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Bob Dylan / Konzertbericht, 25.10.2026, Stadthalle, Bremen

Bob Dylan / Konzertbericht, 25.10.2026, Stadthalle, Bremen

Der Schatten einer Kulturlegende durch ein noch älteres Volksfest übertönt

»Ischa Freimaak!«

Die fünfte Jahreszeit der Freien Hansestadt Bremen tobt, dieses Jahr in der 991sten Auflage und als größtes Volksfest im Norden der Republik gepriesen, direkt vor den Toren der markanten Stadthalle gelegen, die sich mittlerweile aus unerfindlichen Gründen ÖVB Arena schimpft und laut Recherche im Netz mit maximal 14000 ZuschauerInnen derzeit auf Rang 8 der kapazitätsstärksten Mehrzweck-/Konzerthallen des Landes rangiert.

Vor der Stadthalle breitet sich die Bürgerweide aus, gemeinhin als riesiger Parkplatz genutzt, jetzt Schauplatz unzähliger bunter und lauter Fahrgeschäfte, diversem Kram zwischen Fische angeln, Schießbuden und stimmgewaltigen LosverkäuferInnen bis hin zu einer schier unübersichtlichen Angebotsmenge für Speis und Trank. Ach ja, die Remmidemmi-Festzelte sollen natürlich nicht unterschlagen werden, schließlich irren im allgemeinen Gewusel nicht wenige Frauen im Dirndl herum, denen dieser Dress mitnichten steht, einschließlich Männern in geradezu lächerlich anmutenden Lederhosen. Ist das Oktoberfest, welches neuerdings im September stattfindet, nicht längst vorbei?

Früher, als es in Köln, Berlin oder Hamburg noch keine Hallen mit dem Fassungsvermögen eines Fußballstadions gab, gastierten konzertante Classic-Rock Weltstars in der Bremer Stadthalle, von AC/DC, über Eric Clapton, Dire Straits bis hin zu Frank Zappa.

Mittlerweile bleibt (fast) nur noch die Schlagernische, den unheiligen Grafen gleich mit eingeschlossen, der gar an zwei Tagen gastieren darf, das Heer der unseligen Comedians, 'Holiday on Ice' und das traditionelle 6-Tage-Rennen (Six-Days), welches aus wirtschaftlichen Gründen inzwischen auf vier Tage zusammengedampft ist.

Vor 28 Jahren, also zu vermeintlich 'besseren' Zeiten, schaute auch ein gewisser Bob Dylan vorbei und stellte Time Out Of Mind vor, ein allgemein von KritikerInnen hoch angesehenes Album. Und jetzt, mitten in die Zeit des Freimarkt-Rummels, gibt es plötzlich doch wieder Weltstar-Glanz in der bescheidenen Beton-Hütte. Der Literaturnobelpreis-Träger von 2016 gibt sich im Rahmen der sogenannten "Lights Of Autumn Tour UK/EU 2026" die Ehre und mobilisiert die in Ehren ergrauten Massen, oder?

Nun ja, die wälzen sich eher durch die Gänge des Jahrmarkts … und dem Künstler eilt nicht unbedingt der Ruf voraus Spektakel anzubieten.

Große Hits zum Mitsingen und -wippen im Programm?
Fehlanzeige, "I Shall Be Released" ganz zum Schluss dürfte wohl noch Dank The Band, Dylans berühmtester Begleitband, die bekannteste Nummer sein.

Show auf der Bühne inklusive guter Verfolgbarkeit Dank entsprechender Videoleinwände?
Komplette Fehlanzeige, schummrige Spelunkenbeleuchtung, ein schwerer dunkler Vorhang im Hintergrund, das ganze Setting würde selbst in einem kleinen Club wie dem ortsansässigen Meisenfrei etwas verloren wirken.

Kommunikation und Interaktion mit dem Publikum?
No way, es ist durchaus bekannt, dass dem Meister außerhalb der Songs kein einziges Wort über die Lippen kommt.

Dann gesellt sich seit einigen Jahren der Aspekt hinzu, dass seine Konzerte komplett Handy-frei sind, selbige gar versiegelt werden müssen, was unter Umständen zu Befürchtungen führen könnte, länger als sonst in der Eingangsschlange stehen zu müssen.

Schlussendlich finden wohl 5000 – 6000 Nerds den Weg durch das Rummel-Getümmel, Parkplätze in der Nähe gibt es natürlich auch keine, und kommen erstaunlich schnell und reibungslos in die Konzertlocation. Dort ist der Merchstand überraschend gut frequentiert und offeriert Preise, die dem Freimarktsniveau zur Ehre gereichen. Kostete das Prä-Konzertbier dort schlappe 4,50 € für 0,25l (also eine Maß für 18 €, Potzblitz, das Oktoberfest als Schnapper!) unterbieten die T-Shirtpreise AC/DC als stellvertretenden Platzhirschen (für die Rolling Stones) nur knapp und der Stofffetzen darf für 45 Teuronen über die Theke wandern. Das Hallen-Catering bietet ausschließlich Warsteiner als Hopfenkaltschale an … und das in einer Stadt, in der die Becks-Brauerei heimisch ist. Ein weiterer Beleg für den steten Niedergang der einstmaligen Weltmarke und danke für nichts nach Belgien (Anheuser-Busch InBev).

Das alles soll Mr. Dylan nicht scheren und überpünktlich, selbstverständlich ohne Vorprogramm, kommen seine vier Mitstreiter auf die Kaschemmen-Bühne und starten mit dem vergleichsweise bekannten "Watching The River Flow". Der Literaturpreisträger gesellt sich unter donnerndem Applaus erst etwas später schlurfend hinzu und begibt sich hinter sein Keyboard. Ist er es wirklich? Zu sehen ist absolut nix, denn Bob Dylan möchte wohl durchaus seine Musik vortragen, aber um Himmels willen nicht gesehen werden. Sein Platz bleibt die nächsten gut 85 Minuten vollständig im Dunkeln. Um ganz sicher zu gehen ist er zusätzlich in einen zu großen pechschwarzen Kapuzen-Hoodie gewandet, selbige tief in die Stirn gezogen.

Dafür wird es im Saal nicht dunkel. Das ist so ungewöhnlich wie ungemütlich und wird der vorgetragenen Barmusik nicht gerecht. Der Mikrofoneinsatz der leicht gebeugten Gestalt hinter dem schattigen Keyboard macht sofort unmissverständlich klar, dass hier tatsächlich Robert Allen Zimmerman anwesend ist, inzwischen 85 Jahre alt und dafür mit für seine Verhältnisse klarer und recht fester Stimme. Vielleicht ist aber auch die entsprechende Technik inzwischen weit fortgeschritten.

Ein Schreiten auf der Bühne wird der erfahrene Dylanologe nicht vermissen, stattdessen liegt die stete Spannung in der Luft, welche Kapriolen des Meisters Setlist denn heute zu bieten hat. Selbige hat zwar ein gewisses Korsett und legt bereits seit Jahren größeren Wert auf das Spätwerk, aber zwischendurch gibt es von Konzert zu Konzert andere Überraschungseier. Der Start war bereits das erste, das zweite folgt mit "Love Sick" vom bereits erwähnten "Time Out Of Mind" auf dem Fuße. Im späteren Verlauf folgt gar noch "Million Miles" von eben diesem Album, erstmals seit zwölf Jahren wieder im Live-Programm.

Diese Preziosen sind bei Bob Dylan das Salz in der Suppe, an seinen Gassenhauern hat er scheinbar kein größeres Interesse mehr. Dazu gesellt sich noch der Umstand, dass der Protagonist dazu neigt, seinen Songkatalog stetig weiterzuentwickeln und die Arrangements teils drastisch zu variieren. Musikalisch wird das vom Schlagwerker Anton Fig (David Letterman, Joe Bonamassa), Tieftöner Tony Garnier (Langzeit-Sideman und 'heimlicher' musikalischer Direktor) und den Gitarristen Joel Paterson und Mike Seal feingeistig umgesetzt, wobei letzterer erst vor kurzem zur Band stieß.

Der bemühten aber nicht ansatzweise erreichbaren Baratmosphäre entsprechend, bewegt sich das Quintett samtweich durch die Sphären des Blues, Folks, Countrys ohne Western, sehr rootsbetont, wurzelig, unaufgeregt, scheinbar unscheinbar, aber bei genauem Hinhören mit unerhörter Raffinesse gespielt. Bob Dylan unterlegt seine textlich ausufernden Geschichten mit einer Art literarischem (Sprech)Gesang, klimpert zurückhaltender als in der Vergangenheit auf seinem Keyboard und lässt es sich nicht nehmen, sporadisch seine charakteristische Harp einzustreuen. Bemerkenswert ist der Umstand, dass beide hierzulande nahezu unbekannten Saitenartisten hörbar dem anspruchsvollen Fingerpicking-Style frönen, also ohne Plektrum auf dem Griffbrett unterwegs sind. In Verbindung mit der dargebotenen Musik erscheint dabei unweigerlich der Solo-Mark Knopfler vor dem geistigen Auge, nur noch leiser gespielt. Der Sound in der unpassend großen Halle ist im Grunde erstaunlich gut, aber zumindest für die hinteren Ränge und Rockmusik-versaute Ohren zu leise. Es gibt Momente, da scheppert der Rummel nebenan unweigerlich ins Soundbild und beim Gang zum neuen Getränk ist absolut nichts vom Konzert zu hören.

Ja … und nach guten 85 Minuten, die wie im Fluge vergangen sind, ist auch schon Schluss, Standing Ovation, trotzdem keine Zugabe und kein Wort, nur ein kurzes und krummes Hervorkommen hinterm ominösen Schattenkeyboard und Abgang einer Gestalt, die selbst von den ersten Reihen aus kaum erkennbar gewesen sein dürfte, deren Bewegungsablauf aber zu einem 85jährigen passen … es gibt halt nur einen Mick Jagger.

Draußen tobt weiterhin der Rummel, viel zu schrill für die gerade verwöhnten Ohren und die Dylanologen verflüchtigen sich in Windeseile im bunten Lichtermeer. Eigentlich schade, denn die Substanz des Konzerts hat diese Flüchtigkeit gar nicht verdient.

Line-up Bob Dylan:

Bob Dylan (vocals, electric keyboard, harp)
Tony Garnier (electric bass, standup bass)
Anton Fig (drums)
Joel Paterson (electric guitar)
Mike Seal (electric guitar)

Setlist:

  • Watching The River Flow
  • Love Sick
  • It Ain’t Me, Babe
  • Tryin' To Get To Heaven
  • Crossing The Rubicon
  • I Can Tell (Samuel Smith)
  • Black Rider
  • Tangled Up In Blue
  • When I Paint My Masterpiece (Bob on harp)
  • Girl from the North Country
  • Early Roman Kings
  • Soon After Midnight
  • Million Miles
  • Under The Red Sky (Bob on harp)
  • I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You
  • Goodbye Jimmy Reed
  • I Shall Be Released (Bob on harp)

Über den Autor

Olaf 'Olli' Oetken

Beiträge im Archiv
Hauptgenres (Hard Rock, Southern Rock, Country Rock, AOR, Progressive Rock)

1 Kommentar

  1. JR

    Sorry, aber ein B.Dylan Konzert würde ich selbst mit geschenkten Karten nicht besuchen 🙂

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