Die Band Cenobium stammt aus Italien, musikalisch eingeordnet wird sie unter Alternative Jazz. Also kein Jazz, sondern alternativ? Laut Duden:
»a) zwischen zwei Möglichkeiten die Wahl lassend; eine andere, zweite Möglichkeit darstellend …
b) im Gegensatz zum Herkömmlichen stehend; anders im Hinblick auf die ökologische Vertretbarkeit o. Ä …«
Bereits beim Erklingen des ersten Songs, "Afro-Centric", eine Komposition des Jazz-Saxofonisten Joe Henderson, kann man durchaus beide 'Alternativen' anwenden. Denn einerseits schwankt das Stück zwischen Jazz und Rock und als zweite Möglichkeit stellt sich dann der Begriff Fusion dar. Anderseits steht diese Musik offensichtlich im Gegensatz zum Herkömmlichen. Allerdings gab es diese Richtung bereits ab etwa der späten Sechziger, als Jazzer begannen, sich weiter zu entwickeln hinsichtlich der Hinzunahme weiterer Spielarten. Stellvertretend sind hier eben Miles Davis oder Bands wie Weather Report, denn sie verließen den typischen Pfad des Jazz noch nicht so sehr wie nachfolgend solche Formationen wie Return To Forever um Chick Corea, Eleventh House mit Larry Coryell und weitere.
Betrachte ich nun das Original von Joe Henderson zu "Afro-Centric", das im Übrigen fast doppelt so lang ist, dann war es Henderson, der sich seinerzeit, 1969, bereits mit dem Blick über den Tellerrand des reinen Jazz beschäftigte. Der Bandname Cenobium ist ein lateinisches Wort: das Cenobium ist ein Ort, an dem Mönche ein gemeinschaftliches Leben führten, quasi in einem Kloster. Die vier Klosterbrüder aus Italien bekommen auf ihrer Veröffentlichung "MMXXIV" allerdings weiblichen Besuch auf dem Stück "Curly" von Marta Frigo, die hier den Gesang beisteuert. Gesungen wird ansonsten allerdings auch auf einigen Songs, Gitarrist Cian übernimmt das. Die römische Zahl "MMXXIV" bedeutet 2024, in dem Jahr erschien diese Platte, im Übrigen das Debüt!
"Grains Of Sand" ist die erste Eigenkomposition des Gitarristen Cian, und bereits hier spürt man mehr eine individuelle Gangart als beim ersten Coversong. Allein durch den Gesang schwenkt die Musik in Richtung Rockmusik, und genauso wird man das Endergebnis auch betrachten müssen: Als eine gelungene Fusion aus Jazz zur Zeit der 'Kehrtwende' Ende der Sechziger, aus alternativer Rockmusik, gepaart mit verschiedenen Experimenten, wie zum Beispiel – ich bleibe beim genannten Track – wenn es bei Minute 3:30 losbricht – einerseits mit fetzig verzerrter Gitarre, rumpelndem Schlagzeug und darüber das entfesselt auftretende Saxofon von Giulio Jesi.
Im Übrigen spielt der Einsatz des Saxofons eine wichtige Rolle in dieser Art der Fusion, weil es das einzig wirkliche Jazz-Element darstellt, während sich die übrigen Instrumente mehr in der Rock-Richtung bewegen, hier jedoch mit starker Alternativ-Ausrichtung, so kann es auch mal recht schräg zugehen. Hierbei muss ich unweigerlich an eine ehemals auch recht ’schräge' Band denken: James Chance And The Contortions. Und auch an die ebenfall weniger bekannte Band Capillary Action, diese im Bereich Avant-Rock/Experimental angesiedelte Formation.
Unter dem Strich bleibt Musik, die auf ihre Art ungewöhnlich ist, interessant auf jeden Fall für alle offenen Ohren und alle die sich trauen, über den Tellerrand zu schauen. Denn dann wird man belohnt mit dem Besonderen und Nicht-Alltäglichen. Cenobium sind auf ihre Art mit einer relativen Alleinstellung behaftet, und ich denke es wird schwierig für die Band, Fans aus verschiedenen Lagern zu gewinnen. Für pure Jazzer swingt es halt zu wenig, für Jazz Rocker fehlt es möglicherweise am üblichen Funk-Einschlag, und Rockfans dürften sich rasch vom wilden Saxofon genervt fühlen. Ich sehe es so, dass man diese Instrumentierung als Ganzes wirken lassen muss, dann entfaltet sie ihre immense Kraft, auch, weil die vier Musiker mit ihren jeweiligen Instrumenten wesentliche Akzente von hoher Professionalität setzen.
Line-up Cenobium:
Andrea Lombardini (bass)
Edoardo Cian (guitar, vocals)
Giulio Jesi (tenor saxophone, EWI)
Francesco De Tuoni (drums)
Special guest:
Marta Frigo (vocals – #3)
Tracklist "MMXXIV":
- Afro-Centric
- Grains Of Sand
- Curly
- Missed
- Shaping Smiles
- Eggplant
Gesamtspielzeit: 32:03, Erscheinungsjahr: 2024



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