht alle Namen dabei, der Kanadier Jimmy Bowskill ist kurzfristig leider in Gänze ausgefallen, dafür ist die Tourmanagerin Stephanie 'Steph' Doherty mit einem beeindruckenden Bariton-Saxophon am Start. Rhythmisch kongenial unterstützt wird die ganze Unternehmung wieder vom polnischen Tieftonspezialisten Slawek Semeniuk und dem Belgier Gerry Reynders am Schlagwerk.
Krissy Matthews verzichtet auf seine ESC-Klamaukbrille, schließlich findet dieser glamouröse Ball der Absurditäten erst eine Woche später statt, bleibt aber seinem güldenen Glitzerarbeitsgrät treu, umarmt mit Gerd Lorenzen einen seiner glühenden Förderer und darf sich im Gegensatz zum Vorabend in Hamburg über ein zahlreiches und erwartungsfrohes Publikum freuen. An dieser Stelle macht sich der hervorragende Ruf, den sich der Biobäcker mit seiner Leidenschaft für bluesrockige Klänge erarbeitet hat, für alle Seiten befruchtend bemerkbar, denn die Stimmung ist von Anfang an auf authentischem Partyniveau, ganz im Gegensatz zur künstlichen Hysterie des besagten European Song Contest.
Hier wird jetzt ein Saitenhelden-Contest ausgefochten, aber ohne fragwürdige Bewertungen und Votings, ohne giftiges Konkurrenzdenken, sondern mit jeder Pore Spaß an der Sache, Achtung, Respekt und Bewunderung vor den Kollegen, die sich im positiven Sinne anstacheln und puschen, um das Beste aus sich herauszuholen. Krissy Matthews erweist sich dabei als charmanter, herziger, humorvoller Conférencier, der doch immer eine sympathische Bescheiden- und Zurückgenommenheit offenbart. Er schafft dabei einen bemerkenswerten Spagat zwischen dem Zurücktreten in die zweite Reihe und dem virtuosen Glanz im Scheinwerferlicht.
- Tourmanagerin Stephanie „Steph“ Doherty mit einem beeindruckenden Bariton-Saxophon am Start
- Stephy & Slawek Semeniuk
- Krissy Matthews
- Rory Evans
- Jason Barwick
Der Auftakt gehört ihm und seinen beiden formidablen Begleitern, wobei "Why Are You Ashamed Of Me" vom letztjährigen Mammutalbum einerseits darunter leidet, dass der prägnante weibliche Gesangspart fehlt, andererseits werden aber durch das knurrende Saxophon von Stephanie 'Steph' Doherty interessante neue Akzente gesetzt.
Im Folgenden überlässt Krissy Rory Evans die Bühne, ein Solo-Instrumental-Akustikgitarrist aus Oxfordshire, ein Meister der Fingerstyle-Technik, der prompt mit beachtenswerter Körpersprache und unglaublicher Geschwindigkeit und Genauigkeit seine Virtuosität im musikalischen Spannungsfeld zwischen Jazz, Blues und Folk unter Beweis stellt und dabei eine Präzision und Musikalität offenbart, dass einem glatt die Kamera aus der Hand fällt. Zusammen mit seinem umwerfenden Charisma sorgt das für einen ersten Begeisterungsorkan und der junge Mann hat sich in Windeseile in alle Herzen gespielt.
- Rory Evans
- Krissy & Jason Barwick
- Krissy Matthews & Band
- Krissy & Jason Barwick
- Slawek Semeniuk
Ihm folgt Jason Barwick, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der einstigen Bluesrock-Teensensation (okay, abzüglich Drummer-Papa Tim Smith) The Brew, die es mittlerweile seit zwanzig Jahren gibt, deren letzte Albumveröffentlichung aber geschlagene sieben Jahre her ist.
Vom 2010er Album A Million Dead Stars stammt sein wuchtiger Einstieg "Every Gig Has A Neighbour", bevor ganz im Sinne der Saitenheldenthematik Jimi Hendrix herhalten muss und zusammen mit Krissy ein achtbares "Little Wing" zelebriert wird, dem auf dem Fuße "Voodoo Chile" folgt, einem offensichtlichen Monolithen der gitarristischen Heldensaga und dem Autoren dieser Zeilen allein in diesem Jahr bereits gefühlt zum achten Mal live zu Ohren kommend. Im Gegensatz zu Félix Rabin 14 Tage zuvor an gleicher Stelle sind allerdings keine signifikanten neuen Aspekte zum Thema auszumachen.
Für diese ist im Anschluss der gebürtige Schweizer und in England lebende Saitenmaestro Nicolas Meier zuständig, dessen Vita meilenweit über die vergleichsweise enge Schublade Bluesrock hinausgeht und immerhin mit der Beteiligung an zwei Welttourneen bei der ikonischen Saitenlegende Jeff Beck glänzen kann.
In der Band eines der anerkannt besten Gitarristen der Welt spielten selbstverständlich keine 08/15-Akteure und so zieht dieser Mann von Welt ein Saitenspiel auf, welches in dieser Form auf dem Dachboden der Bluesrock-Fangemeinde garantiert noch nie zu hören war. Zumindest für einen Laien wie dem Berichterstatter ist der Einfluss eines Jeff Beck unüberhörbar und somit ist es kein Zufall, dass zusammen mit Krissy Matthews eine Interpretation von "Blast From The East" vom 1999er Beck-Album "Who Else!" auf die Bretter gelegt wird, die ihres Gleichen sucht und zu den Sternstunden der Live-Musik gezählt werden darf. Nicht umsonst entfährt dem Organisator dieser Sause ein ungläubiges »Wahnsinn, unfassbar« (auf deutsch) und seine Bandmates Gerry Reynders und Slawek Semeniuk zeigen insbesondere bei dieser musikalischen Komplexität im Rahmen des Auftritts von Nicolas Meier ihre ganze Klasse.
- Nicolas Meier
- Grandioser, aber anstrengender Nicolas Meier-Gig
- Nicolas Meier
Es ist kaum zu glauben, aber Krissy Matthews hat noch ein weiteres Ass im Ärmel … Pablo van de Poel vom niederländischen Trio DeWolff, die in ihrem Heimatland mit den vielen schönen Grachten größte Säle füllen und seit geraumer Zeit den Soul für sich entdeckt haben. Diesen zelebriert der Frontmann aber nur zu Beginn mit dem zackigen "Night Train", danach erklingen mit "How Blue Can You Get" (bekannt geworden durch B.B. King) originär bluesige Töne, bevor mit "Oh Well" von Fleetwood Mac zu Peter Green Zeiten, welches in "Stormy Monday" (ursprünglich T-Bone Walker, für ein Rockpublikum popularisiert von der Allman Brothers Band) übergeht und dem "Catfish Blues" (Elmore James) der fulminante Bluesrockmotor im Geiste der British Blues Invasion Mitte bis Ende der 1960er Jahre angeschmissen wird und kein Glas … äh … Auge mehr trocken bleibt. Während der ansonsten für seine Hibbeligkeit bekannte und ständig unter Strom stehende van de Poel dabei erstaunlich ruhig bleibt, eskaliert neben ihm Krissy Matthews und badet geradezu in seinem Element.
- Krissy Matthews
- Night Train – Pablo van de Poel & Gerry Reynders
- Stephanie „Steph“ Doherty
- Pablo van de Poel & Gerry Reynders
- Pablo van de Poel
Natürlich darf ein großes Finale aller Protagonist*innen nicht fehlen, Slawek Semeniuk hinterlegt mit einem atemberaubenden Solo nachdrücklich seine Visitenkarte und die beiden Genre-Klassiker "Sweet Home Chicago" (erstmals 1936 von Robert Johnson aufgenommen) und "Going Down" (Don Nix) – neben "Voodoo Chile" ebenfalls allzu häufig auf der Speisekarte – verfehlen ihre Wirkung nicht, bringen den hölzernen Dachboden zum Beben und sorgen für einen veritablen Begeisterungssturm.
- Slawek Semeniuk
- Krissy Matthews
- Krissy & Pablo zelebrieren die British Blues Invasion
- Das Finale
- Das Finale II
- Gerry Reynders
- Das Finale III
- Krissy & Gerd Lorenzen
Wer nun aber geglaubt haben sollte, dass nach knapp dreistündiger Demonstration gegen das Verwesungsimage des Genres 'Bluesrock' Feierabend sei, ist auf dem Holzweg, denn exklusiv beim Biobäcker Gerd Lorenzen und seinem Team hat die britische Formation Wille And The Bandits den einzigen Deutschlandgig im Rahmen ihrer derzeit laufenden Tour. Allerdings ist das zu diesem Zeitpunkt etwas undankbar, denn viele sind nach der denkwürdigen Saiten-Vollbedienung zur After-Show-Party übergegangen, sofern für selbige die Körner überhaupt noch reichen.
Nach Körnern ringt auch Frontmann und Namensgeber Wille Edwards – gebürtig aus Down Under und ehemaliger Straßenmusiker – der gesundheitlich angeschlagen mit seiner Stimme kämpft, während das Quartett aus dem idyllischen Cornwall einen vollkommen anderen Ansatz zum Thema 'Bluesrock' beisteuert, indem selbiger mit Roots-, Classic- und Folkrock verquickt und ein psychedelisches Schleifchen drumherumgebunden wird, um auf höchstem Niveau in teilweise hypnotisierende Jamgefilde vorzustoßen. Mit diesem innovativen Ansatz verschieben Wille And The Bandits die Grenzen des Genres und verbinden traditionelle Wurzeln mit frischen, experimentellen Klängen. Nicht umsonst gilt die Band in ihrer Heimat als eine der besten Live-Bands der Insel, gleichzeitig aber auch als das bestgehütete Geheimnis Großbritanniens. Davon legt auch ihr herausragendes aktuelles Album "The Kernow Sessions" (2023) Zeugnis ab, welches den Schwerpunkt der Setlist bildet und ohne Plattenvertrag in Eigenregie veröffentlicht wurde, um bei ihren Konzerten verkauft werden zu können.
- Stevie Watts & Zak O’Loughlin
- Wille Edwards an der Weissenborn Lap-Steel
- Wille And The Bandits
- Zak O’Loughlin & Wille Edwards
- Zak O’Loughlin
Neben dem Umstand, dass Neu-Drummer Zak O’Loughlin und Stevie Watts an den Tasten grandios aufspielen, während Langzeit Bandmate Harry Mackaill an den dicken Saiten die unaufgeregte Erdung übernimmt, sticht das Slidespiel von Wille Edwards heraus, welches er gerne auf einer horizontal montierten Weissenborn Lap-Steel Gitarre virtuos zelebriert und sphärische Salven in die nicht vorhandenen Weiten des Gebälks befördert. Dabei gibt es wohltemperierte Abwechslung in den Stimmungslagen der fesselnden Songs, so dass Krachendes mit Schwebendem korreliert.
Eine tatsächlich außergewöhnliche Band mit großen musikalischen Fähigkeiten, die mehr Publikum verdient hätte und vermutlich der gesundheitlichen Schwierigkeiten ihres Frontmannes geschuldet bereits nach knapp 80 Minuten unter immerhin tosenden Applaus die kleine Bühne verlässt.
- Wille Edwards trotzt den Stimmproblemen
- Zak O’Loughlin
- Wille Edwards an der Weissenborn Lap-Steel
- Zak O’Loughlin
- Harry Mackaill & Wille Edwards mit Röhrchen
- Wille Edwards mit Röhrchen & Harry Mackaill
- Harry Mackaill & Wille Edwards mit Röhrchen
- Wille Edwards an der Weissenborn Lap-Steel
Auch hier trifft der Ausruf »Wahnsinn, unfassbar!« vollumfänglich zu und der Dachboden eines ehemaligen Kuhstalls im hohen Norden in der Nähe Dänemarks hat ein weiteres memorables Ereignis gezeitigt, welches allen Freundinnen und Freunden eines vermeintlichen Alteisen-Genres der Musik Zuversicht geben sollte, doch noch nicht dem Verrosten anheim gefallen zu sein.
Bildnachweis für alle Bilder des Events: © 2025 | Olaf 'Olli' Oetken | RockTimes















































Neueste Kommentare