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Tarja / Konzertbericht, 09.10.2026, Z7, Pratteln

Tarja / Oktober 2026 im Z7, Pratteln

Tarja im Z7: Ein Sopran, der Metal zum Schweben bring

Wie Tarja im Z7 eine Zeitreise durch zwei Jahrzehnte mit nur einer Konstante bestreitet: ihrer Stimme

Um 16:59 Uhr renne ich aus der Sitzung außerhalb von Zürich, die Tram fährt zwei Minuten später. Mit dem ÖV muss ich noch nach Arlesheim, mich umziehen und dann weiter nach Pratteln, rund 10 km außerhalb von Basel. Ich bin schon viel zu spät dran: Die erste Vorband, The Skys, startet um 19 Uhr, und ich werde sie verpassen. Aber wenn alles klappt, komme ich noch pünktlich zur zweiten Vorband.

Das Z7 ist DIE Schweizer Metalhochburg: Fast die Hälfte der rund 100 Gigs pro Jahr kann man zumindest teilweise einem der Subgenres des Metal zuordnen. Die Halle stand mindestens zwei Mal (1997 und 2022) kurz vor dem Aus, und ob es nach dem Herbst 2027 weitergeht, ist offen. Das Z7 deckt mit seinen rund 1600 Stehplätzen bei internationalen Tourneen wie dieser neben der Schweiz auch Südbaden und weite Teile des benachbarten Frankreichs ab. Eine Institution.

Symphonity

Symphonity

Ich komme gerade rechtzeitig in die Halle, Symphonity ist soeben auf die Bühne gekommen. Mein Herz schlägt hoch vor Vorfreude, und ich sehe mich um. Viel Schwarz. Natürlich schwarze Lederjacken, aber vor allem sehr viele Goths mit herrlich aufwändiger Kleidung voller Rüschen, Spitze und Samt. Das passt zu ihr: Gothic Metal, Orchester, Dunkelheit mit Weite. Ich fühle mich sofort zuhause. Dazu T-Shirts von Metal-Festivals und anderen Metal-Bands, der Großteil schwarz.

Nur wenige Tarja-Shirts. Ich muss schmunzeln: meine Kategorie. Ich ziehe immer T-Shirts anderer Bands oder Festivals an, das gibt Anknüpfungspunkte für interessante Gespräche. Ich sehe auch ein paar leicht ausgewaschene Shirts der aktuellen Tour, offensichtlich von Fans, die mit der ganzen Tour mitreisen, und solche von ihrer ersten Tour vor rund 20 Jahren. Ich bin etwas erstaunt, gar keine Nightwish-Shirts zu sehen. Der abrupte Bruch kam bei den Fans offenbar nicht gut an.

Symphonity: Die Sängerin ist voller Energie

Symphonity: Die Sängerin ist voller Energie

Symphonity

Nachdem ich The Skys verpasst habe, reicht es gerade noch für Symphonity. Die ersten Klänge ertönen, als ich ankomme. Ich schlängle mich nach vorne, was im Z7 bei den Vorbands problemlos klappt, und höre symphonischen Power Metal vom Feinsten. Eine präzise Stimme, getragen vom treibenden Druck der Band. Ich bin schwer beeindruckt und genieße die Höhen. Obwohl Vorband, lauscht der Saal konzentriert.

Sie wissen auch, was es braucht, um die Menge hinter sich zu scharen. Bei einem ruhigeren Song, der der Sängerin Raum gibt, ihr ganzes Potenzial auszuspielen, fragt sie suggestiv: »Habt ihr Handys?« Dann fügt sie hinzu: »Also erleuchtet diese Halle!« Ihre herrliche Stimme trägt den Moment.

Kurz vor Schluss spielen sie das Nena-Cover "Irgendwie, irgendwo, irgendwann", und der Saal singt mit. Mein Favorit des Abends ist es trotzdem nicht: Es gibt ihrer Stimme zu wenig Raum, in die obersten Sphären zu steigen. Das tut sie erst ganz am Schluss, mit einem Sopransolo, das jeden Opernsänger verblassen lässt. Um 20:20 Uhr ist Schluss. 35 Minuten, und welch eine Messlatte sie hier gelegt haben!

Tarja

Tarja - eine Erscheinung

Tarja – eine Erscheinung

Um 20:45 Uhr ist es so weit. Das Saallicht geht aus, tiefes Blau und Nebel dominieren die Bühne. Sie betritt sie mit Kapuze, hoch aufragendem Kragen und einem Umhang, der im Scheinwerferlicht matt schimmert. Dunkel umrandete Augen, ein fester, hypnotisierender Blick. Eine unglaubliche Präsenz, noch bevor sie den ersten Ton singt.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Der Synthesizer beginnt mit einer Harmonie, baut eine Melodie auf und steigert sich, bevor sich die Metal-Wand erhebt. Diese nimmt sich zurück, und ihre Stimme setzt im unteren Bereich ihres Repertoires von drei Oktaven an. "Frisson Noir" beginnt, der Opener des aktuellen Albums. Als sich später das gesamte Metal-Spektrum erneut hinter ihr aufbaut, schwebt ihre Stimme mit einer Leichtigkeit und Präzision nach oben, die man sonst nur aus Opernhäusern kennt. Man merkt ihre klassische Ausbildung, die zu einem Geschenk für das Genre wird. Ja, man weiß es ab der ersten Passage, die sich in die Höhe schraubt: Das wird ein phänomenaler Abend!

Tarja

Tarja

Ich blicke mich um: Viele kennen den Song, obwohl er recht neu ist. Sie singen mit, genauer gesagt bewegen sie die Lippen. Niemand will die Stimme stören, doch die Songs reißen mit, und die Fangemeinde ist geschlossen vor Ort. Die ersten vier Stücke sind eine Zeitreise durch zwei Jahrzehnte mit einer zentralen Konstanten, die uns alle mitreißt: ihre Stimme.

Ihre Präsenz ist beeindruckend. Starker Blick, große Mimik. Punktuell wirkt sie wie eine Raubkatze vor dem Sprung, bevor sie wieder mit einem strahlenden Lächeln und dem Rockerzeichen den Saal anpeitscht.

Tarja mit Band

Tarja mit Band

Am Ende des vierten Songs übernimmt die Band, damit ihre Stimme hinter der Bühne ein paar Takte Pause bekommt. Dann kehrt sie zurück, in völlig neuer, strahlender Kleidung: ein schwarzes Lederkorsett, dazu einen violetter Tüllrock. Sie lacht, wirft den Kopf in den Nacken und bringt den Gitarristen zum Schmunzeln. Nach "At Sea" wendet sie sich ans Publikum und meint scherzend: »I’m gonna take you on a journey«. Nach einer Pause: »One of my first singles. Let’s see if you survive this«. Sie strahlt über beide Ohren und taucht in "Little Lies" ein. Wir überleben es – und wie!

Als sie später fragt, wer sie zum ersten Mal sieht, melden sich nur wenige im Saal. Nach allem, was ich bisher beobachten konnte, absolut plausibel. Dann will sie wissen, wie oft sie schon hier gespielt hat. Schüchterne Handzeichen: vier Mal, fünf Mal. »I can assure you, much more often than five times. You have made my dream come true« Der Saal jubelt.

Diese Herzlichkeit zieht sich durch den ganzen Abend. Den wunderschön dargebotenen Song "I Walk Alone" beendet sie mit den Worten: »I walk with all of you«.

Es folgt ein akustischer Teil. Akustische Gitarren statt Metal-Sound geben ihr die Gelegenheit, allein davonzuschweben. Ohne Gitarrenwand bleibt nur der Sopran im Raum, mit Atemstütze, Linie und Kontrolle. Ein Moment der Stille, man wagt nicht zu atmen. Gegen Ende wird die erste Gitarre wieder ausgetauscht, und eine grandiose Transition setzt ein. Das sind unglaubliche Momente, die nur Live-Musik bieten kann!

Dann fragt sie: »Do you wanna dance?«, und stimmt "Ciaran’s Well" vom Album "My Winter Storm" an. Sie ist nicht zu bändigen, mit fliegender Mähne im Wind des Ventilators, einem unglaublichen Gesichtsausdruck und funkelnden Augen. Sie springt über die Bühne, amüsiert sich, bleibt aber immer konzentriert, und jeder Ton sitzt perfekt. Unglaublich.

Im Zugabenblock wirkt sie noch etwas erleichterter. Man merkt ihr an, wie schwer so ein Abend sein muss, wie viel Energie er kostet und wie hart es ist, wenn jeder kleinste Fehler sofort hörbar ist. Bei "Until My Last Breath", der dritten Zugabe, übernimmt das ganze Z7 laut und deutlich das »Oh-oh-oh«, bevor sich der Abend dem Ende zuneigt.

Ganz zum Schluss leitet sie "Against The Odds" mit den Worten »I hope that with this message I send you back home happy« ein. Die Nummer führt uns durch einen Kampf gegen Dunkelheit und Einsamkeit, mit Bildern aus Nacht und weitem Ozean. Dann findet der Abend den Ausweg und endet voller Zuversicht und Hoffnung mit den Worten »Rising against the odds, your fire will return«.

Die Musiker nehmen sich in die Arme, bevor sie nach vorne kommen und sich verbeugen. Auch hier spürt man die Harmonie zwischen ihnen.

Zum Abschied zeigt Tarja mit beiden Händen das Rockerzeichen, bevor sich alle zusammenfinden und ein Herz formen. Ein Herz, das man den ganzen Abend gespürt hat.

Die Tournee ist bald durch: Nach Köln, Frankfurt, Osnabrück und Gersthofen ist am 17. Oktober in Wien Schluss, bevor Tarja im Februar 2027 in Kaiserslautern wieder auf der Bühne steht.

Bildnachweis für alle Bilder des Events: © 2026 | Gerhard Hartsleben

Über den Autor

Gerhard Hartsleben

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