Alter Schwede, was für eine Mischung, die uns Udo Erdenreich, seines Zeichens Künstler für Theater-, Film- und Avantgardemusik, mit "Dawa Ya Moto – Retrospect Two" hier vor den Latz knallt. Einfach macht es der in Berlin lebende und – laut Info – ehemalige Punkpapst aus Neuburg/Donau den Hörern nicht.
Meine musikalischen Berührungspunkte mit dem Künstler sind Konstellationen wie Tura Ya Moya, Ziguri und ein Album mit dem leider im Dezember 2025 verstorbenen Musiker Günter Schickert. Vorliegendes Album ist auch ein Andenken an Günther sowie an einen weiteren Weggefährten Udos: Guido 'Spoon' Schöpper. Letzterer war bei den Projekten Hagel Forte Plus und Genreal Klickman And The Supremes im Bandgefüge.
Schaut man sich die Namen der Tracks, die die Zeitspanne von 1981 bis 2023 behandeln, sowie die Bandnamen an, kann man bereits ahnen, dass da ein musikalisches Potpourri wartet, dass nicht von der Stange ist. Dada siegt zum Beispiel lässt bei jemanden wie mir die 'Alarmglocken' bimmeln, denn wenn man keine zehn Kilometer vom Geburtstort Hugo Balls, einem der Gründer der Dada-Bewegung, entfernt wohnt, kann man mit der Aussage, dass Udo Erdenreich unter anderem für seine dadaistischexpressionistischen Klangwelten bekannt ist, schon mal einiges anfangen.
Um noch kurz bei Dada siegt zu bleiben: Im Booklet gibt es ein paar Infos zu den Gruppierungen des Samplers und bei Dada siegt erfahren wir, dass Udo die Drehleier (Hurdy Gurdy) bedient, Andrew Chudy für die Atmosphäre sorgte und ansonsten noch unbekannte Fledermäuse und Elefanten mit am Sound beteiligt waren. Des Weiteren ist unter dem Bandeintrag ein Aphorismus des französischen Wegbereiters des Dadaismus und des Surrealismus, Francis-Marie Martinez Picabiam, das mit wenigen Worten so einiges auf den Punkt bringt: »Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann«. Ist das nicht eine geniale Aussage?
Auch der Titel der vorliegenden Scheibe "Dawa Ya Moto" hat einen tieferen Sinn, denn dieses suahelische Sprichwort, so eine KI-Info, bedeutet 'Die Medizin für Feuer ist Feuer'. Also' Feuer mit Feuer bekämpfen, wie man bei uns so sagt.
In den Infos zum Album wird von einer abgedrehten Reise durch den experimentellen Kosmos des Musikers gesprochen, von einer »wahren Feuermedizin für Musikerherzen abseits des Mainstreams«. Man glaubt es gerne, denn im Review zum ersten Teil, Tai Chi Tu – Retrospective One, beendete Kollege Markus seine Kritik wie folgt: »Man braucht ganz sicher ein gewisses Maß an offenen Ohren, einen offenen Geist und den Willen, auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus blicken zu können, um diese Scheibe ins Herz zu schließen. Denn wenn sie eines nicht ist, dann konventionell, eingängig oder gar mit Hit-Songs versehen. Die Abenteurer und Entdecker unter den Musik-Fans werden dagegen ihre helle Freude an "Tai Chi Tu…" haben, da hier so einiges schlummert, das für echte Überraschungen sorgt.«
Und genau das trifft auch auf "Dawa Ya Moto" zu. Unverdächtig und hypnotisch treibend geht es mit Ziguris "Le Grand Wawoo" los. Das tribal wirkende Schlagzeug, die cineastischen Syntie-Eruptionen, die gehauchten weiblichen Vocals und Stimmfetzen entwickeln sich zu einem psychedelischen Trance Rock der Spitzenklasse. Dazu brabbelt der Bass und es entsteht eine Stimmung, der man eine hypnotische Wirkung nicht absprechen kann. Das alles ist wie ein wilder Ritt durch eine nicht irdische Fantasiewelt. Das ist Filmmusik, wie sie besser kaum sein kann Von Ziguri sind noch drei weitere Stücke auf der CD und mit "Apokalypse" geht es ebenfalls flott und rhythmisch zur Sache, ohne jedoch diese cineastische Wirkung zu erreichen. "Schlingenwahn" beginnt mit mystisch wirkender Elektronik und wieder starkem Schlagwerk. Der Gesang würde zeitlich wohl ans Ende der NDW passen, beinhaltet aber eine gehörige Portion Underground, rollt textlich auf den 'Höhepunkt' »Schneemann« zu und peitscht ansonsten fast tranceartig durch den Äther, während irgendwo eine Trompete (nehme ich zumindest an) quäkt. Wahrlich, das ist in der Tat kein Mainstream. Auch bei der letzten Ziguri-Nummer, "Hymn Of Yoyodyne" gibt es mit der Jaw Harp ein Instrument, dass bei Ziguri-Tracks meistens zu hören ist. Neben dieser Maultrommel fällt hier ein irisch wirkendender Einschlag auf. Dieser Einschlag kann aber auch aus dem Norden Frankreichs stammen, da beide Gegenden keltisches Erbgut verbindet.
Hagel Forte Plus hat andere Gene, ist wilder und härter und poltert mit Verve im Punk’n’Roll-Stil nach vorne. Angenehm die Gitarre und das tolle Gebläse zum rauen Gesang in "Sins In The City". Auch "Stolpern" hat diesen rohen und undergroundmäßigen Sound, wird hauptsächlich von den Fellen und dicken Saiten getragen und wenn der Sechssaiter auch etwas zurückgenommen wirkt, so zieht er doch seine Spur, was ab und an wirkt, als ob eine Fliege um einen Schiffsdiesel kreist. Dazu gibt es ein paar backing Doo Doos, wie man sie aus den Songs der Sechziger Jahre kennt.
Die Formation Tura Ya Moya (TYM) läuft allgemein unter World und "Dr. Schein And Dr. Sinn" wirkt auch gleich wie eine Art Weltmusik in einem wirren Zirkusrund. Die Maultrommel ist auch hier wieder da, während der Text zeigt, dass der Protagonist ein Fan von Lautgedichten ist. In dänischer Sprache geht es in "Havnfrue" gesanglich zu und die Art und Weise, wie der Gesang der 'Meerjungfrau' dargeboten wird, lassen das Dänisch klingen, als sei diese Sprache von Dadaisten erfunden worden. Es wird zur deutschen Sprache gewechselt und wenn im Text unter anderem von Gott und 27 Kellerasseln gesprochen wird, ist man erst einmal perplex – bis man realisiert, wer hier Musik macht und mit breitem Grinsen schenkt man den wirren Sprachfetzen aufmerksam Gehör. Der "Lonely Angel" bewegt sich im äußerst rhythmischen Underground und in elektronisch kakophonischem Umfeld mäandert die Maultrommel hin und her. "Lolop" zeigt wieder weltmusikalische Züge und durch die altfranzösische Sprache klingt die Musik, auch in Verbindung des eingesetzten Instrumentariums wie aus einer anderen Zeit. Es tauchen kindlich wirkende Stimmen auf und irgendwie wähnt man sich zurückversetzt ins Mittelalter. Auch im "Traum ohne Bilder" ist die Sprache dänisch und die Ruhe in diesem Stück lässt es wie einen zeremoniellen Vortrag wirken. Der Titel des Liedes wirft außerdem des Hörers Denkapparat an: Ist es möglich, ohne Bilder zu träumen und wie kommt man auf so eine Idee?
Mein Favorit kommt von PZL (Die Passagiere im Zwischendeck) und nennt sich "Die Wanderniere". Dieses Organ wandert musikalisch durch eine minimalistische Welt und kurz gesagt, ist das ein Song, der mit Sicherheit in feuchtfröhlicher Runde beim Mitsingen Spaß ohne Ende bereitet und allen herunterhängenden Mundwinkeln das Naturgesetz der Gravitation entzieht, Alter Schwede – »Holleri Holleri Hollereiaheiro«. "Hari Parbat" kommt psychedelisch krautig daher und ich denke dass sich der Name des Stückes auf den heiligen Hügel in Indien bezieht, denn unverkennbar wohnt der Nummer der Duft dieser Gegend inne.
Von Dada siegt, Sperrfeuer und General Klickman gibt es jeweils nur einen Track auf dem Sampler. Sperrfeuer ist eine Liveaufnahme aus dem Jahr 1981 und lässt sich als wilden Punk beschreiben. Soweit ich den Text verstehe, bestätigt er meine Vermutung, dass mit "Bild" nicht etwas Gerahmtes an der Wand gemeint ist. Bei "Shave It", ebenfalls eine Liveaufnahme, kann ich nicht erkennen um was es geht und musikalisch ist das ziemlich abgefahren. Nicht minder abgefahren ist das Treffen von Fledermäusen und Elefanten …
Vielleicht wären ein paar ausführliche Infos im Booklet zu den Nummern hilfreich, wobei ich allerdings auch denke, dass das dem Gedanken dieser Musikkollektion widersprechen könnte. Traditionelle Ausdrucksformen sind eher nicht so das Ding der Dadaismus-Freunde und scheinbarer Nonsens und Unkonventionelles wohl eher das Gebot ihrer Stunden.
Klanglich hat EROC wie immer sehr gute Arbeit geleistet und seine Worte zum Album unterschreibe ich gerne: »Das hat echt großen Spaß gemacht, dieses treffliche Füllhorn an musikalischen Auswüchsen so hintereinander zu hören. Wirklich eine bunte, bemerkenswerte Kollektion!«.
In der Tat …
Tracklist "Dawa Ya Moto – Retrospect Two":
- Ziguri – Le Grand Wawoo (1996/2023) 8:22
- Hagel Forte Plus – Sins In The City (2008) 3:32
- TYM – Dr. Schein And Dr. Sinn (2005) 4:01
- Ziguri – Die Apokalypse (1993) 6:15
- TYM – Havnfrue (2021) 5:11
- Ziguri – Schlingwahn (1987) 4:48
- Hagel Forte Plus – Stolpern (2008) 4:58
- PZL – Die Wanderniere (1983) 2:33
- TYM – Lonely Angel (2021) 4:41
- Dada siegt – Bat Meets Elephant (2003) 3:50
- Ziguri – Hymn Of Yoyodyne (1987) 2:37
- Sperrfeuer – Bild (Live 1981) 2:10
- TYM – Lolop (2005) 4:17
- PZL – Hari Parbat (2017) 4:00
- TYM – Traum ohne Bilder (2021) 5:11
- General Klickman – Shave it (Iive1994) 10:43
Gesamtspielzeit: 78:30, Erscheinungsjahr: 2026



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