Der 1,96 Meter große Türsteher war fraglos die Idealbesetzung am Eingang zum Stehbereich im legendären Circus Krone-Bau in München. Er war stets darauf bedacht, direkt unter dem Wahrzeichen von Europas größtem Circus den Vorhang geschlossen zu halten, wenn Besucher hinein oder hinaus gegangen waren. Manches an diesem Feiertag im Mai 2025 (Himmelfahrt) erinnerte an eine Vorstellung im Circus. Dazu zählten die nummerierten Sitzplätze und der Gong eine Viertelstunde vor Beginn der (Konzert-) Vorstellung.
Der Security-Mitarbeiter mit seinem besonnenen Handeln war nur ein Puzzleteil eines in jeder Hinsicht entspannenden Abends, der schon dem Rahmen nach ein einmaliges Erlebnis war. Eine Idealbesetzung waren aber vor allem die beiden Bands, die zur Unterhaltung der 3.000 Gäste im vollbesetzten Rund spielen sollten. Es begann mit der Vorstellung von Y&T, einer ursprünglich 1974 in San Francisco gegründeten Hard Rock-, Heavy Metal- und Glam Metal-Band, die aber in München vorrangig Hard Rock im Stile des nachfolgenden Hauptacts Gotthard spielten.
In Songauswahl und der 60-minütigen Spieldauer war das Ensemble eine Empfehlung. Eine derartige Spieldauer für eine Vorband ist eher eine Ausnahme, was sicherlich auch für die Co-Gastgeber von Gotthard sprach. Das Publikum begrüßte die Hard Rocker mit offenen Armen und hielt die Stimmung über 60 Minuten auf einem hohen Level. Y&T, die sich 1991 auflösten und 1995 neu an den Start gegangen waren, hatten nach hinten immer noch Reserven und gönnten sich und ihren aufmerksamen Zuhörern keine Atempause.
In der Band überzeugte allen voran das Gründungsmitglied Dave Meniketti (Gesang, Leadgitarre). Er steuerte mehrere Soli an der Gitarre bei. Mit lupenreinem Satzgesang und einer auffallenden Spielfreude überzeugten gleichermaßen die anderen Akteure, namentlich John Nyman (Gitarre, seit 2001 Y&T), Aaron Leigh (Bass, seit 2016) und Mike Vanderhule (Schlagzeug, seit 2006).
Musikalisch war das Quartett im Stile von Uriah Heep und Whitesnake unterwegs, wobei zugegebenermaßen eine solche Zuordnung per Vergleich nur schwer möglich war. Im Publikum waren viele Gäste auszumachen, für die es nicht die erste Begegnung mit den US-Amerikanern war. Musikalisch waren sie für den Hauptact die ideale Steilvorlage. Sei es der druckvoll gespielte Bass von Aaron Leigh, die markante Erscheinung von John Nyman oder die vorzüglich Rhythmusarbeit von Mike Vanderhule an der Schießbude – es gab viele gute Gründe, die zu dem anhaltend tosenden Beifall des Publikums führten.
- Dave Meniketti, Gründungsmitglied bei Y&T
- Y&T-Schlagzeuger Mike Vanderhule
- In Spiellaune. John Nyman (links) und Dave Meniketti
- John Nyman
- John Nyman
Eine derart positive Einstimmung für das große Finale tat gut, sie machte immer wieder deutlich, welche geniale Konstellation unter dem Dach des Circus Krone aufgeboten worden war. Mit ihrem Gründungsdatum 1990 waren Gotthard die jüngere Band an diesem Konzertabend, doch auch hier waren Vergleiche diesbezüglich überflüssig. Denn Gotthard klingen nach nichts anderem als nach Gotthard. Die Schweizer sind eine Band, die von ihren zahlreichen Fans auf Händen getragen wird. Textsicher, außergewöhnlich treu, so lässt sich die Fangemeinde beschreiben. Die Lederjackenfraktion war stark in der Minderheit und ließ sich in München an ein paar Händen abzählen; es ging hier ausschließlich um guten Hard Rock, während Sänger Nic Maeder (seit 2011) das große Manko von Gotthard ausmachte. »Wir haben zu vielen Balladen«, sagte er vor dem Acoustic-Block mit einem Augenzwinkern, denn gewiss sind die ruhigen Lieder auch ein Markenzeichen.
Konzeptionell passen die Balladen als Kontrast gut zum gitarrenschweren Hard Rock und stören niemanden. Auf der Bühne unterstützt Keyboarder Ernesto Ghezzi das Quintett und ist zugleich das dritte Bandmitglied in der Funktion eines Backgroundsängers. Das wiederum zeichnet die Formation zusätzlich aus. Gotthard, das waren zwei Stunden kurzweiliges Konzertvergnügen. An der Spitze der charismatische Frontmann Nic Maeder, der in englischer Sprache moderierte und sich für die Unterstützung bedankte, die er als Nachfolger des 2010 bei einem Motorradunfall tödlich verunglückten Steve Lee erhält. Die Anhängerschaft von Gotthard geht mit dieser Situation vergleichsweise professionell um: Sie ehren Steve Lee posthum, nehmen aber gleichzeitig den aktuellen Sänger wie selbstverständlich in die Gemeinschaft auf.
- Gitarrist Leo Leoni
- Schlagzeuger Flavio Mezzodi
- Gotthard-Frontmann seit 2010: Nic Maeder
Nic Maeder bringt sich mannschaftsdienlich gut in das betont homogene Ensemble ein. Es ist eine Freude, den Musikern zuzuhören und zuzusehen. Brandaktuell haben Gotthard ihr 14. Studioalbum Stereo Crush im Gepäck. In dem Statement der Band zur neuen Scheibe, wie es in dem Review bei RockTimes nachlesen ist, heißt es: »Ein unzerstörbares Band aus extrem talentierten und gleichgesinnten Musikern, die für denselben Traum brennen«. Eine treffende Beschreibung und keinesfalls eine Übertreibung, wie das Konzerterlebnis gezeigt hat.
- Gotthard-Gitarrist Freddy Scherer
- Setliste Gotthard am 29.05.2025
- Bassist Marc Lynn
Den Konzertreigen beginnen Gotthard mit dem Opener "AI & I" aus ihrem neuen Album. Es folgt mit "Thunder & Lightning" ein zweites neues Lied. Das neue Album dominiert jedoch nicht den Abend. Es ist genug Raum für Hits wie "Heaven" bis "Anytime Anywhere" und "Feel What I Feel", von den Fans Zeile für Zeile mitgesungen. Für sie ist Gotthard ohnehin ein Lebensgefühl. Es durchdrängt ein Konzert mit einer einzigartigen positiven Stimmung. Jeder Besucher taucht sofort in dieses Gefühl ein. Für die treuen Fans ist es wie in einer nicht enden wollenden Liebesbeziehung.
Überzeugend klingen die Zugaben mit "Hush" (Deep Purple) und "Mighty Quinn". Das letztgenannte Lied von Bob Dylan aus dem Jahr 1967 wurde nur ein Jahr später in der Version von Manfred Mann weltbekannt.
- Freddy Scherer in Rockerpose
- Bassist Marc Lynn (links) und Freddy Scherer
- Nic Maeder (links) und Freddy Scherer
Fazit: Es war ein Rockkonzert mit dem Prädikat Weltklasse. Eine gute, in jeder Hinsicht entspannte Stimmung im Publikum bei bester musikalischer Unterhaltung und einer großzügigen Spieldauer beider Bands. Volle Punktzahl nicht zuletzt dank des einmaligen Ambientes und damit ein Erlebniswert von nachhaltiger Wirkung.
RockTimes bedankt sich herzlich bei Alexandra Dörrie von Another Dimension für die Fotoakkreditierung und den Platz auf der Gästeliste.
Bildnachweis für alle Bilder des Events: © 2025 | Mario Keim | RockTimes
















Neueste Kommentare