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Yerûselem / The Sublime – CD-Review

Yerûselem / The Sublime

Ein gespenstisch mechanischer Atem dringt ans Ohr, irgendwie metallen und künstlich. Ein scheinbar schlafender Riese jenseits allen humanoiden Daseins empfängt uns mit seinem stoisch ruhigen Atmungszyklus düster und bedrohlich zu einer Reise in die versteckten Untiefen der menschlichen Seele – oder einer Welt, die den meisten von uns bislang womöglich verborgen geblieben ist. Mit dieser Grundstimmung begrüßt uns "The Sublime", von Yerûselem im Titelsong. Nur um sogleich in einer Eskalation aus vielschichtig aufgetürmten Bausteinen zwischen metallenem Post Rock und industriellen Sounds mit flehend verzweifelten Gesängen auf Basis alter Gesangsstrukturen der New Wave-Bewegung der Achtziger einen Parforceritt einzuleiten, der weder Gnade noch ausgeprägte Songstrukturen kennt.

Klingt irgendwie nicht ganz leicht verdaulich. Nein, Yerûselem werden es uns nicht leicht machen, in das Herz des neuen Werks "The Sublime" (zu deutsch: "Das Erhabene") einzudringen – ein versteinertes Herz im inneren Klappcover symbolisiert dies übrigens sehr gut. Es ist der Erstling unter dem Namen dieser Formation. Doch dahinter steckt ganz viel Geschichte und Entwicklung.

Blut Aus Nord war eine fast schon legendäre Metal-Band aus Frankreich. Schon damals hatte Mastermind Vindsval Visionen von Musik, die die Ketten eng umrissener Schubladendenker mit Freuden sprengte. Unerfahren in diesem Segment musste ich erst einmal dem Beilagematerial folgen und die ausgewiesenen Wurzeln erforschen, um mich dem vorliegenden Werk nähern zu können. Ich erfuhr, dass die Trilogie "777" einst den Meilenstein von Blut Aus Nord bildete. Und tatsächlich, wer sich mit dem letzten Teil dieses Werks, "Cosmosophy" betitelt, intensiver auseinander setzt, der bekommt eine Ahnung, was Yerûselem im Sinn haben. Denn die Schöpfer der anfangs im Black Metal gestarteten Blut Aus Nord, eben die Herren Vindsval und W.D. Feld, waren schon damals die treibenden Kräfte und haben nun dieses hier vorliegende Album ganz allein ersonnen und eingespielt. Wenn man erkennt, wie damals auf dem Weg zu "Cosmosophy" der ursprüngliche Metal-Aspekt immer mehr einem metallenen Postrock artigen, mitunter fast ambient industriellen Einfluss wich, dann versteht man die Entwicklung hin zum neuen Projekt. Diese genetische Verwandtschaft ist mehr als deutlich erkennbar.

Differenzierte Songstrukturen liegen keinesfalls im Sinn der Komponisten, hier geht es vor allem darum, einen Soundkosmos zu erschaffen, der die eigene Seele widerspiegelt, fern aller Konventionen. Ein Mosaik-Stein reiht sich an den anderen und ergibt ein Ganzes. In diesem Fall kein sonderlich Buntes. "The Sublime" ist ein zutiefst persönliches Album und vielleicht ist das der Grund, warum es mich von Anfang an so sehr gefesselt hat, obwohl ich in dieser Art von Musik eher ein Fremder bin.

Auf fast schon apokalyptischen, computergenerierten und Rhythmus erzeugenden, eher träge dahin treibenden Beats schichten sich Gitarrenläufe in repetitiven Zyklen und monotonen, schrägen Harmonien, die immer wieder Anleihen aus der einen oder anderen Klanggestaltung des klassischen New Waves der Achtziger Jahre bemühen. Die Gesänge liegen dabei derart weit im Hintergrund, dass sie nur noch rudimentär verständlich sind und mit den bombastisch aufschäumenden Soundwänden verschmelzen. Die Gitarre bedient exzessiv teamfähig einzig und allein das Konzept, sie kreiselt, wiederholt, kursiert, ohne sich auch nur annähernd in den Vordergrund zu stellen.

Klassische Soli gibt es quasi nicht. Und der Gitarrensound kommt verhältnismäßig klar und rein rüber, es gibt wenig Verzerrungen im Klangspektrum, während sich die schlagorientierten Soundbemühungen in fast mathematischer Reinheit ihren Gesetzmäßigkeiten ergeben – so als wollten sie bis ans Ende der Tage ihren eigentümlich gleichförmigen Rhythmus voran treiben. Nur in "Triiiunity" bricht der Bass aus dem rhythmischen Warp-Antrieb aus und dominiert mit krachend knarzenden Dauer-Einschlägen wie in einem bösartigen Meteoriten-Regen – ein klein wenig hinüber transferiert auch in den Nachfolgesong "Babel". 'Der Bass ist der Sex.'

Wer gute Gothic-Songs aus der alten Zeit mit ähnlich beeindruckenden Bass-Einschlägen recherchieren möchte, sollte unbedingt einmal nach "Raymond" von Turkey Bones & The Wild Dogs googeln, diesen einzigartig destruktiven Song mit einer Handlung analog zu Jimis "Hey Joe".
Und noch eine Quelle, die zeigt, wie sich der Charakter von Yerûselem quasi schon aus den Tagen des New Wave definiert: The Gang Of Four und ihr "To Hell With Poverty". Nein, die eigene Metal-Vergangenheit wird im Prinzip gar nicht mehr bedient.

Die Struktur der Songs geht unter im Gesamtkonzept des Albums, das weitgehend in tiefen und kalten, sorgsam organisierten eisernen Hooks einem tranceartigen Pfad folgt. Einer Reise in ein Vortex, wo jeder für sich entscheiden muss, wie weit er sich auf diese spannende Reise einlassen mag. Das ganze Album weckt in mir immer wieder Assoziationen an meine Heimat, Duisburg, die einstige Stahlstadt Europas. Besucher und Interessenten mögen sich einmal den Landschaftspark Nord anschauen. Rostige Stahlgerüste, düstere Türme und undurchschaubare Aufbauten. Ein zum Lebewesen mutiertes, stählernes Monster, irgendwo mäandernd zwischen Traum und Tod. "The Sublime" erscheint ein Stück weit wie eine Parabel darauf: Die Erweckung eines Stahlwerks in Duisburg-Meiderich zu eigenem Leben. Eisernes Gerüst, eiskalt metallene Körper und gleichzeitig rot glühende, Lava ähnliche Ströme, die unter Menschenhand ihren Weg durch Maschinen und Werkstatt-Szenerien finden. So wie sich die vielschichtigen, kühl klaren Klanglandschaften mit ausbrechenden, aber ihren originären Regeln gehorchenden Eruptionen zu einem plausiblen Ganzen zusammen fügen. Archaisch, entschleunigt, manchmal bedrohlich und gefährlich.

Ich weiß nicht, welchen Gedanken Vindsval bei seinen Kompositionen nachgehangen mag, bei mir kommen diese Bilder immer wieder ins Bewusstsein, je öfter ich die Platte abspiele.

Hinreißend illustriert wird das Album durch die geniale Cover-Art, sowie auf der Außenhülle als auch in der Innengestaltung. Diese wunderschön in schwarz-weiß gehaltene Metapher mit dem riesigen Pferd und dem kleinen Menschling, der zuerst dem großen, mächtigen und kraftstrotzenden Wesen huldigt und dann im Inlet auf seinem Kadaver sitzend in eine transzendentale Weite hinein meditiert. Ich frage mich, warum 'düster' ein grundsätzlich negativ belegtes Adjektiv ist. Da geht es einher mit bedrohlich, gefährlich, unergründlich. In der Kultur erweckt 'düster' seltsamerweise oft eigenwillig, positiv gruselige Empfindungen, etwa wenn wir uns Filme wie "Sieben" anschauen. Bestialische Morde und ein Film, in dem die sicher sympathischste Figur am Ende mit dem Kopf in einem Karton endet. Ist es am Ende die Beziehung des Menschen zum Tod, die uns ab und an (und natürlich nur in der Kunst) in derart dunklen Szenarien einen solch seltsam, wohligen Schauer vermittelt? Weil der Tod, das ultimative Tabu in unserem Leben hier irgendwie greifbar wird? Der heimliche Wunsch, den Tod zu verstehen und zu akzeptieren?
Keine Ahnung, ich bin kein Psychologe und meine Nachbarin, die damit Geld ihr verdient hat, kann ich nicht mehr fragen. Sie ist leider weggezogen.

Wenn uns "Das Erhabene" am Ende mit "Textures Of Silence" in einer einzigartig meditativen, nach all dem Gehörten erstaunlich sanftmütigen Gitarrenreflexion in ein sich auflösendes Universum entlässt, dann spüre ich vermehrt eine seit mehr als einer halben Stunde andauernde Gänsehaut. Es gibt verschiedene Wege, um emotional berührt zu werden. Die Musik von Yerûselem hat dies bei mir geschafft. Man muss sich allerdings einlassen auf diesen Kosmos aus mechanisch kühlen, mitunter schräg markanten und provozierenden Soundschleifen, die irgendwie wieder und wieder geboren zu werden scheinen.

Ja, ich bin musikalisch eigentlich völlig anders konditioniert. Da sprühen normalerweise die Soli und lassen die Emotionen kochen. Aber Schönheit braucht keinen Wohlklang und keinen Narzismus, auch 'düster' kann sehr, sehr schön sein.


Line-up Yerûselem:

Vindsval (guitar, bass, voice, synth)
W.D. Feld (industrial pulse, synth)

Tracklist "The Sublime":

  1. The Sublime
  2. Autoimmunity
  3. Eternal
  4. Sound Over Matter
  5. Joyless
  6. Triiiunity
  7. Babel
  8. Reverso
  9. Textures Of Silence

Gesamtspielzeit: 36:33, Erscheinungsjahr: 2019

Über den Autor

Michael Breuer

Hauptgenres: Gov´t Mule bzw. Jam Rock, Stoner und Psychedelic, manchmal Prog, gerne Blues oder Fusion

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