Wie ich bereits in einem früheren Review mal schrieb, hängt dem guten Neil Diamond immer noch der Ruf eines (amerikanischen) Schlager-Fuzzis nach, der eher belächelt wird. Völlig zu Unrecht, wenn ihr mich fragt. Denn obwohl der Mann in seiner über vierzig Jahre lang dauernden Karriere auch mal Sachen gemacht hat, die nicht ganz so prickelnd waren, so stehen dem bärenstarke Songs wie etwa "I Am … I Said", "Cracklin' Rosie", "Red, Red Wine", "Solitary Man", "Beautiful Noise" oder auch "Forever In Blue Jeans" gegenüber, die nicht nur durch sehr cleveres Songwriting glänzen, sondern auch über richtig gute, tiefgehende Texte verfügen.
Wobei die eben genannten Tracks gerade mal die Spitze des Eisbergs darstellen. Irgendwann Anfang der Zweitausender kam der Kontakt mit dem Produzenten Rick Rubin zustande, der Johnny Cash mit den American Recordings-Alben wieder aus der Versenkung und zudem großen Erfolg geführt hatte. Aufgrund der so einzigartigen und wiedererkennbaren Stimme des Artisten wollte Rubin unbedingt auch mit Diamond zusammenarbeiten.
Das erste Werk dieser Zusammenarbeit trug den Namen "12 Songs" und erschien 2005, gefolgt von dem zweiten Album "Home Before Dark" aus dem Jahr 2008. Sowohl das Songwriting Diamonds als auch die Kreativität im Studio während der Aufnahmen der letztgenannten Scheibe waren so ergiebig, dass nun vor wenigen Wochen die Platte "Wild At Heart" mit Stücken auf den Markt gekommen ist, die von den Sessions zu "Home Before Dark" übrig geblieben waren. Wer hier nun eine Reste-Verwertung des seit Jahren gesundheitlich stark angeschlagenen Neil vermutet, der kann falscher nicht liegen. Vielmehr präsentieren auch diese zehn ’neuen' Tracks die ganze Klasse des Amerikaners. Und das in dem bereits erwähnten Minimal-Stil, sprich mit sehr sparsamer Begleitung oder, wenn man so will, sehr sparsamen Arrangements versehen. Was dafür aber den sowieso immer schon sehr herausstechenden Gesang noch mal ein Stückchen mehr in den Fokus bringt. Das Ergebnis ist schlicht und ergreifend ein herrliches, leider etwas zu kurz geratenes Album.
Mit den Studio-Assen Mike Campbell (guitars) und Benmont Tench an den Tasten (beide Tom Petty & The Heartbreakers) hatte Neil Diamond prominente Unterstützung an seiner Seite, die sich jedoch erfrischend cool zurückhielt. Stramme achtzehn Jahre lagen diese Tracks im Keller der Plattenfirma und sammelten Staub an. Stücke, für die so mancher Songwriter sonst was geben würde, wäre er in der Lage, sie komponiert zu haben. "You Never Know" kommt beispielsweise so beschwingt und dennoch tiefgründig daher, dass man zunächst gar nicht weiß, wo man es hin stecken soll. "You Still Look Good To Me" ist eine wunderschöne Liebeserklärung eines in die Jahre gekommenen Mannes an seine Liebste, die mit dem Älterwerden bzw. dem Verlust der Schönheit nicht ganz so gut klar kommt. "You’re My Favorite Song", mit lockerer Akustik-Gitarre, minimaler Percussion und Keyboards ist ebenfalls ein Favorit und fällt in die selbe Kategorie wie die davor beschriebene Nummer.
Selbstreflexion mit dem Vorteil von eingekehrter Altersweisheit ist das Thema des Titeltracks, bei dem der Musiker nicht unbedingt schonend mit sich selbst ins Gericht geht. "You Can’t Have It All" und als Abschluss das Gänsehaut erzeugende "Forgotten", auf dieser Scheibe reiht sich eine Perle an die nächste. Wohl dem, der es sich leisten kann, solch starkes Material ein gefühlte Ewigkeit in der Schublade vor sich hin vegetieren zu lassen. Der Rezensent ist jedenfalls total geflasht von diesen zehn Songs, die – wenn man die Nadel im Heuhaufen unbedingt finden will – mit knapp über einer halben Stunde Spielzeit leider viel zu kurz ausgefallen sind. Grund genug, auch die bereits erwähnten Vorgänger "12 Songs" und "Home Before Dark" unbedingt mal anzuchecken. Bei dem hier vorgestellten Material gibt es jedenfalls keinen Ausfall, noch nicht einmal einen Durchhänger, zu bemängeln. Große Klasse!
Line-up Neil Diamond:
Neil Diamond (acoustic guitars, vocals)
Mike Campbell (guitars)
Smokey Hormel (guitars, baritone guitar)
Benmont Tench (keyboards)
Matt Sweeney (guitars)
Tracklist "Wild At Heart":
- Wild At Heart
- You Can’t Have It All
- Talking It To Death
- Shine On
- The Secret You
- You Never Know
- You’re Getting To Me
- You Still Look Good To Me
- You’re My Favorite Song
- Forgotten
Gesamtspielzeit: 32:17, Erscheinungsjahr: 2026



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