Schicke-Führs-Fröhling (kurz SFF) war eine Band, die von Mitte bis Ende der siebziger Jahres gerade mal etwa vier Jahre lang aktiv war und es in dieser Zeit immerhin auf drei Studioalben brachte sowie einen Auftritt auf dem heute legendären Brain Festival 1978 auf die Bretter legte. Heute vielleicht etwas in Vergessenheit geraten, wirbelte das Trio seinerzeit mit seinem ganz eigenen Sound – zumindest in Kritikerkreisen – gehörig Staub auf und konnte von seinem Debütalbum "Symphonic Pictures" immerhin um die 12 000 Einheiten verkaufen. Sogar niemand geringerer als Frank Zappa hatte damals Wind von der Band bekommen und sich sogar angeboten, das Erstwerk zu produzieren. Was jedoch aus terminlichen Gründen dann doch nicht zustande kam und SFF für ihre drei Alben schließlich mit Dieter Dierks zusammenarbeitete. Das in Hannover ansässige Label MIG Music hat nun sämtliche Scheiben – inklusive des original erst viel später hinterher geschobenen "Live 1975" – noch einmal in einer 3CD-Box (Jewel Case) zusammengefasst und Anfang April dieses Jahres veröffentlicht. Dazu gibt es als Bonus immerhin zwei Tracks (mit einer Spielzeit von knapp 15 Minuten) des Auftritts auf dem Brain Festival in Essen aus dem Jahr 1978.
Die drei Musiker hatten einen ganz eigenen Sound am Start, der sich aus progressiven, jazzigen und klassischen Mosaik-Steinchen zusammen setzte. Und selbstverständlich landet das Ganze dann genremäßig in der Schublade 'Krautrock', wobei die rockigen Anteile im Gesamtbild dann doch den kleinsten Platz einnehmen. Bleiben wir erstmal bei den ersten beiden Werken "Symphonic Pictures" (1976) sowie "Sunburst" (1977): Phlegmatisch drüber weggehört, prägen die Tasten- und Electronic-Beiträge hier entscheidend das Bild. Befasst man sich jedoch etwas intensiver mit der Musik, fallen neben den Keyboards von Gerd Führs umgehend auch die großartigen Beiträge des Schlagzeugers Eduard Schicke sowie die hervorragende Gitarrenarbeit von Heinz Fröhling auf. Die Kunst des Dreiers bestand übrigens unter anderem darin, hochkomplexe Songs und Musik vorzulegen und diese dabei dennoch herrlich eingängig und unterhaltend rüber zu bringen. Tatsächlich wurde die Band damals unter anderem mit Combos wie Gentle Giant oder auch Van Der Graaf Generator verglichen. Großes Kino!
Nachdem die ersten beiden Alben wie aus einem Guss klangen und locker als ein Gesamtwerk hätten durchgehen können, lief der Hase bei der dritten Scheibe "Ticket To Everywhere" (1978) jedoch plötzlich anders. Zwar hatte sich die Musik nicht grundsätzlich gewandelt, aber die Songs hatte nun eine Standardspielzeit zwischen vier und fünf Minuten. Dazu kommt, dass im Gegensatz zu den ersten beiden Platten die Songwriting-Credits hier zu 95 % an den Gitarristen Heinz Fröhling gingen. Was sich letzten Endes derart auf die Tracks auswirkte, dass diese doch erkennbar mainstreamiger wurden. Ein weiteres Unikum des Albums war, dass sich hier der einzige Track ("Here And Now") mit Gesang im Repertoire der Band befindet. Und dazu, dass es sich bei dem Gast-Sänger um niemand geringeren als den Scorpions-Frontmann Klaus Meine handelt. Aber: Die musikalische Ausrichtung dieses dritten Albums führte schließlich zu bandinternen Streitigkeiten und gipfelte dann in den berühmt-berüchtigten »…unüberbrückbaren musikalischen Differenzen«. Eduard Schicke stieg aus und SFF wurde zu Grabe getragen.
Die beiden verbliebenen Musiker machten unter Führs-Fröhling weiter und veröffentlichten zwischen 1978 und 1981 noch drei Alben. Sehr viel später, nämlich im Jahr 2002, kam von SFF dann noch die Scheibe "Live 1975" (ebenfalls in der hier besprochenen Box enthalten) erstmals auf den Markt. Dabei handelt es sich um einen ganz frühen Auftritt des Trios, der noch einmal ein anderes Bild des Trios zeigt. Denn auf der Bühne wirken die Tracks sogar nochmal frischer und lebendiger, als im Studio. Auch dass hier nicht alles zu 100 % perfekt ist, fährt Sympathiepunkte ein. Dazu kommt die Erkenntnis, dass die Studioalben keine ’synthetischen', mit vielen Tricks produzierten Studio-Erzeugnisse waren, sondern dass die Band ihre Musik tatsächlich auch sehr überzeugend auf der Bühne umsetzen konnte. Ein herrlicher und auch sehr wichtiger Bonus zu den Studioplatten!
Selbstredend sind die Werke von SFF auch heute noch keine Musik für den Massengeschmack, aber eigentlich darf sich jeder Musik-Fan, der etwas für siebziger Jahre und die damalige Mucke aus unseren Landen übrig hat, über diese Box freuen. Speziell sind diese Alben zweifellos. Nicht unerwähnt soll auch bleiben, dass es im Jahr 2011 nochmal zu einer Zusammenarbeit von Fröhling & Schicke kam, die das Album "Metamorphosen" hinterließ. Gerd Führs verstarb im November 1992.
Line-up Schicke-Föhrs-Fröhling:
Eduard Schicke (drums & percussion, Moog synthesizer, metallophone, xylophone)
Gerd Führs (grand piano, electric piano, synthesizer, clavinet, mellotron, acoustic guitar)
Heinz Fröhling (acoustic & electric guitars, bass, mellotron)
Tracklist "The Complete Recordings":
- Tao
- Solution
- Dialog
- Sundrops
- Pictures
- Wizzard
- Autumn Sun In Cold Water
- Artificial Energy
- Driftin'
- Troja
- 1580
- Explorer
CD 3 – "Live 1975":
- Tao
- Dialog
- Gedankenspiel
- Modimidofre
- Prickel Pit
- Ammernoon
- Dadadam
- Ticket To Everywhere
- Open Doors
- Song From India
- Ticket To Everywhere
- Spain Span Spanish
- Here And Now
- Slow Motion
- Folk’n’Roll
- Every Land Tells A Story (live at Brain Festival, 1978)
- Medley: Explorer/Wizzard (live at Brain Festival, 1978)
Gesamtspielzeit: 71:54 (CD 1), 50:29 (CD 2), 72:02 (CD 3), Erscheinungsjahr: 2023 (1975-1978)



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