Bei jeder neuen Entdeckung ist es auch jedes Mal wieder kaum zu glauben, was für starkes Material da immer noch in den Gewölben der Plattenfirmen geschlummert hat und auch nach wie vor schlummern muss, wenn man sich nur mal die Wiederveröffentlichung der Band Wyoming als Beispiel nimmt. Wyoming um den Sänger und Hauptsongwriter Pete 'Wyoming' Bender brachte Anfang der siebziger Jahre zwei Alben raus, die vor wenigen Wochen tatsächlich zum ersten Mal im CD-Format auf den Markt kamen. Bender wurde 1943 als Sohn amerikanischer Eltern im Elsass geboren, verbrachte den allergrößten Teil seiner Kindheit und Jugend jedoch in den USA. Dort gründete er seine ersten Bands, wobei es ihn irgendwann dann doch wieder nach Europa, oder um genauer zu sein, nach Deutschland zog. Mit den Gitarristen Rainer Marz (Ex-Jeronimo, später Atlantis und Supermax) sowie Jürgen Ermisch (später Liederjan) hatte er schnell zwei enge Verbündete gefunden, am Schlagzeug kam Bernd Billhardt dazu.
Auf "Wyoming" hatte die Band eine coole Mischung aus progressivem, leicht psychedelisch angehauchtem Pop/Rock am Start, gepaart mit ein paar härteren bluesigeren Nummern. Die atmosphärisch dichte Melancholie ihrer Zeit kann der Opener "September Day" nicht leugnen und selbst, wenn es ein paar Durchläufe benötigt, so nistet er sich dennoch bald tief ins Bewusstseins des Hörers ein. Klasse Song mit Flöten und von breiten Keyboard-Teppichen unterlegt. Nach den ebenfalls starken und in die selbe Kerbe hauenden "Saying Things" sowie "Can’t Go Wrong" wird mit "I’m Weeping" und dem noch stärkeren "Seven Days" erstmals ein gehöriger Gang zugelegt. Mit "Two Faced Woman" startete auch die zweite Seite des Vinyls bluesrockiger und zupackender. Und in der Schnittmenge dieser Sounds wird diese durchaus starke Scheibe mit den letzten drei Tracks dann beendet, wobei "Let The Light Shine On Me" durchaus gospelgetränkte Züge aufweist. Super.
Als Bonus zu den beiden Alben wurde hier die 1971 erschienene Single "And Our Love" b/w "Stone" hinzugefügt. Wobei speziell das erstgenannte Stück die Gratwanderung schafft, sich einerseits wie ein Ohrwurm gar nicht mehr aus dem Kurzzeitgedächtnis des Hörers verabschieden zu wollen und sich andererseits weit entfernt von den kommerziellem Sounds der damaligen Zeit zu befinden. Bei dem Blues Rock-Stampfer "Stone" geht es dann nochmal ein gutes Stück ruppiger, oder besser gesagt beherzter, zur Sache.
Die Single lief aber dann doch zumindest so gut, dass die Band nochmal ins Studio durfte, um die zweite Langrille mit dem Namen "In Prison" einzuspielen. Für die Drums konnte – von zwei Songs abgesehen – Curt Cress verpflichtet werden und mit Georg Röber war ein neuer Bassist dabei, während Rainer Marz alle Gitarrenparts übernahm. Jürgen Ermisch steuerte zwar noch zwei Kompositionen bei, war an der Einspielung der Platte aber nicht mehr beteiligt. Stilistisch blieben sich Wyoming auch auf ihrem zweiten Album treu, wenngleich der Sound insgesamter etwas 'abgespeckter' wirkt und die Gitarre etwas stärker in den Vordergrund tritt als noch beim Debüt. Das absolute Herzstück auf "In Prison" ist der über zehnminütige "Indian War Dance", in den sich die Band im Verlauf immer hypnotischer reinsteigert. Und lässt er es zu bzw. sich darauf ein, kann es dem Hörer ebenfalls so ergehen.
Letzten Endes handelt es sich bei den beiden einzigen Alben plus der Single von Wyoming um eine sehr gelungene Wiederveröffentlichung, ganz speziell für Musik-Fans, die auf den Sound der frühen siebziger Jahre stehen. Sämtliche Tracks wurden im Studio von Dieter Dierks aufgenommen, was alleine schon für eine hohe – wenn auch bei vereinzelten Songs gewollt garagenmäßige – Qualität spricht. Würde man dem Rezensenten die Pistole auf die Brust setzen, dann sieht er die erste Platte aufgrund der insgesamt etwas besseren Songs vorne, aber diesbezüglich nehmen sich die beiden Alben nicht viel. Tipp!
Line-up Wyoming:
Pete 'Wyoming' Bender (piano, organ, mellotron, synthesizer, spinet, harmonica, mouthdrum, lead vocals)
Rainer Marz (lead & rhythm guitars – #1-21, bass & percussion & background vocals – #1-11)
Jürgen Ermisch (guitars, clavinet, percussion, background vocals – #1-11)
Georg Röber (bass – #12-21)
Bernd Billhardt (drums – #1-11)
Curt Cress (drums & percussion – #12-18,21)
Michael Hauke (drums & percussion – #19,20)
Tracklist "Wyoming" (1-9) & "In Prison" (12-21):
- September Day
- Saying Things
- Can’t Go Wrong
- I’m Weeping
- Seven Days
- Two Faced Woman
- Livin' In Sorrow
- Let The Light Shine On Me
- Who Turned The Light On
- And Our Love (single a-side, 1971)
- Stone (single b-side, 1971)
- USA Seventy Two
- Known By All
- Restless Man Intro
- Restless Man
- Sunshine Peace Time
- I’m A Roller
- I’ll Be Back
- This Is My Song
- Indian War Dance
- Looking Out
Gesamtspielzeit: 79:07, Erscheinungsjahr: 2025 (1971, 1972)



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