Welch freudige Überraschung! Schaut man auf der Homepage des Musikers Richie Arndt unter dem Stichwort "Mississippi – Musikalischer Reisebericht" nach, dann stoßen wir unter Pressestimmen eingangs auf die Worte unseres Kollegen Joachim 'Joe' Brookes. Dessen Eintrag wird dort verkürzt wiedergegeben: »… ist das Schlüsselloch, durch das der Blues-Fan schon immer schauen wollte, um eine Reise ins Delta quasi livehaftig zu erleben. … ist ein geschichtlich-zeitgenössisches Dokument der Extraklasse .… ist Pflicht für jeden Blues-Fan.«
Sein Review aus dem Jahr 2015 widmet sich der CD-Box Mississippi – Songs Along The Road. Der Untertitel lautet "11 ½ Welthits und ein Reisebericht…" Ein Teil jener Welthits erklang am 4. November 2022 beim Auftritt des Künstlers in der Pinsenberghalle im ostthüringischen Krölpa. Bei dem Gastspiel des Ostwestfalen handelte es sich um einen musikalischen Reisebericht, den ein einzelner Akteur in einem zweistündigen Programm gestaltete und der Reportage, Fotopräsentation und Konzertdarbietung an einem Abend beinhaltete.
Bei der Ankündigung war mir sofort klar. Eine Veranstaltung in dieser Konstellation hatte ich zuvor noch nicht erlebt. Es war also eine Premiere. Die Pinsenberghalle war an jenem Freitag gut besucht. Musikliebhaber unterschiedlichen Alters waren erwartungsfroh gestimmt erschienen. Immerhin versprach der Titel "Mississippi – Songs along the road". Das stand für Welthits mit hohem Wiedererkennungswert und garantiert ohne Verfallsdatum. Ganz sicher nicht im Sinne des allseits bekannten Begriffes Mainstream. Der Gastgeber, der Verein Lesezeichen e.V., hatte ein ansprechendes Plakat gestaltet, das neugierig auf die Veranstaltung machte. Zu sehen war ein Künstler mit Gitarre, darauf standen neben Datum, Ort und Uhrzeit folgende Begriffe: Konzert, Reisebericht, Fotoshow.
Veranstaltungen, die Musik und Literatur verbinden, haben bei dem Verein mit Sitz in Jena und einer festen Wirkungsstätte in Ranis Tradition und werden seit mehreren Jahren immer im November auch in Krölpa angeboten. Meistens wechseln sich Musiker und Literaturschaffende in einem Programm ab. Diesmal war es Richie Arndt, der den Abend allein bestritt. Der Sänger und Blues-Gitarrist hatte sich 2014 einen Lebenstraum erfüllt und erkundete den Mississippi von Memphis über New Orleans bis an den Golf von Mexiko. Er folgte damit dem Mythos des amerikanischen Südens. In Büchern und in Filmen hatte ihn das Thema schon in frühester Jugend begleitet, sagte er im Vorspann vor seinem Publikum. Vor acht Jahren war es schließlich an der Zeit, sich selbst ein Bild von dieser Region zu verschaffen.
Begleitet vom Fotografen Raphael Tenschert besuchte er die Heimat seiner großen Idole und der Civil-Right-Bewegung, traf Größen aus Jazz, Blues und Soul. Seine Erlebnisse aus dem Mississippi-Delta hat Richie Arndt in einer Lesung zusammengefasst. Dazu kommen die großflächig projizierten Bilder des Fotografen. Arndt berichtet über seinen Trip entlang des Highway 61, auch Blues Highway genannt. Dort traf er auf Städte voller Gegensätze, Geschichte und Geschichten. Die besuchte Region sei nicht die Gegend der großen Highlights, die Touristen in die USA lockten, gab der Vortragende zu verstehen. Doch im Verlauf des authentischen Vortrags wurde deutlich, welchen Reiz diese Gegend tatsächlich auf einen Musiker ausübt. Die Tour glich einer "Pilgerreise" an den Mississippi. Reisestationen waren beispielsweise Nashville mit der "Music City", bekannt als das Epizentrum der Country-Musik, bis hin zum Anwesen "Graceland" von Elvis Presley, einem der meistbesuchten Privathäuser der USA.
Zwischen seinen Ausführungen in Wort und Bild griff er zur Gitarre und sang bekannte Coversongs wie "Walking in Memphis", "Crossroads" und "Jambalaya". Auf der eingangs erwähnten CD gibt es neben Bluestiteln Rock´n´Roll, Gospel, Cajun Music, Pop und Jazz. Derart abwechslungsreich gestaltete sich der Abend, wobei das Musikalische neben der Lesung nicht zu kurz kam. Garniert wurde das musikalische Programm mit der eigenen Komposition "I Never Saw The Mississippi". Der Name sagt schließlich alles aus. "Walking in Memphis", räumte der Interpret des Abends ein, sei aufgrund seines weltweitweiten Bekanntheitsgrades und der Struktur fast schon wie ein Pophit zu behandeln. Sänger ist Marc Cohn, der das Lied 1991 veröffentlicht hatte. Arndt schloss seinen Konzertbeitrag mit "Love Me Tender", einem Titel von Elvis Presley aus dem Jahr 1956.
Nach seiner erfolgreichen musikalischen Lesung Train Stories war es das zweite Programm, mit dem er sich auf den Weg zu den Ursprüngen seines eigenen künstlerischen Schaffens machte. Im Pausengespräch verriet Richie Arndt, gebürtig in Bielefeld, dass für ihn die Zeit reif sei, eine neue Reise in Angriff zu nehmen. Seine Expedition entlang des Mississippi habe übrigens eine Tourismus-Agentur für ihn vorbereitet, war von ihm zu erfahren. Im Nachhinein sei der Musiker froh, nicht auch noch die Organisation übernommen zu haben. Sein Vortrag war unterhaltsam und kurzweilig. Der abwechslungsreiche Abend versprühte viel Atmosphäre.
Die Erwartungshaltung, die sich aus der Ankündigung mit dem Dreiklang Konzert, Reisebericht und Fotoshow ergeben hatte, konnte der Musiker in vollem Umfang erfüllen. Richie Arndt ist nicht auf Effekthascherei aus. Er vermittelt den Eindruck eines qualifizierten Künstlers, der gern etwas über die Hintergründe des eigenen Schaffens erfahren möchte und dieses Wissen weitergibt. Das Programm kann man mit gutem Gewissen weiterempfehlen.
Ein kleiner Wermutstropfen: An jenem Abend standen nur das Licht des Projektionsgeräts und die Notbeleuchtung an der Decke zur Verfügung, sodass das Fotografieren unter diesen Bedingungen kein Vergnügen war. Für den Genuss des Vortrages bei den Besuchern war das jedoch kein spürbarer Nachteil.
Unser Dank geht an Romina Nikolic und Ralf Schönfelder vom Verein Lesezeichen e.V. für die freundliche Akkreditierung.







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