Die Ursprünge der aus Berlin stammenden Band Agitation Free um das einzige Allzeit-Mitglied Lutz 'Lüül' Graf-Ulbrich gehen zurück bis in die sechziger Jahre. Das erste Album unter dem genannten Bandnamen ("Malesch") stammt von 1972. Nur wenige Platten und Jahre danach war der Ofen allerdings erstmal aus. Über die Jahrzehnte kam es immer wieder mal zu – meist relativ kurzlebigen – Reunionen. Keine davon lief jedoch so überzeugend und vielleicht auch von den Medien beachtet ab wie die zu Anfang dieses Jahrzehnts, die unter anderem das großartige Studioalbum Momentum (2023) mit sich brachte. Von dessen Line-up sind mit 'Lüül', Burghard Rausch (seit 1971 dabei) sowie Daniel Cordes (seit 2013 am Bass) immerhin noch drei Musiker am Start. Der gute Gustl Lütjens ist mittlerweile verstorben, für ihn ist nun Axel Heihecker an der zweiten Gitarre und an den Tasten hat Tim Sund (auch Green Desert Tree) das Krautrock-Ur-Gestein Michael Hoenig ersetzt. Zumindest auf dieser neuen Live-Platte.
"Live In Berlin" wurde am 1. Dezember 2025 bei dem Konzert im Berliner Kesselhaus mitgeschnitten und enthält zehn Tracks mit einer stolzen Spielzeit von fast 72 Minuten. Eher weniger verwundern dürfte, dass die Setlist mit sechs der zehn Nummern doch recht "Momentum"-lastig ausgefallen ist. Schließlich will auch das neue Material den Fans live auf der Bühne zugänglich gemacht werden. Und zu verstecken brauchen sich diese Stücke erst recht nicht, selbst verglichen mit der legendären Vergangenheit der Band. Und bereits das eröffnende "Nouveau Son" setzt hier gleich mal ein Statement für den aktuellen Sound der Band. Ein tolles, plakatives Gitarren-Lick und die sich darum entwickelnden, auf- und abebbenden Parts und Instrumentierungen ziehen die Aufmerksamkeit des Hörers fast schon magnetisch auf sich. Stilistisch hat die Band nach wie vor diese einnehmende Mischung aus Rock, Jazz und Ethno bzw. World Music am Start, die erst gar keine Langeweile aufkommen lässt.
Aber das Quintett tauchte auch nochmal tief in die eigene Vergangenheit ein und brachte "You Play For Us Today" von seiner Debütplatte "Maleseh". Ein so abwechslungsreiches wie mysteriöses Stück, das durch eine dichte Atmosphäre und fremdartige Sounds glänzt. Eingebettet in ein Rock-Korsett, während dem auch "Purple Haze" von Jimi Hendrix zitiert wird. Ganz stark! Bei dem zweiten Stück von "Malesch" handelt es sich mit 3:40 Minuten Laufzeit um die kürzeste Nummer dieser Live-Platte. Auch hier wieder eine dichte Atmosphäre, die Gitarre baut den Song langsam auf, bis schließlich die komplette Band einsteigt. Von der Scheibe "2nd" (1973) ist immerhin noch "Laila" am Start, das immer schon einer der Lieblingssongs des Rezensenten war und ist. Wunderschöne verspielte Melodien, gepaart mit einem soliden Vorwärts-Drive und zwei sich fast schon duellierende Solo-Gitarren.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass mit "Nomads" auch ein Stück von dem 1999er Album River Of Return enthalten ist, das das Qualitäts-Level der übrigen Stücke locker hält. Letzten Endes geht "Live In Berlin" also als absoluter Gewinner durchs Ziel. Eine Platte, die man sich locker zu (fast) jeder Zeit ganz wunderbar anhören kann und von den vielen guten Melodien, den vielfachen Wendungen und starken Arrangements immer wieder überrascht ist. Somit hat die Scheibe alles, was ein Instrumental-Album benötigt. Bleibt zu hoffen, dass uns Agitation Free noch lange erhalten bleibt.
Line-up Agitation Free:
Axel Heilhecker (lead guitars)
Lutz 'Lüül' Graf-Ulbrich (rhythm guitars)
Tim Sund (keyboards)
Daniel Cordes (electric bass)
Burghard Rausch (drums)
Tracklist "Live In Berlin":
- Nouveau Son
- Lilac
- Nightwatch
- You Play For Us Today
- Nomads
- Laila
- Levant
- Rücksturz
- Shibuya Nights
- InDaJungle
Gesamtspielzeit: 71:38, Erscheinungsjahr: 2026



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