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No Fear Of The Dark – Eine Psychologie des Heavy Metal / Buch-Review

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Das Urteil über Heavy Metal und dessen Fans ist schnell gefällt. Das Bild ist von zahlreichen Klischees geprägt, denen die sogenannten Metalheads nur schwer entkommen können. Vorurteile gegenüber dieser Musikrichtung gibt es viele: Zu wild, zu laut und zu aggressiv, so die Kritiker. Oft wird das Musikgenre mit einer negativen Wahrnehmung verbunden: Lärm, provokante Texte, maskulines Gehabe, wilde Riffs, verzerrte Gitarren.

»Die Sicht auf den Heavy Metal ist seit vielen Jahrzehnten von Misstrauen und zum Teil starken Vorurteilen geprägt«, analysieren Burkhard Gniewosz und Jörg Zumbach in ihrem wissenschaftlichen Buch "No Fear Of The Dark – Eine Psychologie des Heavy Metal". Burkhard Gniewosz ist Diplom-Psychologe und Professor für Erziehungswissenschaften, Jörg Zumbach ist Diplom-Psychologe und Professor für fachdidaktische Lehr-Lernforschung mit Schwerpunkt Neue Medien. Beide lehren und forschen nicht nur gemeinsam an der Universität Salzburg, die Psychologen verbindet zugleich ihre Vorliebe für Heavy Metal. Sind die Wacken-Fans damit als ausgewiesene Metalheads befangen, um dem Alltagsphänomen Heavy Metal wissenschaftlich akribisch auf den Grund gehen zu können? Als Wissenschaftler, soviel kann man wohl feststellen, folgen sie dem Gebot der Lehre und können gewiss nicht von der Linie abkommen, wollen sie glaubwürdig ein aussagekräftiges Ergebnis präsentieren. Das setzen sie ohne Abstriche in dem vorliegenden Buch um.

Unter diesen Vorzeichen ist das Buch "No Fear Of The Dark – Eine Psychologie des Heavy Metal" entstanden. Aus Sicht vieler Fans ist die Bewertung des Phänomens Heavy Metal nicht neu. Es gibt bereits zahlreiche Studien aus der Vergangenheit, denen die beiden Autoren folgen, indem sie daraus zitieren. Die strukturierte wissenschaftliche Herangehensweise zeichnet das Buch aus. Immer wieder stellen die Autoren Fragen. Das macht die Lektüre besonders spannend, weil der Leser selbst feststellen kann, wie er die Dinge sieht. Was passiert im Kopf, wenn das Riff einsetzt? Warum berührt uns Musik, die andere als Lärm empfinden? Wie wirkt sie auf Emotionen, Persönlichkeit und Identität? Welche Rolle spielen Gemeinschaftsgefühl und Festivalkontext für das Musik-Erleben?

Wie unschwer zu erkennen ist, bleibt Heavy Metal vielschichtig. Burkhard Gniewosz und Jörg Zumbach nehmen die Metalheads auf ihre Weise mit in die Wissenschaft. Sie erläutern ihnen bestimmte Begriffe. Sie gehen zum Beispiel ausführlich der Frage nach, was empirische Studien sind und wie diese funktionieren. Das ist reizvoll, denn wann setzt sich ein Metalfan schon einmal mit solchen Begriffen auseinander? Die 182 Seiten umfassende Lektüre ist ein vortreffliches Beispiel für ein 'Geben und Nehmen' in unserem Alltag. Denn der Metalfan erhält viele neue Einblicke, die Buchautoren hingegen bringen ihre wissenschaftlichen Ergebnisse anschaulich an die Zielgruppe.

Eine Besonderheit des Buches, an der man beim Lesen nicht vorbeikommt: Die Autoren geizen nicht mit Fremdwörtern, die sie nicht immer übersetzen. Hier darf der Leser selbst nachhaken, denn die letzten Seiten des Buches sind ausschließlich Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln und einem Verzeichnis der zitierten Literatur vorbehalten. Wissenschaftlich wurde hier sauber gearbeitet. Aufgrund mancher Fremdwörter bleiben folglich ein paar freiwillige Hausaufgaben, um selbst einmal nachzuschlagen und aktiv zu werden. Das ist durchaus interessant.

Rund um das Phänomen Metal lösen die Autoren viele Rätsel, aber es kann gar keine Antwort auf alle Fragen geben. Dennoch gibt es viele Schlussfolgerungen aus der wissenschaftlichen Arbeit: »Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Metalheads dümmer oder schlauer sind als andere Menschen. Aber: In einer Analyse hochbegabter Jugendlicher von Stuart Cadwallader zeigte sich, dass diese überdurchschnittlich oft Heavy Metal hören. Diese Jugendliche fühlen sich oft als Außenseiter :innen und nutzen Metal als emotionales Ventil, um mit Stress und gesellschaftlichen Druck umzugehen.« Im Umkehrschluss bedeutete es zugleich, dass die Musik des Heavy Metal nicht gleich aggressiv sein muss, wie es so gern von außen behauptet wird. Das wird an verschiedenen Stellen des Buches deutlich. Gleichwohl räumen Burkhard Gniewosz und Jörg Zumbach ein, dass es durch bestimmte Spielarten im Metal immer eine differenzierte und sorgfältige Betrachtung geben muss. In diesem Zusammenhang erläutern sie am Anfang des Buches: »Wir werden zum Beispiel Texte von Pantera zitieren, weil sie sich hervorragend eignen, um Themen wie Aggression, Kontrollverlust oder emotionale Intensität zu veranschaulichen. Wir möchten an dieser Stelle ganz klar sagen, dass wir extremistische Positionen von Bands oder einzelnen Künstler :innen ablehnen. Denn eines wird sich wie ein roter Faden durch dieses Buch ziehen: Nationalismus, Faschismus und Rassismus haben im Heavy Metal nichts verloren. Wie schon Lemmy wusste: 'Rassismus ist das Übel unserer Welt. Nazi sein bedeutet, dass du verloren hast, bevor die anfängst.’«

Generell gilt bei beiden Autoren, die dem Thema Emotionen eine breiten Raum einräumen: »Wir nähern uns Heavy Metal allerdings nicht als Genrepolizei: Wir wollen untersuchen, was diese Musik mit Menschen macht.« Es lassen sich in jedem Fall viele Verhaltensmuster in der Szene ableiten. Deutlich wird, dass Fans des Metal einen ausgeprägten Sinn für soziale Kontakte haben. Das wiederum liegt am ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Festivals wie das berühmte Wacken Open Air helfen den Wissenschaftlern, Gruppenverhalten kennenzulernen. Metal steht außerdem für eine globale Kultur. Das schließt ein aktives Miteinander mit Menschen aus anderen Ländern ein. Hier stehen ebenfalls vorrangig Festivals als Beweis.

Insgesamt hat das Buch einen durchgängig positiven, ja fast schon kämpferischen Tenor, der die Szene angemessen beschreibt. Es hebt die Protagonisten deutlich von den eingangs beschriebenen Vorurteilen ab. Einen breiten Rahmen mit einem Umfang von 20 Seiten nimmt allein das Thema "Heavy Metal und Emotionen" ein. Emotionen spielen ohnehin eine große Rolle beim Umgang mit dieser Musik. Die Buchautoren geben zu verstehen, dass sie Heavy Metal nicht bloß als Musik sehen, sondern vorrangig als Alltagsphänomen betrachten. Daraus resultiert ein äußerst komplexes Thema. "Sozialpsychologie des Heavy Metal", "Motivation und Heavy Metal", "Heavy Metal und Entwicklung"; "Klinisch-psychologische Aspekte des Heavy Metal" sind weitere der insgesamt zehn Kapitel überschrieben. Die Abhandlung beginnt mit der Fragestellung "Warum dieses Buch geschrieben werde musste?".

Es bleibt jeweils spannend, weil man einen sehr speziellen Blick hinter die Kulissen der eigenen Musik bekommt. Hürden bei der Annäherung ans Thema aus wissenschaftlicher Sicht sind keine auszumachen. Im Kern geht es immer um die heiß geliebte Musik. Das geschieht anhand von Beispielen, (wissenschaftlichen) Wahrnehmungen und auf Basis von Texten. Den Iron Maiden-Klassiker "Rime Of The Ancient Mariner", der natürlich nicht auf der aktuellen Run For Your Lives World-Tour 2026 Tour im Programm der Band fehlen darf, adeln die Wissenschaftler als »intelligente Arbeit«. Die gleichnamige Literaturvorlage von Samuel Taylor Coleridge aus der beginnenden Zeit der Romantik sei in der Maiden-Version in Text und Musik »in eleganter Kombination arrangiert«. Mehr noch: Prodigy Education, ein kanadisches Unternehmen für Bildungstechnologie, hat im Jahr 2024 die sprachliche Komplexität von Songtexten aus verschiedenen Musikgenres beleuchtet. »Dabei wurde die lexikalische Vielfalt (Anteil einzigartiger Wörter) als Maß für sprachliche Intelligenz verwendet«, lesen wir auf Seite 47 in "No Fear Of The Dark – Eine Psychologie des Heavy Metal". »Heavy Metal schnitt dabei besonders gut ab – Bands wie Black Sabbath, Slayer und Iron Maiden belegten Spitzenplätze.« Nach Ansicht der Psychologen aus Salzburg deute das auf eine »hohe sprachliche Differenziertheit und thematische Tiefe in Metal-Texten« hin. »Zusammen mit einer musikalischen Genialität zeigt sich einfach: Heavy Metal kann durchaus intelligent gemacht sein.«

Ein großes Dankeschön gilt den beiden Autoren dafür, dass diese die Metalheads in ihre Welt der Wissenschaft mitnehmen und begleiten. Das Buch verbindet auf einer fundierten Basis das Alltagsphänomen Heavy Metal mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise. Eine klare Empfehlung aus der RockTimes-Redaktion für den bekennenden Heavy-Metal-Fan, der gern einmal über den eigenen Tellerrand hinaus blickt.

Abschließend kommt noch einmal der herausgebende Verlag W. Kohlhammer GmbH zu Wort: »Zwischen Moshpit und Messwert geht es um Dopamin, soziale Zugehörigkeit, Emotionsregulation und die Kraft der Musik als Ventil. Statt Klischees gibt es fundierte Forschung, klare Haltung und überraschende Erkenntnisse. Ein Buch für alle, die wissen wollen, wie laut Psychologie sein kann – und wie heilsam Heavy Metal."


Herausgeber: W. Kohlhammer GmbH
Sprache: Deutsch
182 Seiten
20 Abbildungen, 2 Tabellen
Einband: Kartoniert / Broschiert
ISBN-10: 3170463128
ISBN-13: 978-3170463127
Abmessungen: 14 x 0.8 x 20.3 cm
Gewicht: 252 g
Buch 6 von 6: Metalbook
Erscheinungsjahr: 2026
Preis: 26,00 Euro

Über den Autor

Mario Keim

Musikstile: Heavy Rock, Rock, Deutschrock, Hard Rock
Marios Beiträge im RockTimes-Archiv

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