Das haben wir nun davon und ein 'unknown flying musician' gibt Gas
Jedes Land verdient die Politiker*innen, die es wählt, solange denn noch gewählt werden kann. Jedes Land verdient auch die Musik, die es mehrheitlich mit dem Tipp aufs Smartphone-Display auswählt. Für beides gibt es aktuell zwei Paradebeispiele. Eine Bundestagswahl hat gerade stattgefunden. Welche Figuren wir uns damit in den Berliner Reichstag geholt haben, möge jeder für sich selbst beurteilen.
Und es steht unser Lied für den nächsten Eurovision Song Contest in Basel an. Abgesehen von einem sich dort spiegelnden Schiffbruch europäischer Einigkeit war den deutschen Beiträgen der näheren Vergangenheit keinerlei Glück hold. Jetzt hat als letzte Patrone Stefan Raab wieder das Zepter übernommen und präsentiert uns neun Finalist*innen. Wenn die entsprechenden Klickzahlen ein sicherer Erfolgsindikator sein sollten, sind genau zwei Produktionen aus einem geplatzten Kaugummiautomaten die haushohen Favoriten und beglücken uns mit 'Ballalalalalalalalala' und karnevalistischem Mummenschanz ("Knightclub").
Warum verliert sich der Rezensent in ein solches Geplänkel?
Weil der aussichtsloseste Kandidat der angesprochenen Neunerriege es tatsächlich wagt, mit einer organischen Musikproduktion mit echten Instrumenten und sogar einem kurzen Fuzzbass-Intermezzo zu reüssieren ("These Days"). Als Dank darf er Klickzahlen aus dem Keller der Finsternis zur Kenntnis nehmen.
Somit werden sich die besseren Musiker*innen dieses Landes ihren Teil denken. Hierzu ist unbedingt auch der Oberpfälzer T.G. Copperfield zu zählen, der seit geraumer Zeit mit einer beeindruckenden Produktivität glänzt. Als 'Lohn' darf er auf einer ausbeuterischen schwedischen Streamingplattform 3000 monatliche Hörer*innen begrüßen, während der aussichtslose ESC-Kandidat The Great Leslie 23.800 Hörer*innen generiert und der geplatzte Kaugummiautomat auf stolze 510.000 Hörer*innen kommt.
Nach seiner Wüstentrilogie "Snakes & Dust", Out In The Desert und Steppenwolf tritt Copperfield wieder aufs Gaspedal, quasi als musikalische Rückbesinnung auf die auf Eis liegenden 3 Dayz Whizkey. Diese Trologie habe sich mit einer Welt beschäftigt, die sich in eine Wüste verwandelt und nun stehe sie am Abgrund. Da nimmt es nicht wunder, dass "All In Your Head" von einer eher düsteren Grundstimmung geprägt ist und die Les Paul des Protagonisten ein ums andere Mal verzerrt und effektreich aufjault. Krieg, Zerstörung, Hass und dunkle Emotionen prägen das neue Album, aber es ist Copperfield wichtig darauf hinzuweisen, dass dies nicht naturgegeben ist und wir alle aufgefordert sind, falsche Abzweigungen in bessere Bahnen zu lenken.
Musikalisch hat er das mit seiner hervorragend abgestimmten Band an zwei Tagen im Megaphon Studio Arnsberg unter der Leitung von Martin Meinschäfer (u.a. Henrik Freischlader, Kai Strauss, Layla Zoe) umgesetzt, sehr gut vorbereitet, organisch, analog, live und ohne Netz und doppelten Boden.
Der Opener "Mule" rollt den Rock geradezu ansteckend aus den Boxen, Tilo George Copperfield schnappt sich das Röhrchen und Claus Baecher spielt eine herrliche Orgel-Bridge. "I’m On My Way" ist ein infektiöser Vorwärtsstürmer, während "Not Your Game" eindringlich und hymnenhaft dräut und das Effektarsenal der Sechssaitigen bis zum Anschlag ausreizt. "Have Mercy On Me" klingt in seiner rotzigen Umsetzung ganz schön stinkig, während einiges später der "World War III" bedrohlich am Riffen ist. Zuvor wirft der "Redemption Blues" einen Ruheanker aus.
Den wahren Blues gibt es tatsächlich erst ganz zum Schluss mit "The Needle Hit The Groove", wobei der Titel Programm ist und T.G. Copperfield sich und seiner 'Paula' alles abverlangt. Selten wurde in deutschen Landen diese Musikrichtung derart kongenial umgesetzt und Martin Meinschäfer dürfte trotz seiner umfangreichen Erfahrung gestaunt haben, was national neben Henrik Freischlader und Kai Strauss so alles möglich ist. Zuvor lassen es sich alle Beteiligten nicht nehmen, beim Titelsong an die rollenden Steine zu erinnern, einschließlich einer augenzwinkernden "Sympathy For The Devil"-»Uh-Huuh«-Einlage.
Fazit:
Wenn es in diesem aufgewühlten Land in aufgewühlten Zeiten einen sträflich unter dem Radar fliegenden Spitzenmusiker gibt, der ebenfalls sehr aufgewühlt ist, dann kann nur der Name T.G. Copperfield fallen.
Wer, wie der Rezensent, bei den vorangegangenen Werken etwas Schmackes vermisst hat, wird auf "All In Your Head" prima bedient und bestes Songwriting korreliert mit nachdenklichen Texten. Im Sinne der Reichweitenerhöhung wäre es stark zu begrüßen, wenn die Live-Umsetzung dieses empfehlenswerten Albums auch außerhalb des Südens der Republik erfolgen würde.
Zu bemängeln ist allerdings eine von Herrn Meinschäfer zu verantwortende starke Dynamikkompression, von der die Vorgängerwerke Copperfields dankenswerterweise überwiegend verschont geblieben waren. Aber auch die Musikhörenden verdienen den Klang, den sie durch ihren Konsum protegieren.
Line-up T.G. Copperfield:
T.G. Copperfield (guitars, vocals)
Michael "Air" Hofmann (drums, percussion, backing vocals)
Claus Baecher (keys)
Don Karlos (bass)
Additional musician:
Claudia Zormeier (backing vocals)
Tracklist "All In Your Head":
- Mule (3:36)
- I’m On My Way (3:02)
- Not Your Game (3:32)
- Have Mercy On Me (3:00)
- Living On A Knife (4:18)
- Kicked Down By Love (4:00)
- Redemption Blues (3:35)
- World War III (3:08)
- All In Your Head (3:21)
- The Needle Hit The Groove (7:02)
Gesamtspielzeit: 38:35, Erscheinungsjahr: 2025



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