Ist es eine musikalische Zeitreise oder vielmehr ein zeitgemäßes Album mit moderner Prägung aus dem Jahr 2025? Auf "The Revenge Of Alice Cooper" trifft beides zu, das kann man ohne Umschweife sagen. Wenn sich die Mitglieder der Originalband Alice Cooper – Sänger Alice Cooper, Gitarrist Michael Bruce, Bassist Dennis Dunaway und Schlagzeuger Neal Smith – nach 51 Jahren wiedervereinen, um ihr erstes gemeinsames Studioalbum aufzunehmen, dann mag mancher vielleicht vermuten, es handelt sich um die Neuaufnahme vergangener Hits. Doch Fehlanzeige, tatsächlich geht es hier um die Veröffentlichung neuer Lieder, wobei posthum dem 1997 im Alter von 49 Jahren verstorbenen Ex-Mitglied Glen Buxton gedacht wird. "What Happened To You" enthält als Ausgangsmaterial ein Riff, das einst Dunaway und Buxton gemeinsam auf einem Demotape festgehalten hatten. Der Name Glen Buxton taucht schließlich auf dem CD-Cover auf, mit dem Zusatz: »And Featuring A Special Appearance by Glen Buxton.« In deutscher Übersetzung: »Und mit einem besonderen Auftritt von Glen Buxton.« Damit geht der Name des früheren Gitarristen weit über eine Fußnote hinaus.
"What Happened To You" ist eine mitreißende Nummer, die den Eindruck vermittelt, als hätten die Musiker von Alice Cooper seinerzeit den Rock’n’Roll neu erfunden. Spielfreude und Spaß an der Musik werden hier großgeschrieben. Mehr geht nicht. Ein Höhepunkt unter den 14 Tracks, wenn nicht sogar der Favorit. Mit einer Spieldauer von vier Minuten liegt das Lied genau im Durchschnitt aller Lieder. Nur "Blood On The Sun" ragt mit 6:03 Minuten ein wenig heraus. Dieses Stück überzeugt mit einer exzellenten Darbietung von Gitarrist Michael Bruce, es geht auch ein wenig in Richtung Prog Rock und überrascht auf diese Weise.
"The Revenge Of Alice Cooper" ist purer Rock’n’Roll, wenn man die Gesamtheit aller 14 Lieder zugrunde legt und nach einem übereinstimmenden Merkmal sucht. Das Album ist beileibe kein Solowerk des Sängers, da die Instrumentalisten in Bestform agieren. Vielmehr hat es den Anschein, als hätten die Musiker ihre Instrumente gar nicht erst aus der Hand gelegt. An den Reglern zauberte einmal mehr Bob Ezrin. Wer sonst, darf man zu Recht fragen. Der Erfolgsproduzent (Deep Purple, Kiss, Peter Gabriel, Pink Floyd) hatte bereits 1971 an "Killers", 1972 an "School’s Out" und 1973 an Billion Dollar Babies mit der Band gearbeitet und anschließend zahlreiche Soloalben von Alice Cooper produziert. Es ist das hervorstechende Merkmal des Albums. Der kanadische Plattenproduzent und Musiker ist Erfolgsgarant und die Zusammenarbeit zwischen ihm und Alice Cooper kennt wohl nichts Vergleichbares im Bereich der Rockmusik.
Abgebildet auf dem Albumcover sind die vier verbliebenen Bandmitglieder und bei Alice Cooper ist alles so, wie es sich bei ihm seit mehreren Jahrzehnten für Fans, aber auch für neutrale Beobachter darstellt. Hier macht es keinen Unterschied, ob es sich um das neue Album der Alice Cooper-Urbesetzung handelt oder ob Alice Cooper – bürgerlich Vincent Damon Furnier – mit seiner aktuellen Begleitformation unterwegs ist, egal ob im Studio oder bei einem der vielen überzeugenden Konzerte. Dazu gehören beispielsweise der Auftritt zum Open Air auf der Waldbühne in Northeim am 22. Juni 2024 oder das Konzert zum 60-jährigen Bühnenjubiläum der Scorpions am 5. Juli 2025 in Hannover.
Vor allem bietet die nostalgische Bestandsaufnahme mit "The Revenge Of Alice Cooper" die Gelegenheit, noch einmal auszurufen, dass der Name der 1968 gegründeten Band Alice Cooper war. Erst nach Auflösung der Formation 1974 übernahm der spätere Solist den Namen und tritt seitdem unter dieser Bezeichnung als Kunstfigur auf. Gewissermaßen übernahm er damit das genetische Erbe der Band. Die meisten Fans, so hat es zumindest den Anschein, unterscheiden schon gar nicht mehr zwischen Kunstfigur und der eigentlichen Person des Künstlers. Das mag gut und gern daran liegen, dass Alice Cooper seine Auftritte sehr authentisch gestaltet. Das Image des Schock-Rockers legt der inzwischen 77-Jährige nicht mehr ab, mag er noch so seriös wirken. Wobei ein bisschen Schock in den Konzerten geblieben ist. Ebenso ließe sich ein Alice Cooper niemals kopieren.
Vergleiche sind dazu angetan, das Album "The Revenge Of Alice Cooper" im Kontext mit anderen Produktionen einzuordnen. Es reiht sich nahtlos in die jüngeren Solo-Werke wie das Studioalbum Road und die EP Breadcrumbs ein. Die Produktion holt Songs mit dem Charakter der 1970er Jahre ins Hier und Jetzt. Genau dazu passen die Worte von Alice Cooper, der gegenüber dem US-Entertainment-Magazin Billboard über die Zusammenarbeit mit seinen alten Bandkollegen sagte: »Es fühlte sich sehr so an, als wäre das einfach unser nächstes Album nach 'Muscle Of Love' von 1973 – so nach dem Motto: 'Okay, das ist das nächste Album.' Lustig, oder? Nach 50 Jahren fügt sich plötzlich alles wie von selbst zusammen.«
Produzent Ezrin erklärte zum Entstehungsprozess des Albums: »Keiner von ihnen hat sich als Mensch wirklich verändert. Natürlich sind alle älter, reifer und gesetzter, aber wenn wir zusammenkommen und ich sehe, wie sie miteinander umgehen, ist es, als wären sie gerade aus der Highschool gekommen und würden im Stammcafé abhängen. Sie verfallen einfach wieder in ihre alten Rollen. Sie sind dann wieder die Jugendlichen von damals … und machen Musik miteinander wie vor über 50 Jahren.«
Altersbedingte Zurückhaltung hören wir bei diesen Vollblutmusikern nicht heraus, das ist völlig klar. Im Gegenteil. Das Werk bereitet einfach nur Freude und darf mit gutem Gewissen als Geniestreich eingeordnet werden.
Line-up Alice Cooper:
Alice Cooper (vocals, backing vocals, harp – #11,13)
Michael Bruce (guitar, keyboard, backing vocals)
Dennis Dunaway (bass, backing vocals)
Neal Smith (drums, backing vocals)
With
Robby Krieger (guitar – #1)
Glen Buxton (guitar – #12)
Steve Potts (guitar – #8, backing vocals – #8)
Conrad Varela (guitar – #8)
Ad Adams (percussion – #8, backing vocals – #8)
Lynn Bruce (bass – #8, backing vocals – #8)
Tom Booth (organ – #8, backing vocals – #8)
Jeff Burkett (backing vocals – #8)
Clark Rigsby (backing vocals – #8)
Ross Harwood (piano – #12)
Rick Tedesco (guitar – #2,3,4,6,7,8,14)
Bob Ezrin (backing vocals – #2-12,14, tambourine – #3,12, organ & synthesizer -#4, percussion -#7)
Gyasi Heus (guitar – #1-14)
Tracklist "The Revenge Of Alice Cooper":
- Black Mamba
- Wild Ones
- Up All Night
- Kill The Flies
- One Night Stand
- Blood On The Sun
- Crap That Gets In The Way Of Your Dreams
- Famous Face
- Money Screams
- What A Syd
- Inter Galactic Vagabond Blues
- What Happened To You
- I Ain’t Done Wrong
- See You On The Other Side
Gesamtspielzeit: 54:15, Erscheinungsjahr: 2025



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