Es müssen nicht immer nur folkloristische Einschläge sein, mit denen Musiker heutzutage beim Eurovision Song Contest punkten können. Man denke nur an Lordi, die Gewinnerband aus dem Jahr 2006. Die Finnen überraschten damals mit eingängigem Hard Rock der Marke Kiss ein Millionenpublikum.
Das Zeug für eine Teilnahme bei dem glamourösen Wettbewerb haben für mich zweifelsohne auch Tillian. Das aus gutem Grund: Die sieben Musiker, die sich dem melodischen Progressive Rock verschrieben haben, kommen aus Israel. Das Land aus dem Mittleren Osten hat beim 1956 eingeführten Eurovision Song Contest 32 Mal teilgenommen und immerhin vier Mal gewonnen. Somit war Israel statistisch gesehen jedes zweite Jahr am Start, da es den Ausscheid bislang 64 Mal gegeben hat. Soweit mein nicht ganz zufälliger Ausflug in die Welt des Rock und Pop beim Song Contest und zurück in die Gegenwart.
Diese beschert uns anno 2019 das Debütalbum "Lotus Graveyard" der israelischen Rocker Tillian. Deren CD ist nicht bloß eine Neuentdeckung schlechthin. Das Album mit elf Stücken überzeugte mich beim Anhören im ersten Anlauf vollauf. Kein Leerlauf, beste Abwechslung und damit kein Antasten an die harten Klänge.
Schon die ersten 30 Sekunden im Opener "Reborn" erinnern mich an den schleppenden Auftakt bei Metallicas "Enter Sandmann". In einer zarten Variante. Vergleichbar sind beide Stücke freilich nicht. Tillians Auftaktslied ist sehr komplex und eine gefällige Rocknummer, die gleich zu Beginn deutlich macht, dass Abwechslung bei dieser Band großgeschrieben wird.
Ein spezielles Markenzeichen haben Tillian nicht; dafür überraschen Sängerin Leah Marcu und ihre Mistreiter mit eigängigen Melodien. Sie beherrschen das Metal-Riff genauso wie die einfühlsame Ballade. Noch einmal kurz zurück zum eingangs erwähnten Eurovision Song Contest, wobei ich mich nicht als Fan dieser nicht ganz unumstrittenen Sendung bezeichnen möchte. Das folkloristisch angehauchte "Monster" und das auf der CD folgende, klassisch untermalte "Moonlight Dancer" sind aus meiner Sicht durchaus geeignete Anwärter, mit denen Tillian beim Wettbewerb antreten könnten. Das sei aber nur am Rande erwähnt, doch die Verbindung dieses Landes zu dem musikalischen Kräftemessen mit europäischen Startern hat mich bei der Herangehensweise an dieses Thema durchaus gereizt.
Tillian ist eine 2014 von Leah Marcu gegründete Progressive Rock-Band aus Tel Aviv. Die Singer-Songwriterin arbeitete damals gerade an einem Soloalbum, als sie die Musiker für das gemeinsame Unterfangen rekrutierte. Das musikalische Spektrum reicht von epischen Rock- und Metal-Orchestrierungen bis zu intimen Balladen mit tief berührenden Texten. Zu ihren Einflüssen zählen sie Pain Of Salvation, Ayreon und Kate Bush. Letztere ist bei Leah Marcu gut auszumachen, wobei mich deren Stimme und der Einsatz der Band immer wieder an gepflegten Symphonic Metal erinnern ("Reborn" und "Frozen Sun" sind zwei gute Beispiele), wenngleich die Tonlage der Frontfrau natürlich nicht mit den hohen Lagen von Tarja Turunen (Ex-Nightwish) und Floor Jansen (Nightwish) zu vergleichen ist.
Aber darum geht es nicht. Tillian haben ihren eigenen Stil. Der geht ins Ohr und bedient sich immer wieder eines Cellos, gespielt von Alexandra Marcu. Wirkungsvoll ist der Einsatz von Lior Goldberg am Keyboard an der Seite der Hard Rock-Fraktion, während bei den Titeln "Moonlight Dancer" und "Love Or Heaven" ein zweiter Bass für den satten Sound sorgt.
Bei "Love Or Heaven" kommt zusätzlich Shachar Biebers Stimme zum Einsatz. Die harten Vokale (englisch: Harsh Vocals) leiten sich aus einem typischen Element des Metal-Genres ab, das Knurren und Kreischen als Gesang bezeichnet.
"Lotus Graveyard" ist aus musikalischer Sicht keine eintönige Geradeausfahrt, sondern vielmehr ein gefälliges komplexes Werk einer siebenköpfigen Band aus Israel, die neugierig macht auf Kommendes. Das schließt eine wünschenswerte Präsenz auf deutschen Bühnen ein.
Line-Up Tillian:
Leah Marcu (vocals)
Alexandra Marcu (cello)
Lior Goldberg (keyboards)
Yadin Moyal (guitar)
Yanai Avnet (bass)
Alon Shulman (bass #6, 10)
Yoav Weinberg (drums)
Shachar Bieber (harsh vocals #10)
Tracklist Lotus Graveyard:
- Reborn (5:57)
- Touched (4:13)
- Frozen Sun (4:51)
- I’m Too Close (4:50)
- Monster (4:17)
- Moonlight Dancer (3:19)
- Black Holes (7:02)
- Caught In Your Slough (1:12)
- The Beggar (4:13)
- Love Or Heaven (6:45)
- Earth Walker (3:35)
Gesamtspielzeit: 50:15 Erscheinungsjahr: 2019



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