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Anthrax – Konzertbericht, 19.06.2017, Wiesbaden Schlachthof (Halle)

Anthrax Wiesbaden 190617

Knapp 30 Jahre ist es her, dass ich Anthrax das erste Mal gesehen habe. Interessanter Zeitpunkt, sie sich wieder live zu betrachten und auch einen Rückblick / Vergleich zu wagen, was sich seit damals verändert hat und was gleich geblieben ist.
Es war am 14.10.1987 im Eltzer Hof Mainz. Anthrax hatten gerade ihren Durchbruch mit "Among The Living" (in diesem Fall war die dritte Scheibe ein 'make-it') und waren auf ihrer zweiten Europa-Tour. Support waren Testament, die gerade ihr Debüt "The Legacy" veröffentlicht hatten und zum ersten Mal in Europa waren. Frontmann Chuck Billy zeigte sich etwas überrascht über das heftig mitgehende Thrash-Publikum. Ich stellte auch bald fest, dass die erste Reihe kein beschaulicher Ort war und wurde ziemlich gegen die Absperrung gedrückt. Rechts und links von mir zogen die Ordner Fans raus, denen es zu heftig wurde. Auch ich winkte ihnen irgendwann und war froh, dann eine etwas ruhigere Position auf der linken Seite zu haben. Von dort konnte ich zeitweise Anthrax-Sänger Joey Belladonna beobachten, wie er sich Testament betrachtete. Später, bei seinem eigenen Auftritt, zeigte er sich ebenso gutgelaunt und gerne Fratzen machend. (Andrea)

Naja bei mir sind es ’nur' neunundzwanzig Jahre her, nämlich auf dem Monsters Of Rock 1988 in Schweinfurt. Aber auch dort zockten Testament und auch dort waren Anthrax auf dem Zenit ihrer Zeit. Hier wurde noch "Be All, End All" als neuer Song vom demnächst erscheinenden Album angekündigt…Mann, bin ich ein alter Sack, harharhar…gefreut hab ich mich aber nicht weniger wie Andrea über den Besuch von Anthrax in der Hessen-Hauptstadt. (Jens)

Anthrax, Wiesbaden Schlachthof, 19.06.2017

Anthrax, Wiesbaden Schlachthof, 19.06.2017

Nun kommt der Zeitsprung in die Gegenwart. 30 Jahre später, nicht in Mainz, sondern auf der anderen Rheinseite, im Wiesbadener Schlachthof. Der Eintrittspreis wurde dem heutigen Niveau angepasst, was bedeutete: 42 Euro. Shirts gab es für 30 Euro – was mich veranlasste, Scott Ians berühmtes Schild zu zitieren »Not!«
Als wir eintrafen, war die erste Band gerade fertig. Wir fuhren etwas verspätet zuhause los, aufgrund kurzfristig vorbeigekommenen Besuchs. Ein Bekannter, den wir trafen, erklärte uns, wir hätten nichts verpasst. Er meinte auch, sie wäre noch schlechter als die zweite gewesen – und so viel kann ich schon mal schreiben: dann haben wir wirklich nichts versäumt.

Anthrax-Support: The Raven Age

Anthrax-Support: The Raven Age

Denn The Raven Age hatten zwar ganz nette Bühnendeko, kamen auch mit großen Gesten auf die Bühne, doch die Musik (irgendwas in der Richtung Moderner Melodic Metal mit Metalcore-Elementen, allerdings der Aggressivität beraubt) war eher ein laues Lüftchen. Nicht, dass sie nicht spielen konnten, aber irgendwie blieben keine Songs hängen und es trat auch überhaupt nicht Arsch. Dies in Kombination mit der schwach wirkenden Stimme des Sängers war ziemlich unspannend, so dass ich am liebsten gesagt hätte »Könnt ihr nicht leiser spielen, dann kann ich mich wenigstens unterhalten.« Nun, es gab ja noch die Möglichkeit raus zu gehen… Okay, das war jetzt böse und ich gehöre zu denjenigen, die gerne der Vorband eine Chance geben. Aber diese hier überzeugte nicht. Da hilft nicht einmal die Tatsache, dass sie zuletzt mit Iron Maiden unterwegs war, was wiederum wohl daran lag, dass der Gitarrist der Sprössling von Steve Harris ist. Ein berühmter Vater garantiert halt leider noch keine gute Band. Mit dieser Meinung war ich wohl nicht alleine, es war ziemlich leer in der Halle.
Testament damals 1987 war eindeutig besser, eine Vorgruppe von diesem Kaliber hätte ich mir 2017 ebenfalls gewünscht, dann wären auch die 42 Euro mehr gerechtfertigt gewesen. (Andrea)

Anthrax-Support: The Raven Age

Anthrax-Support: The Raven Age

Ja, hier muss ich auch mal wieder motzen. Für so viel Kohle kann man ja wohl ne gescheite Vorband erwarten. Eine hätte ja genügt, aber dann bitte vom Kaliber Anvil oder Sacred Reich. Und da verwette ich meine ganze CD-Sammlung, hier wäre in der Halle die Hölle ausgebrochen, stattdessen kommt da eine solche Schnulli-Band mit auf Tour. Und mir ist es scheißegal, ob hier der Papa Harris heißt, oder ob es der Zögling vom lieben Gott persönlich ist, wenn die Musik, so gut sie auch gezockt ist, stinklangweilig ist und wie aus dem Baukasten klingt, braucht das niemand! Wenn ich schon eine Band erlebe die mit mir gealtert ist, dann will ich nicht irgend eine Nuwasauchimmermeinefrisursitztcore-Truppe vor die Nase gesetzt bekommen, sondern eine, die heutzutage auch immer noch so abgeht wie damals…..und da gibt es noch zuhauf Bands aus den 80ern die da Bock drauf hätten. Siehe Flotsam And Jetsam, so ist die Helikopterplatzfrisurbesitzerfraktion lieber eine qualmen gegangen, inklusive mir.
Ach so, was auch niemand braucht ist Merch, das so abartig teuer ist, dass es mir glatt den Äbbler aus den Griffeln haut. 30 Europadollar???? Ihr habt doch den Abpfiff nicht mitgekriegt, oder???? Hoffentlich bleibt ihr darauf sitzen, obwohl, ein paar Deppen haben es wohl doch gekauft…..oh Mann…. (Jens)

Anthrax: Joey Belladonna mit Mikrofonständer

Anthrax: Joey Belladonna mit Mikrofonständer

Nach gefühlt viel zu langer Umbaupause und mehreren Songs aus der Konserve zur Einstimmung, darunter "The Number Of The Beast" von Maiden, legten dann endlich Anthrax los… und zwar mit "Among The Living". Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war das 1987 genauso… und der zweite Song war ebenfalls "Caught In A Mosh". Das hatte schon etwas von einem Dejá-vu. Dachten vermutlich viele der Anwesenden, die rein optisch so wirkten als hätten sie damals schon Anthrax gehört. Ja, ein recht hoher Altersdurchschnitt (viele Mitt-und Endvierziger, schon zum Altmetal(l) zählend…) in der mittlerweile doch deutlich gefüllteren Halle. Genau diese Zielgruppe durfte sich gleich darauf über "Madhouse" von der "Spreading The Disease" (1985) freuen (tat dies jedoch deutlich ruhiger als 1987), von dem damals der Videoclip gefühlt endlos oft im noch neuen Musik-TV lief. Von derselben Scheibe gab es später zu meiner Freude noch "Medusa".
Das aktuelle Album "For All Kings" (2016) wurde ebenfalls bedacht mit "Breathing Lightning" und "Blood Eagle Wings". Dennoch stammten die meisten Songs vom Klassiker "Among The Living" – was niemanden wirklich verwunderte.

Anthrax: Jonathan Donais

Anthrax: Jonathan Donais

Das 1988er Werk "State Of Euphoria" war vertreten mit "Be All, End All" und dem darauffolgenden Trust-Cover "Anti-Social", bei dem sich sogar ein kleiner Moshpit bildete – aber harmlos gegenüber dem, was in den 80ern abging. Ein zweites Quasi-Cover war das angespielte "March Of The S.O.D." (S.O.D. waren bekanntlich ein Nebenprojekt von Scott Ian, bei dem auch weitere Anthrax-Mitglieder beteiligt waren). Also vieles für die alten Fans. Diese bekamen eine gut aufgelegte, spielfreudige Band, einen immer noch Grimassen schneidenden Joey Belladonna und viele Hits zum Mitsingen, ob das finale "Indians" (leider ohne Federschmuck) oder "Efilnikufesin (N.F.L.)", das wie viele andere Anthrax-Stücke eine tolle Bridge aufweist:
» Wasting your life no future bright / Dancing on your grave
Living like a slave, someone should’ve said…«

Diese Stellen funktionieren immer noch, wirken 2017 fast schon wie eine Zeitreise in die 80er, für einen Moment scheint wieder 1987 zu sein…ich glaube, das ging nicht nur mir so. Und ja, das hat Spaß gemacht. Die Band auf der Bühne schien das genauso zu sehen und lobte das für einen Montagabend doch zahlreich erschienene Publikum, obwohl sie, gerade auf Festivals, schon vor ganz anderen Mengen stand. Ich hatte anfangs befürchtet, es könnte zu leer bleiben und dadurch wenig Stimmung entstehen, doch davon war nichts mehr zu spüren. So wurde es ein gelungener Abend mit ein wenig zurück in die 80er-Gefühl und Songs, die nichts an ihrer Qualität eingebüßt haben. (Andrea)

Anthrax haben in (fast) allen Belangen überzeugt. Das Tröpfchen zum Glück für mich wäre noch "I Am The Law" gewesen. Und wenn der S.O.D.-Song mit Gesang (da hätte ruhig einer der Roadies mal zum Mikro greifen können, wie einst Billy Milano) gewesen wäre, wäre es kaum zum Aushalten gewesen, harhar.


Running Order (laut Schlachthof):

19:00 Uhr Einlass/Abendkasse
19:30 Uhr Null Positiv
ca. 20:20 Uhr The Raven Age
ca. 21:30 Uhr Anthrax

Setlist Anthrax:

Anthrax Setlist

Anthrax Setlist

  • Among The Living
  • Caught In A Mosh
  • Madhouse
  • Fight 'Em 'Til You Can’t
  • Breathing Lightning
  • Efilnikufesin (N.F.L.)
  • Intro To Reality
  • Belly Of The Beast
  • Medusa
  • March Of The S.O.D. (Stormtroopers Of Death Cover)
  • Blood Eagle Wings
  • Be All, End All
  • Antisocial (Trust Cover)
  • Indians

Über den Autor

Die Horgs (Konzertteam)

Gemeinsame (Konzert-)Reviews von Andrea und Jens

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