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Vibravoid / A Reason For Now – CD-Review

Vibravoid - A Reason For Now

Lange nichts mehr von Vibravoid gehört – seit dem Doppelschlag 2018 (das Studioalbum Vibration From The Cosmic Void und dem Live At Rheinkraut-Mitschnitt). Waren die Düsseldorfer von UFOs entführt, in die weiten des Weltraums entschwebt? Nein, sie veröffentlichten jedes Jahr mindestens ein Album und sogar einen Kurzfilm, mehr zu diesem später.

Im September erschien nun das zwanzigste Studioalbum "A Reason For Now". Respekt – zwanzig Scheiben seit der Gründung 1988, außerdem noch Tapes und Live-Mitschnitte. Wie machen die drei Musiker das – vor allem Bandchef Christian Koch – hat er noch einen Zwilling oder ist er doch ein Alien? Denn nebenher hat er noch ein Buchprojekt über die Düsseldorfer Untergrund- und Clubszene von 1967 bis 1992.
Bleiben wir bei dem Jahrzehnt der Anfangszahl, den 60ern. Wie bereits zuvor, gelingt der Musik von Vibravoid das Beamen zurück in diese Zeit – ohne sich nur auf diese Phase zu beschränken. Daran hat sich auch auf dem neuesten Werk nichts geändert.

A Reason For Now

Was ist der Grund? Gute Musik verbreiten – jetzt – also tauchen wir ein.
Gerade noch das spacige Cover betrachtet und die etwas buntere Rückseite, CD entnommen und los geht der Flug durch Raum und Zeit mit dem Opener "Till The End Of Time". Ganz so lange sind wir nicht unterwegs, der Trip dauert nur vier Minuten. Danach essen wir erst mal einen Zimtstern – oder soll "Cinnamon Star" die Landung auf einem solchen (wer weiß, was es alles gibt) andeuten… wie auch immer…

Vibravoid liefern hier und in den folgenden Stücken das, was ich (und andere) von ihnen erwarte – Psychedelic Rock / Pop, der in die aktuelle Zeit transportiert wird, dabei farbenfroh und lebendig wirkt. Das bunte Klanggebräu ist dabei mal eher fuzzig, dann spacig – mit einigen Geräuschen und dennoch melodisch, manchmal melancholisch, harmonisch trotz Verzerrung, progressiv mit einigen Feinheiten und dennoch tanzbar – hier muss ich an den Tanz bei "Raumpatrouille", der kultigen deutschen Science-Fiction-Serie der 60er, denken.
"Fuel The Flame", die Titelzeile bleibt hängen – ja, stimmt, so hieß die Tour im Mai, zu der ich es leider nicht geschafft habe. "Voice In The Cage" könnte auch 'Melodie im Ohr' heißen, kommt recht einschmeichelnd daher. Mit "Second Hand Toy" wird es wieder spaciger. Aber es macht wenig Sinn, einzelne Songs hervorzuheben, die Musik von Vibravoid wirkt in ihrer Gesamtheit.

Doch dieses Stück muss ich unbedingt extra erwähnen, das mehr als zehnminütige "Strassenbahn". Wer denkt da beim Lesen nicht sofort an "Autobahn" von Kraftwerk, ebenfalls aus Düsseldorf?? Das ist – natürlich – genau so gewollt. Statt »Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn« gibt es hier »Wir fahren, fahren, fahren mit der Strassenbahn« – so hört es sich für mich an – Lyrics liegen leider nicht bei. Ein fetter *Grinser* von mir dafür. Herrliche Hommage und ein gelungenes Finale für "A Reason For Now".
So weit, so gut – und das wäre völlig ausreichend für eine sich lohnende Veröffentlichung.

Im Zeichen des Zwilling

Aber es gibt noch einen Bonus, denn es handelt sich um eine 'enhanced CD' – so etwas hatte ich schon lange nicht mehr. In einen PC oder Laptop eingelegt gibt es neben den Musikdateien eine Anwendung, mit der sich ein 40-minütiger Kurzfilm starten lässt. Dieser wurde von Vibravoid bzw. Bandchef Christan 'Dr. Koch' in Eigenregie realisiert.  "Im Zeichen des Zwilling" wurde 2019 uraufgeführt und war danach nur auf exklusiven Events zu sehen. Auf "A Reason For Now" gibt es also nun die Erstveröffentlichung für zuhause.

Es handelt sich um einen Stummfilm (nur Geräusche, bzw. die Musik von Vibravoid) in schwarz-weiß. Erzählt wird die Geschichte zweier Brüder, von denen einer ein mysteriöses Buch mit seltsamer Wirkung (führt zu Visionen von u.a. Augen und Spiralen) auf ihn entdeckt. Gemeinsam mit seinem Bruder fliegt er mit einem Ballon zu einer Insel. Dort gibt es neben riesigen Pilzen auch einen Tempel. Erneut haben die Männer Visionen und erleben Zeitverlust, wachen auf und können sich nicht erinnern. Nach Rückflug nach London lesen sie dort in einem Zeitungsartikel etwas über Schulmädchen in Australien, die verschwunden waren und wieder auftauchten ohne Erinnerung was mit ihnen geschah.  Wer nun an "Picknick am Valentinstag" denkt, den Film von Peter Weir von 1975  (dieser hatte mich beindruckt als ich ihn gesehen habe) bzw. die gleichnamigen Buchvorlage, liegt richtig, es handelt sich um eine Art von Fortführung der Story. Denn die beiden Männer fliegen nun mit ihrem Ballon nach Australien zum Ort des Geschehens, um dort erneut mysteriöse Dinge zu erleben und schließlich eine und eine besondere Begegnung zu haben.

Das alles ist mit effektiven Tricks in Szene gesetzt, die im besten Sinne altmodisch wirken. Das Ergebnis ist atmosphärisch gelungen – vor allem angesichts der Tatsache, dass hier ohne Budget auf kleinstem Raum gedreht wurde. Neugierige sollten sich unbedingt den Trailer auf youtube ansehen.
Oder "A Reason For Now" kaufen, ein Werk mit Dualität in mehrerer Hinsicht – auf dem Cover ist ein Zwillingspaar zu sehen und die CD bzw. Vinyl-Ausgabe enthält zweierlei:
Der düster-experimentelle Film ist eigentlich nur Bonus zu den mehr 40 Minuten gelungen-intensiver Neo-Psychedelik – inklusive einer ÖPNV-Antwort auf einen der bekanntesten Krautrock-Hits. Vielen Dank dafür, Vibravoid – ich bin beeindruckt von diesem Gesamtpaket voller Kreativität.


Line-Up Vibravoid:

Christian Koch (Gesang, Gitarre)
Frank Matenaar (Perkussion, Schlagzeug)
Daria Treese (Orgel, Keyboard, Bass)

Tracklist "A Reason For Now":

  1. Till The End Of Time (4:02)
  2. Cinnamon Star (3:58)
  3. In The Sky Tonight (6:12)
  4. All The Scars Inside (3:26)
  5. Yellow Horizon (3:45)
  6. Fuel The Flame (3:37)
  7. Voice In A Cage (3:20)
  8. Second Hand Toy (3:35)
  9. Strassenbahn (11:34)

Exhanced Bonus für PC / Laptop "Im Zeichen des Zwilling" Film.

Gesamtspielzeit 43:34 (plus ca. 40 Minuten Film), Erscheinungsjahr: 2026

Über den Autor

Andrea Groh

Hauptgenres: Doom/Death/Black Metal, auch Post/Progressive/Pagan Metal u.a.
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