"Twilight In Wonderland" markiert den ersten Track des neuen und mittlerweile zehnten Albums der Band Nautilus um Mastermind Martin Ludwig. Wie auch bereits bei den Vorgängern When Time Is Just A Word (2024), A Floating City (2022, The Mystery Of Waterfalls (2020) – ich kürze ab – und auch allen anderen Werken dieses Band, kommt die thematische Inspiration vom französischen Schriftsteller Jules Verne. Ins Musikalische transformieren die Progger mit dem Händchen für faszinierenden Art Rock, Melodic Prog, oder kurz gesagt, hochmelodiöse Kopfreisen auf dem neuen Album den Roman "Das Karpatenschloss", der 1892 unter dem Originaltitel "Le Château des Carpathes" erstveröffentlicht wurde.
Die Geschichte des verlassenen und geheimnisumwitterten Schlosses in den transsilvanischen Karpaten mag sicher nicht jedem bekannt sein. So kannte ich die den Vorgängerplatten zugrundeliegenden Romane wie "20.000 Meilen unter dem Meer" oder "Reise um die Erde in 80 Tagen", "Das Karpatenschloss" allerdings (noch) nicht. Was soll ich sagen, kurz neben dem Hören der Musik gegoogelt und dann war klar, das muss ich lesen. Kann man Musik ein größeres Kompliment machen, als dass sie einen veranlasst, irgendetwas zu tun. Das ist bei manchen Tunes die Stärkung der Nackenmuskeln beim Headbangen, die Zehengymnastik beim Fußwippen, das Spielen der Luftgitarre oder bei Nautilus das Versinken im Sessel und Abdriften in andere Welten und Zeiten.
Stimmungsvoll an die Musik angelehnt ist das Ned Land-Coverbild und für den guten Ton sorgte wie immer Eroc. Zart und melancholisch startet die Reise in den Karpaten. Das Gitarrenspiel von Werner Strätz legt sich wie ein feines Gespinst über die Landschaft und ich bin sicher, eine zweite Gitarre zu vernehmen; was passt, denn Martin Ludwig zeichnet neben Tasten- auch für Saitenspiel. Elmar Darimont spricht Worte aus dem zugrundeliegenden Roman und dadurch wird der Einstieg in das Album adäquat zelebriert.
Die Visionen der Opernsängerin La Stilla werden in "Visons Of Stilla" begleitet von laut aufspielender Stromgitarre und es wird klar, dass Nautilus ihrem Stil treu geblieben sind und keine stoisch dahinplätschernde Progscheibe aufgelegt haben. Die Stories, die sie musikalisch angehen, leben von Spannung und Drive. "Smoke Above The Castle" zeigt, dass der Mann an der Gitarre genau weiß, wie Gilmour für Gänsehaut sorgen kann; er jedenfalls kann es auch. Und dann spricht Meiko Weigel ein paar Worte in den Raum. Keyboards, Synthesizer und auch Samples sind vorhanden und so eingesetzt, dass man dem Prog auch eine Spur Elektronik attestieren kann und auch muss. Aber die Musik ist weit davon entfernt, künstlich zu wirken. Bass und Gitarre sorgen stets für eine perfekt austarierte Balance.
Schon bei "Soulmate Spirits" und nicht erst bei "Vampire Cathedral" fühle ich mich so richtig auf transsilvanischem Terrain und muss bei dem beigemischten Wolfsgeheul an Bram Stoker denken. Das Stück markiert dann das vielleicht elektronischste Stück. Treibend, mit perlendem Synthesizer und äußerst meditativ, trotz der Geschwindigkeit der Samples. Herrlich, wie gekonnt die Musiker "Vampire Cathedral" umsetzen, alleine das an einen Mönchschor gemahnende Backing führt die Kopfreise ins Schloss und dann sorgt wieder einmal die Gitarre für die gewissen Momente. Bass und (ok) künstliches Drumming peitschen die Vampire, oder deren Nahrung, durch das Gemäuer.
Zarte Pianoanschläge begleiten eine sphärische Gitarre und der Titelname "Sleeping Beauty" ist Programm, denn auch die Elektronik beteiligt sich an der Schönheit, indem sie sirenenhaften Zauber beisteuert. Dagegen – Nomen est omen – quirlt "Time For A Change" fast wie Rock’n’Roll in die Szenerie. Spaß beiseite, "Time For A Change" hat Tempo und weist in die Richtung von "Soulmate Spirits".
"When The Picture Learned To Move" erinnert mich von der vermittelten Stimmung an Jeff Beals "House Of Cards Main Title Theme" in der Version des Hollywood Studio Symphony Orchesters und das ist für mich ganz großes Kino. "The Count And The Lady" setzt dagegen wieder auf Gitarrenspiel, dem die zweite Gitarre ein paar dezent sägende Powerchords durch den sphärischen Äther schiebt. Mit "Misty Morning Lights" gibt es wieder filmreife Untermalung und es wird einem bewusst, dass man sich auf einer Reise befindet. Die meisten Stücke stammen aus der Feder Ludwigs – hier ist wie auch bei "Vampire Cathedral" Jürgen Dürrbeek als Komponist aufgeführt. Bei der letzten Nummer steht Werner Strätz als Co-Autor neben Ludwig. Und sie sind in der Tat eher weniger Songwriter, denn Komponisten. Alle Lieder sind stimmig zur Story komponiert, sodass der Hörer im Sessel seine Karpatenreise perfekt genießen kann.
Dass bei dem mit zehn Minuten längsten Track "In The Last Days Of Empathy" der Gitarrist mit am Pult saß, dankt das Stück mit traumhaften Saitenspiel. Süßlicher Art Rock fließt wie Honig die Mauern des Schlosses herunter und auch diese Musik wäre geeignet, den Grafen von Telek zu heilen. Toll auch, wie sich der Song steigert und wie man ohne physisches Schlagzeug so ein Drumspiel hinbekommt.
Ein Rätsel bliebt mit jedoch: Die gesprochenen Worte in "Misty Morning Lights" kommen von Meiko Weigel. Aber neben seiner Stimme ist auch eine Frau zu hören. Vielleicht ist die Dame elektronisch geboren, denn erwähnt ist sie nicht. Nun ja, wer so perfekt darin ist, nicht vorhandenes Schlagwerk zu vermitteln, kann da sicher auch eine Frauenstimmer hervorzaubern. Oder sollte das die spukende La Stilla sein?
Wer Nautilus noch nicht kennt, auf einen Melting Pot aus Tangerine Dream, Pink Floyd, Klaus Schulze oder auch Ash Ra Tempel steht, sollte schleunigst den Koffer vom Dachboden holen, Verne-Literatur einpacken und auf die Reise gehen.
»Alles, was ein Mensch sich heute vorstellen kann, werden andere Menschen einst verwirklichen«, so ein Zitat Jules Vernes. Als ob er damals geahnt hätte, dass eine Band namens Nautilus dereinst seine Geschichten musikalisch verwirklichen würde.
Line-up Nautilus:
Jürgen Dürrbeek (synthesizer & sequenzer)
Martin Ludwig (keyboards, synthesizer, guitars, samples)
Werner Strätz (electric guitar)
Meiko Weigel (bass, vocals, voice samples)
Elmar Darimont (voice – #1)
Tracklist "A Castle Full Of Secrets":
- Twilight In Wonderland (7:25)
- Visions Of Stilla (4:15)
- Smoke Above The Castle (5:27)
- Soulmate Spirits (6:11)
- Vampire Cathedral (4:46)
- Sleeping Beauty (4:27)
- Time For A Change (4:01)
- When The Picture Learned To Move (8:24)
- The Count And The Lady (4:55)
- Misty Morning Lights (8:55)
- In The Last Days Of Empathy (9.56)
Gesamtspielzeit: 69:00, Erscheinungsjahr: 2026



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