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Mathias Schüller / Das zarte Geräusch des Flügelschlages einer Libelle – CD-Review

Mathias Schüller / Das zarte Geräusch des Flügelschlages einer Libelle – CD-Review

Mathias Schüller ist kein Musiker für Jedermann. Obwohl ich jedem Mathias' Œuvre gerne empfehlen kann, denn in dem großen Fundus an Themen, die der Mann musikalisch behandelt, ist mit Sicherheit auch für Jeden etwas dabei.

Die erste Begegnung mit Mathias in unserem Magazin war 2008, als wir sein Album Das Winterfell des Leguans besprachen. Dunkel:Rot aus dem Jahr 2023 war die letzte Platte, die von uns rezensiert wurde. Dazwischen liegen einige weitere Werke und auch bei der Band Songs To The Siren steht er immer mal in Diensten. Nicht mehr aktiv ist er als Kopf des Karo in Wesel, das er nach 26 Jahren als Ruheständler im Dezember letzten Jahres verlassen hat.

Quellen seiner Inspiration, so hören wir von dem Niederrheiner, sind Robert Johnson, Radiohead, die Einstürzenden Neubauten, Jack White, Johnny Cash und Nick Cave. Ein gewaltiger Melting Pot und nicht minder stark sind diese Texte, denen man bei konsequentem Zuhören so manches entnehmen kann, was sich des darüber Nachdenkens lohnt.

Gleich der Opener "Freaky Freak" schießt einen Pfeil in diese Richtung ab. Da heißt es nämlich unter anderem : »… Freddy Quinn fuhr nie zur See«. Man kann da so einiges reininterpretieren, bzw. für sich mitnehmen: Vielleicht, dass man nicht alles glauben soll, kann und darf, was einem im Leben so penetrant schmackhaft und (gewollt) überzeugend weisgemacht wird. Oder aber man sieht das wie am Beispiel Karl May und seinen starken literarischen (Fern-) Schilderungen aus aller Herren Länder, die er nie bereist hat.

Man steckt also nicht drin, was bei Schüller auch nicht unbedingt anders sein muss. Die Lyrics, so beschreibt es der Künstler, handeln von komischen Figuren und er geht davon aus, dass es im Prinzip nur solche seltsamen Menschen gibt; ob die das nun wissen oder nicht. Und daher bietet es sich für die Hörer an, genau zuzuhören, denn vielleicht kann man sich selbst in einem Lied erkennen. Vielleicht gleich bei "Rattenscharf", wenn es um Wollust, süchtig machenden Schmerz, Schamlosigkeit und Abkehr von der Vernunft geht. Wie auch immer, musikalisch glänzt diese Nummer auch durch eine herrliche Slidegitarre.

"Room For Free" – Voodoo, die Frenchmen Street, also New Orleans, thematisch wie auch musikalisch. An dieser Stelle sei auch gesagt, dass Mathias Schüller alle Instrumente selbst eingespielt hat; geschrieben hat er nicht nur am Niederrhein, sondern auch  in Louisiana, Wales und im Saarland. In der Pfalz war er anscheinend nicht, wenngleich in "A Taturanta Tomba (Für immer Heinz)" der Name des in Pirmasens geborenen Schuhfabrikantensohns Hugo Ball, seines Zeichens Mitgründer der Dada-Bewegung Erwähnung findet. Vielleicht war es ihm aber zu gefährlich, da er statt Pirmasens das Wort »Pimmelsenf« benutzt.

Ihr seht schon – und damit will ich das auf die Texte eingehen, belassen – man sollte ihnen folgen, um die Geschichten, die der Protagonist erzählt, in aller Tiefe zu erfassen und den einen oder anderen Bekannten zu entdecken. Musikalisch wird das alles durch vor allem stimmiges Gitarrenspiel 'begleitet', das stets sehr nah und dicht am Hörer ist. Etwas Tasten, Percussion und auch Bass runden gekonnt ab und wenn man sich in keinem der Texte findet, so hat man eben an der Musik seinen Spaß.

Spaß hat mir auch die Geschichte um den Albumnamen bereitet, den ich gerne wiedergeben möchte. "Das zarte Geräusch des Flügelschlages einer Libelle" assoziiert ja erst einmal Gewaltfreiheit. Wobei es sich bei der Libelle allerdings um ein Raubtier handelt. Auf die Namensgebung angesprochen meint Mathias: »weil das dezente Stampfen eines pflanzenfressenden Nashorns ziemlich blöde klingt«.
Hammer, oder? Wieder so etwas, worüber es sich lohnt, darüber nachzudenken.

Wer deutsche Texte mit ernstem Augenzwinkern und gut gepicktes Saitenspiel mag, der sollte an "Das zarte Geräusch des Flügelschlages einer Libelle" nicht vorbeigehen. Auch nicht, wenn man in Pimmelsenf wohnt …


Line-up Mathias Schüller:

Mathias Schüller (Songs, Texte, Gesang, alle Instrumente)

Tracklist "Das zarte Geräusch des Flügelschlages einer Libelle":

  1. Freaky Freak
  2. Rattenscharf
  3. Room For Free
  4. Tanz
  5. A Taturanta Tomba (Für immer Heinz)
  6. Only Lovers
  7. Fieber
  8. Reichtum & Ruhm
  9. Fliegen
  10. Süßes Nichtstun Rosa Wolken

Gesamtspielzeit:44:16, Erscheinungsjahr: 2025

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
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Mail: ulli(at)rocktimes.de

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