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Krokodil / Getting Up For The Morning & Sweat And Swim – 2CD-Review

Krokodil - "Getting Up For The Morning" & "Sweat And Swim" - 2CD-Review

Die erste Schaffensphase der Band Krokodil dauerte von 1969 bis 1974 und somit gerade einmal fünf Jahre. Fünf Jahre, in denen sie immerhin aber auch fünf Alben veröffentlichte. Und es wird wahrscheinlich bzw. muss fast schon ein rechtliches Problem sein, dass das Label MiG Music lediglich die Rechte für die letzten beiden Platten hat. Denn Getting Up For The Morning (original aus dem Jahr 1972) sowie auch Sweat And Swim (1973) erschienen dort auf Vinyl bereits einmal vor zehn bzw. elf Jahren. Von "Krokodil" (1969), "Samp" (1970) sowie "An Invisible World Revealed" aus dem Jahr 1971 dagegen keine Spur. Nach kurzen Recherchen stellt sich dann auch heraus, dass die Band nach der dritten Scheibe zum Label Bacillus (Bellaphon) wechselte, was natürlich einiges erklärt. Aber gut, kann ja noch kommen. Da ich die beiden Platten damals bereits reviewt hatte und hinter meinen Worten nach wie vor stehe, anbei die Essenz meiner damaligen Ausführungen:

Mit dem Opener "Marzipan" beginnt "Getting Up For The Morning" sowohl beschwingt, wie auch sehr relaxt-bluesig. Mojo Weidelis Blues Harp liefert hier das 'Riff', während die Rhythmusabteilung locker-flockig vor sich hin groovt. Einen großen Teil zur Relaxtheit trägt auch der Gesang bei, der nahezu perfekt zum Albumtitel passt. Deutlich extrovertierter kommt da schon "And I Know", bei dem erneut Weideli (dieses Mal mit der Flöte) für den besonderen Ton sorgt. Auch der Gesang wirkt hier deutlich ausgeschlafener als zuvor. Das Album fängt jetzt an, so richtig Spaß zu machen. Den krönenden Abschluss bildet dann "The 12th Of March", das mit acht Minuten Spielzeit auch die längste Nummer ist.
Erneut wird hier ein nahezu plastisches Bild vor den Augen des Hörers geschaffen, während sich die Soloinstrumente (wieder die Blues Harp sowie die Flöte) ausgiebig Zeit nehmen, das Gemälde mit mehr und mehr Farben zu füllen. Auch die (etwas an den frühen Neil Young erinnernde) Gitarre geht hier auf eine längere Exkursion und macht die Sache perfekt. Ob "Getting Up For The Morning" nun die beste Scheibe von Krokodil war, darf und muss jeder für sich selbst entscheiden. Klar ist aber, dass es eine gute Platte ist, die auch heute noch kaum angestaubt rüberkommt und nach wie vor sehr viel Spaß macht, selbst wenn sie von ihrem Nachfolger übertroffen wurde.

Das Doppelalbum "Sweat And Swim" war dann leider auch schon der Schwanengesang des Quartetts, das sich nicht sehr viel später auflöste und in alle Winde zerstreute. Dafür gabs zum Abschluss aber mit vier Vinylseiten die Vollbedienung. Und die ist musikalisch sehr überraschend und vielseitig ausgefallen. Wurde Krokodil damals dem sogenannten Krautrock zugeordnet und zeichneten sich die beiden Longplayer "Swamp" sowie "An Invisible World Revealed" durch einen kräftigen Schuss Psychedelic aus, so war "Getting Up…" bereits eine deutliche Rückbesinnung zum erdigen Rock. Und der bricht bereits mit dem Opener, nämlich Bob Dylans "Talking World War III Blues" über den Hörer herein.

Das Herzstück der Platte ist natürlich das sich mit knapp 18 Minuten über die gesamte dritte LP-Seite erstreckende Stück "Linger". Sehr bedächtig, geradezu wie aus einem langen Traum erwachend, erhebt der Song erst ganz behutsam seine Schwingen und wandelt wie auf elastischem, nicht ganz festem Untergrund. Nach einigen Minuten setzt der klagende Gesang von Terry Stevens ein und etwa zur Hälfte des Tracks übernimmt die rockige Seite das Ruder. Die Reise wird immer schwindelerregender, immer abgedrehter und schneller, bis am Schluss alles zu einem fast zu abrupten Ende kommt. Hammer!

Als Fazit kann festgehalten werden, dass die Neuauflage dieser beiden Scheiben durchaus berechtigt ist und wer Bock auf Kraut- bzw. Progressive Rock aus der Schweiz hat, hier durchaus zuschlagen sollte.

2016 kam es zu einem ersten zarten Reunion-Konzert in einem Züricher Plattenladen, wo Düde Dürst, Terry Stevens, Walty Anselmo sowie Gründungsmitglied Hardy Hepp sechs Songs zusammen zockten. Ernster wurde es 2020, als es zu einer ernsthaften Reunion der Musiker Dürst, Anselmo und Stevens kam. Ergänzt durch den Gitarristen Adrian Weyermann sowie den Tastenmann Erich Strebel wurde im gleichen Jahr die Neueinspielung von "An Invisible World Revealed" mit dem Namen "An Invisible World Returns" veröffentlicht und ein Jahr später erschien das Album "Another Time". Mojo Weideli war bereits im Jahr 2006 verstorben und Walty Anselmo folgte ihm 2024.


Line-up Krokodil:

Walty Anselmo (electric & acoustic guitars, sitar – CD 1, bass – CD 1, vocals)
Mojo Weideli (mouth harp, percussion, flute, vocals)
Terry Stevens (bass, guitars, klavino – CD 1, vocals)
Düde Dürst (drums & percussion, vocals)

With:
Hardy Hepp (violin & vocals – CD 2)
Rainer Marz (guitar – CD 2)
Veit Valden (keyboards – CD 2)

Tracklist "Getting Up For…":

CD 1 – "Getting Up For The Morning":

  1. Marzipan
  2. And I Know
  3. Rabatz
  4. Was There A Time
  5. Schooldays
  6. Song No. 2 (Thought Under Bad Conditions)
  7. The 12th Of March
  8. Krock’n’Roll
  9. A Mighty Long Way To Go


CD 2 – "Sweat And Swim":

  1. Talking World War III Blues
  2. All I Ever Wanted
  3. Daybreak
  4. Skylab
  5. Two To Twelve
  6. That’s All Right, Mama
  7. Linger
  8. Little Girl
  9. Billy Dee
  10. There You Stand Entangled

Gesamtspielzeit: 47:28 (CD 1), 69:12 (CD 2), Erscheinungsjahr: 2025 (1972, 1973)

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
Über mich
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Mail: markus(at)rocktimes.de

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